Herr Stäuble, am Sonntag gehen die Olympischen Winterspiele mit der Schlussfeier zu Ende. Was war bislang Ihr Highlight?
Das Skispringen auf der Grossschanze. Es war einer der besten Wettkämpfe, die ich je erlebt habe, und dies bei absolut fairen Bedingungen. Eine Weitenjagd auf höchstem Niveau. Die Schweizer Springer konnten zwar nicht um die Medaillen mitkämpfen, zeigten aber auch sehr gute Sprünge. Es war eine Freude, diesen spannenden Wettkampf zu kommentieren.
Wo Hochs sind, gibt es auch Tiefs. Welches war für Sie der Tiefpunkt der diesjährigen Spiele in Peking?
Da muss ich passen, einen Tiefpunkt habe ich bis jetzt noch nicht erlebt. Natürlich gibt es Kleinigkeiten. Zum Beispiel, dass ich mir auch schon im Laufschritt eine Startliste besorgen musste, weil ich bei der Verteilung offenbar vergessen wurde. Oder dass es wegen Programm-Improvisationen etwas hektisch werden kann. Ein Tiefpunkt, ja, die Temperaturen, 90 Minuten bei minus 20 Grad draussen stehen, das ist eine Herausforderung. Aber dafür habe ich meinen wärmsten Mantel mitgenommen.
Strenge Regeln dominieren den Ablauf der Spiele. Ihre Kollegin Annette Fetscherin gab uns bereits einen Einblick (persoenlich.com berichtete). Wie erlebten Sie den Alltag in Peking?
Für mich ist der einzige Unterschied zu anderen Spielen, dass wir überall Masken tragen müssen. Wir liefern jeden Tag einen Covidtest ab und füllen einen kleinen Fragebogen zu Gesundheitsfragen aus – Zeitaufwand für beides zusammen etwa drei Minuten. Bei Interviews fällt die Verständigung etwas schwer, weil ich mit Maske die Athletinnen und Athleten auf zwei Meter Distanz im Lärm des Zielraums regelrecht anschreien muss, damit sie mich verstehen. Andererseits sind die Sicherheitsmassnahmen innerhalb der Bubble sehr diskret geworden, man spürt nichts mehr davon.
«Websites sind nur sehr eingeschränkt nutzbar»
In der Rangliste der Pressefreiheit belegt China einen der letzten Plätze. Inwiefern spürten Sie etwas davon?
Beim Internet in meinem Zimmer. Websites sind nur sehr eingeschränkt nutzbar. Aber ich berichte vor allem über den Sport, dort spüre ich logischerweise keine Einschränkungen. Nach ein paar kritischen Anmerkungen während der Eröffnungsfeier hörte ich aber nur Reaktionen aus den eigenen Reihen in Beijing. Offen gesagt, um diese Frage schlüssig zu beantworten, müsste ich schon als politischer Korrespondent tätig sein. Ein Aufenthalt von 20 Tagen in der Olympia-Bubble erlaubt mir kein kompetentes Urteil.
Bilder von der Big-Air-Schanze mitten in einem Industriequartier gingen um die Welt. Wie wirken die Sportstätten auf Sie?
Ja, die Umgebung der Big-Air-Schanze wirkt sehr befremdend, da stimme ich zu. Die Skisprung-Schanzenanlage in Zhangjiakou ist aber, wie die Sportstätten der Spiele von 2008, ein architektonisches Kunstwerk. Was mich beim Betrachten nachdenklich stimmt, ist die Frage, ob darauf jemals wieder gesprungen wird.
Die Skipisten mussten zu Beginn mit Kunstschnee in eine grüne Landschaft gepflanzt werden. Am Sonntag wurde China von heftigen Schneefällen heimgesucht. War das Fluch oder Segen?
Ein Segen natürlich. Endlich Schnee! Aber es war schon belustigend, wie die Helfer improvisieren mussten, um dieses seltene Naturereignis zu bewältigen. Teilweise wurden Abschrankungen zu Schneeschaufeln umfunktioniert. Es lagen ja nur ein paar Zentimeter, und hier im Bereich der Unterkunft war die weisse Pracht auf den Gehwegen schnell zur Hälfte mit Streusalzkörnern vermischt, dann war's nur noch Matsch.
«Die Schlussfeier wird wieder eine prächtige Show sein»
Am Sonntag kommentieren Sie die Liveübertragung der Schlussfeier. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ständig, indem ich möglichst viele Informationen über alle Wettkämpfe sammle. Die grössten, die überraschendsten, die kuriosesten Siegerinnen und Sieger, aber auch jene, die mit grossen Erwartungen hierhergekommen waren und keine Medaille gewannen. Die Fahnenträgerinnen und -träger sind noch nicht bekannt. Die Schlussfeier wird wieder eine prächtige Show sein. Es ist das Recht der Gastgebernation, sich im besten Licht zu präsentieren. In Sydney rockten INXS, Midnight Oil und Savage Garden, in Korea wurde der K-Pop zelebriert – ich bin gespannt auf Beijing. Die Schlussfeier ist eine Fleissaufgabe, aber auch Gelegenheit, etwas über den Tellerrand des Sports hinauszudenken.
Die Schlussfeier ist gleichzeitig Ihre Dernière als SRF-Sportkommentator. Was fühlen Sie im Moment?
Anspannung, ich sauge News auf, bereite mich vor, keine Zeit für Sentimentalitäten, ein anspruchsvoller Job steht bevor. Jedes Formel-1-Rennen, jedes Skispringen ist einfacher zu kommentieren, weil ich diese Sportarten seit drei Jahrzehnten verfolge. Das Spektrum einer Olympischen Schlussfeier geht noch etwas weiter. Ich bin froh, dass mein Kollege Manuel Köng mitkommentiert. Das bringt Raum, den Anlass auch zu zelebrieren, zu interpretieren, ohne die ganze Zeit auf die vorbereitete Liste schauen zu müssen.
33 Jahre waren Sie bei SRF. Bei 14 Olympischen Spielen waren Sie dabei. Welche waren die besten?
Lillehammer, weil dies die ersten Spiele waren, weil der Gigantismus noch nicht eingesetzt hatte, weil ein Kindertraum in Erfüllung ging, weil so viele Eindrücke auf mich wirkten. Vom sportlichen Erfolg her war es Salt Lake City. Die Olympiasiege von Simon Ammann sind natürlich die absoluten Höhepunkte meiner Laufbahn. Das hätte ich mir nie erträumen können, als ich 1992 begann, Skispringen zu kommentieren. In Salt Lake war ich ständig am Mikrofon, ich kommentierte auch Bob, Skeleton und Curling.
Sie erwähnen es: Sie haben bereits Simon Ammanns erste zwei Olympiasiege in Salt Lake 2002 kommentiert. Hand aufs Herz: Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie vor Ammanns Rücktritt in Pension gehen?
Darüber habe ich mir, ganz ehrlich, nie Gedanken gemacht.
Hat Simon Ammann den Absprung sprichwörtlich verpasst? Er konnte nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen.
Nein. Simon Ammann hat für den Schweizer Skisprungsport Erfolge erreicht, die fast surreal scheinen, wenn wir daran denken, wie viel wichtiger dieser Sport in Norwegen, Deutschland, Österreich oder Polen ist als in der Schweiz. Er ist einer der Superstars im Schweizer Sport und wird das immer bleiben. Walter Steiner, Olympia-Silbergewinner in Sapporo und Skiflug-Weltmeister, ist ja heute noch eine Ikone. Und Simon Ammann steht noch weiter oben. Soll er doch springen, solange er Freude daran hat. Er ist immer noch ein Zugpferd, ein Vorbild für alle Jungen. In den Biografien internationaler Springer wird nach dem «Hero», also Held oder auch Idol, gefragt. Bei vielen steht als Antwort Simon Ammann.
«Vom Skispringen hatte ich zu Beginn wenig Ahnung»
Sie sind vor allem bekannt als Formel-1-Kommentator. Was kommentierten Sie lieber: Formel 1 oder Skispringen?
Beide Sportarten sind mir gleichermassen ans Herz gewachsen. Die Formel 1 war für mich ein Wunschtraum, weil ich schon als kleines Kind die Rennen verfolgte. Vom Skispringen hatte ich zu Beginn wenig Ahnung, doch Trainer und Springer haben mich in die Geheimnisse dieses faszinierenden Sports eingeweiht. Und natürlich waren die Olympiasiege von Simon Ammann die schönsten Momente meiner beruflichen Laufbahn.
Sie sind 63 Jahre alt, gehen also vorzeitig in Rente. Reicht es Ihnen?
Auf keinen Fall! Nein, das Feuer brennt weiter, aber ich werde in diesem Jahr 64, und in einem Jahr wäre ohnehin Schluss gewesen. Wegen Corona habe ich die Formel 1 fast zwei Jahre lang nur noch aus dem Studio kommentiert. Während der Übertragung spüre ich zwar keinen Unterschied, denn auch vor Ort ist das Sendebild der wichtigste Anhaltspunkt. Auch alle Daten habe ich in Zürich zur Verfügung. Aber die Hintergrundinformationen erhält man nur durch Gespräche mit den Teams vor Ort. Da es in zwei Jahren viele Wechsel gegeben hat, müsste ich nochmals auf Vorstellungstour gehen.
Nun steht ein neues Leben vor der Tür. Haben Sie bereits Pläne?
2024 findet in Schaffhausen die Curling-WM der Männer statt. Als leidenschaftlicher Curler freue ich mich darauf, diesen Anlass mit einem topmotivierten OK zu organisieren. Selbstverständlich werde ich auch weiterhin die Formel 1 verfolgen, ab und zu im Letzigrund vorbeischauen, Tennis und Curling spielen. Das Kommentieren wird mir fehlen, aber es wird mir hoffentlich nicht langweilig.


