«Ich bin ein Neuling auf der anderen Seite»

Stefan Bürer - Seit drei Monaten ist Stefan Bürer im Amt als Kommunikations- und PR-Leiter der SC Rapperswil-Jona Lakers. Der Ex-SRF-Sportkommentator äussert sich über den neuen Job beim Eishockeyklub seines Herzens, seinen Abgang bei der SRG nach fast 30 Jahren – und über den Sender MySports.

von Tim Frei

Herr Bürer*, Sie haben über 36 Jahre lang als Journalist Fragen gestellt. Als Kommunikations- und PR-Leiter des Eishockeyvereins SC Rapperswil-Jona Lakers hat sich das geändert – Sie müssen Journalistenfragen beantworten. Haben Sie sich schon daran gewöhnt?
Ja, ich habe mich schnell daran gewöhnt. Es war aber auch kein komplettes Neuland für mich: Ich war das schon aus meiner Zeit beim Schweizer Radio und Fernsehen gewöhnt – als Tennis- und Eishockeyexperte gab ich entweder am Sender einem SRF-Kollegen Auskunft zu einem Thema oder bei Interviews externer Medien. Für mich war dieser Rollen- und Seitenwechsel kein Problem. Ich wusste, um was es geht, was ich bei den Lakers antreten werde. Ich habe mich auch entsprechend darauf vorbereitet. Dank meiner langjährigen Erfahrung im Eishockey weiss ich, dass ich Auskunft geben kann – ich muss ja nicht über Quantenphysik reden, wovon ich keine Ahnung habe (lacht).

Wie haben Ihre Ex-Kollegen aus dem Sportjournalismus auf Ihren Seitenwechsel reagiert?
Viele haben zu mir gesagt: «Seit du da bist, haben die Lakers Erfolg.» Darauf antworte ich meistens so: «Wenn wir fünfmal hintereinander verlieren, bin ich auch nicht schuld – genauso wenig, wie wenn wir fünfmal hintereinander gewinnen.» Mein Einfluss auf das Geschehen auf dem Eis hält sich in sehr engen Grenzen.

Dennoch: Der sportliche Erfolg dürfte Ihnen den Einstieg bei den Lakers erleichtert haben ...
Absolut. Für mich ist es viel angenehmer, wenn die Mannschaft erfolgreich ist, als wenn sie oft verliert und man ständig Fragen wie diese beantworten muss: Bleibt der Trainer noch?

Was war für Sie der ausschlaggebende Punkt zum Wechsel?
Zum einen die Herausforderung, mit 58 Jahren nochmals etwas Neues beim Klub meines Herzens anzupacken. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass man in diesem Alter überhaupt nochmal einen Job bekommt. Zum anderen, dass ich beim Fernsehen nicht mehr so glücklich war wie in den Jahren zuvor. Deshalb musste ich überlegen: Wie sieht der Rest meines Berufslebens aus? Möchte ich so weitermachen beim Fernsehen? Oder möchte ich den Schritt wagen, etwas Neues zu machen? Am Schluss war es klar für mich.

«Ich habe mich mit Haut und Haaren begeistert für die Aufgabe als SRF-Sportkommentator»

Inwiefern waren Sie nicht mehr glücklich bei SRF? War es nach so langer Zeit einfach etwas repetitiv, über Tennis und Eishockey zu berichten?
Überhaupt nicht! Ich habe meinen Job als Kommentator geliebt, ich habe mich mit Haut und Haaren begeistert für diese Aufgabe. Es war immer ein Traumjob für mich, und das ist es noch heute. Nur hat sich der Job durch die Sparmassnahmen und die Pandemie stark verändert: Heinz Günthardt und ich sind im Tennis praktisch an keinen Ort mehr hingereist – die letzten zwei Jahre haben wir alle Grand-Slam-Turniere aus Zürich kommentiert. Wenn du das andere erlebt hast vor Ort, dann ist es schwierig, den gleichen Enthusiasmus an den Tag zu legen.

Welche Rolle hat das immer näher rückende Karriereende von Roger Federer gespielt?
Eine wichtige, das gebe ich offen zu. Die Frage hätte sich sowieso gestellt, was ich danach machen würde. Denn für die Zeit nach Federer war klar, dass ich viel weniger Tennis kommentieren würde. Deshalb fragte ich mich: Wie sieht mein Pensum danach bei SRF aus? Diese Perspektive war für mich nicht so verlockend, dass ich bedingungslos sagen konnte, ich bleibe.

Dass sich das Arbeitsklima bei SRF Medienberichten zufolge verändert habe, haben Sie weniger wahrgenommen?
Doch, natürlich hat sich alles verändert durch den Digitalisierungs- und Transformationsprozess, der aus nachvollziehbaren Gründen Konsequenzen und Auswirkungen auf die Mitarbeiter hat. Dass dies die meisten nicht toll finden, ist auch klar. Deshalb ist es auch verständlich, dass einige sagen: «Das SRF geht diesen Weg, aber ich möchte diesen Weg nicht mitgehen.» Ich habe noch andere Herausforderungen in meinem Berufsleben gesehen. Deshalb war es für mich eine Chance.

«Ich glaube, dass der Stellenwert der SRG insgesamt etwas abgenommen hat»

Bei SRF gab es zuletzt überdurchschnittlich viele Abgänge von «Aushängeschildern» – vor allem auch im Sport. Worauf führen Sie das zurück?
Ältere oder etablierte Mitarbeiter haben Mühe damit, dass sich die Arbeit so schnell verändert. Vor fünf Jahren hätte man sich nie vorstellen können, dass sich das Fernsehbusiness so schnell wandelt. Ich glaube zudem, dass auch der Stellenwert der SRG insgesamt etwas abgenommen hat – und andere Medien immer wichtiger werden.

Sind die Privaten so viel attraktiver geworden?
Absolut. Ganz am Anfang wurden Teleclub und MySports als Nischenprodukte belächelt. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass sich diese Sender etablieren könnten – in der Schweiz ist der Pay-TV-Markt zu klein und eigentlich nicht refinanzierbar. Mit der Swisscom und der mit der Sunrise fusionierten UPC haben die Sender starke Firmen hinter sich, womit genügend Power vorhanden ist – sie können das tragen. Ich merke auch: Im Hockey hat sich MySports extrem etabliert.

Woran machen Sie das fest?
Wenn man mit Spielern oder Klubvertreten redet, wird MySports zurecht ernst genommen – der Sender hat sich bei den Profis etabliert. Dadurch ist seine Bedeutung gestiegen, wodurch auch für die Journalisten ein Arbeitsplatz ausserhalb von SRF attraktiver geworden ist. Für mich hätte dies auch zum Thema werden können, doch es wurde nie konkret. Mittlerweile kommentiere ich aber nebst meinem Job bei den Lakers ein- bis zweimal pro Monat ein Spiel der nordamerikanischen NHL für MySports.

Nach 28 Jahren in der «geschützten Werkstatt» der SRG plötzlich im Geschäftsleben, unternehmerisch denken, Kommunikation statt neutralem Journalismus. Wie haben Sie den Schritt erlebt?
Superspannend. Als ich angefragt wurde, bei den Lakers einzusteigen, und CEO Markus Bütler mir gesagt hat: «Ich kreiere einen neuen Job. Wenn du Interesse hast, nehme ich dich in die Geschäftsleitung» – von diesem Moment an ist es für mich reizvoll geworden. Denn ich hatte das bisher nicht gekannt, konkret ein Unternehmen mitzugestalten. Das ist für mich der spannendste Teil an diesem Job: Dass ich in einem kleinen Team in einer kleinen, vierköpfigen Geschäftsleitung den Weg eines Unternehmens mitbestimmen kann. Weil es ein kleines Team ist, kann man schnell etwas bewegen – die Wege von der Idee bis zur Umsetzung sind kurz. Bei SRF war dies anders.

Inwiefern?
Das Fernsehen ist diesbezüglich eine schwerfällige Geschichte: Es braucht von der Idee bis zur Umsetzung so viele Menschen, die involviert sein müssen, nur schon aus technischen Gründen. Das dauerte manchmal Monate.

«Ich möchte aber, wenn immer möglich, die Wahrheit sagen können»

Hand aufs Herz: Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen Know-how für diesen Job fehlen könnte?
Vor meinem Antritt machte ich mir darüber Gedanken, ob ich das überhaupt kann. Auch ich bin nicht frei von Selbstzweifeln – überhaupt nicht. Ich habe aber in meiner Journalistenzeit auch genau beobachtet, wie Sportvereine oder -vereinigungen wie die ATP Tour (Anm. d. Red.: die internationale Männertennis-Turnierserie) kommunizieren. Das hat mich immer interessiert. Von daher hatte ich den Aussenblick, wie sie das tun – und ich habe im einen oder anderen Fall durchaus überlegt: Haben sie es gut gemacht? Oder eher weniger? Und: Wie würde ich es vielleicht machen? In der Theorie hatte ich schon ein gewisses Wissen. Aber logisch, ich bin in dem Sinne ein Neuling auf dieser anderen Seite. Wenn man jedoch so lange dabei ist, bekommt man viel mit, hat Ideen.

Was ist denn Ihre Kommunikationsphilosophie?
Ich möchte so authentisch, transparent und offen wie möglich sein. Natürlich wird es immer Sachen geben, die man nicht sagen kann. Ich möchte aber, wenn immer möglich, die Wahrheit sagen können. Und ich möchte nahe bei den Leuten sein – das zeichnet Rappi auch aus, dass wir wirklich ein bodenständiger Verein sind, der sehr nahe bei den Fans ist. Das ist nicht überall der Fall. Seit dem Abstieg 2015 ist in dieser Hinsicht sehr viel gegangen. Man hat ja den ganzen Neuaufbau zusammen mit den Fans gemacht.

In Sachen Know-how: Holen Sie sich eigentlich Tipps Ihrer Frau und Ex-SRF-Journalistin Regula Späni, die heute unter anderem als Mediencoach tätig ist und einst für die Kommunikation der Lakers verantwortlich war?
Ich wäre ja dumm, würde ich dies nicht tun. Sie hat ein solch grosses Wissen in diesem Bereich. Für eine Medienschulung mit den Spielern konnte ich zum Beispiel von ihren Erfahrungen profitieren. Sie stellte mir ihre Unterlagen zur Verfügung. Wir tauschen uns natürlich regelmässig aus. Beim Neuanfang des Vereins hat sie übrigens entscheidend mitgeholfen – sie war stark daran beteiligt, dass man zurück zu den Klubfarben ging und dies mit den Fans zusammen kreiert hat. 

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für 2022?
Dass wir als Gesellschaft wieder zueinanderfinden. Mir bereitet es wirklich Sorgen, wie das auseinanderdriftet in der Pandemie. Logisch wünsche ich mir, dass es sportlich mit den Lakers so weiterläuft. Mal angenommen, wir holen uns das Playoff-Heimrecht, scheiden dann aber im Viertelfinal aus. Dann wird die Frage im Raum stehen: War das nun eine schlechte oder eine gute Saison? Ich bin gespannt, wie wir das kommunikativ verkaufen würden. Im Moment haben wir ein Hoch. Ich bin mir aber vollkommen bewusst, dass wieder andere Zeiten kommen – das gehört einfach zum Sport, du kannst nicht immer nur oben sein. Es braucht auch mal ein Wellental.


*Stefan Bürer ist seit Oktober 2021 PR- und Kommunikationsleiter beim National-League-Klub SC Rapperswil-Jona Lakers. Zuvor arbeitete der Rapperswiler 28 Jahre lang als SRF-Sportkommentator für Eishockey und Tennis. Als Tenniskommentator prägte er gemeinsam mit Heinz Günthardt eine Ära. Seine journalistische Laufbahn hatte Bürer 1985 bei Radio Zürisee gestartet, für das er Spiele des damaligen SC Rapperswil-Jona als Reporter begleitete.