12.02.2014

Die Zeit

"Ich habe mich fürchterlich geärgert"

Eine Abstimmung zum Haare raufen: Matthias Daum, seit kurzem Schweiz-Chef von "Die Zeit", regte sich nicht nur über das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative auf, sondern auch über sich selber. Den Journalisten sei es nicht gelungen, die Vorteile der Zuwanderung zu erklären. Als Reaktion produzierte die "Zeit" für heute Donnerstag eine eigene Schweiz-Titelgeschichte - samt kämpferischem Manifest. Im Interview spricht der 34-Jährige zudem über seinen neuen Job und das Verhältnis zu Spin-Doctors und PR-Leuten.
Die Zeit: "Ich habe mich fürchterlich geärgert"

Herr Daum, herzliche Gratulation! Mit 34 Jahren sind Sie Schweiz-Chef von "Die Zeit". Wie bedeutungsvoll ist dieser Karriereschritt?
Er freut mich sehr und ist für mich eine riesige Chance. Und wohl auch eine Anerkennung für meine bisher geleistete Arbeit. Ich habe diesen Schritt nicht bewusst geplant. Das kann man nicht. Dennoch habe ich in letzter Zeit realisiert, dass mir eine Führungsaufgabe grossen Spass machen würde. Es ist spannend, zusätzlich zum journalistischen Arbeiten nun ein kleines Team zu leiten und ein Budget zu verantworten.

Was ging Ihnen am Sonntag, nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, durch den Kopf?
Ich habe mich fürchterlich geärgert. Auch über mich, da es uns Journalisten anscheinend nicht gelungen ist, den Schweizerinnen und Schweizern zu erklären, dass die Zuwanderung unterm Strich ein Segen für das Land ist. Dass eine städtischere, multikulturelle Schweiz eine schönere, interessantere, aufregendere Schweiz ist.

Welche Reaktionen erreichten Sie aus Deutschland?
Das Interesse an der Abstimmung ist extrem, das habe ich so bei kaum einem anderen Schweizer Thema erlebt. Unsere Kollegen von Zeit-Online sind seit dem Sonntagnachmittag am Thema dran. Es herrscht einerseits basses Erstaunen über den Entscheid, viele Kollegen fragen sich, wie ein Volk auf die wahnwitzige Idee kommen kann, seinen eigenen Wohlstand zu beschneiden. Gleichzeitig ist man aber auch sehr selbstkritisch und fragt sich: Wie hätten wohl die Deutschen entschieden?

Nun greifen Sie das Thema in der aktuellen "Zeit" auf.
Ja. Wir haben alle Seiten umgestellt und eine eigene Titelgeschichte für die Schweiz produziert. Unter anderem drucken wir am Donnerstag ein kämpferisches Manifest junger Schweizer, die sich ihr weltoffenes Land nicht nehmen lassen wollen. 

Was könnte sich für Sie nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ändern? 
Was die Folgen für unser Blatt sein werden, kann ich nicht abschätzen. Ich vermute aber, dass unter den 49,7 Prozent, die ein Nein in die Urne legten, einige sind, die sich nun eine Stimme von Aussen wünschen. 

Sprechen wir über Ihren neuen Job: Wie werden Sie den Schweiz-Teil positionieren?
Ich werde sicher nicht alles auf den Kopf stellen. Schliesslich hat mein Vorgänger Peer Teuwsen, der die Schweiz-Seiten aufbaute, und von dem ich persönlich sehr viel lernen durfte, in den letzten fünf Jahren unglaubliche Arbeit geleistet. Dank ihm wurde "Die Zeit" zu einer Stimme im Land. Er bleibt den Schweiz-Seiten auch als Herausgeber erhalten – wir werden uns also auch in Zukunft intensiv austauschen. Und ich mache den Schweiz-Teil übrigens nicht allein. Mit Sarah Jäggi haben wir seit letztem Herbst eine mutige Journalistin im Team. Auch Ralph Pöhner wird weiter als Autor für uns schreiben. Zudem werde ich auf die Mitarbeit unsere scharfsinnigen Kolumnisten Anita Fetz und Tito Tettamanti zählen dürfen. Und Daniele Muscionico schreibt seit Januar eine monatliche Kulturkolumne. Natürlich habe ich aber auch neue Ideen, die ich einfliessen lassen werde. Das ist von Patrik Schwarz, der in Hamburg alle Regionalausgaben verantwortet, auch so gewünscht. Ich möchte noch häufiger jüngere Meinungsautoren, die einen frischen Blick aufs Land haben, ins Blatt holen. Es gibt in der Schweiz mehr kluge Köpfe als die immer gleichen alten grauhaarigen Männer, die überall sonst zu Wort kommen.

Zum Beispiel?
Wir brachten vor einiger Zeit als erste ein Porträt über den aussenpolitischen Think Tank Foraus. Heute ist er in der Schweizer Politik etabliert. Geschichten in dieser Art soll es künftig noch mehr geben. Unsere drei Seiten sollen eine Art Labor sein, bei deren Lektüre man unsere Risikofreude, unseren Mut spürt, im besten Fall auch mal zünftig lachen muss – und wo ein Experiment auch mal scheitern darf.

Wie grenzen Sie sich von der Konkurrenz ab?
Wie wir das schon bisher versuchen. Wir wollen überraschender und cleverer sein als andere Wochenpublikationen. Manchmal gelingt uns das sogar. Unser Vorteil ist, dass wir nur drei Seiten zur Verfügung haben. Diese erzwungene Konzentration ist unsere Stärke. Wir haben keinen Pflichtstoff. Wir können es uns leisten, gewisse Themen wegzulassen.

Der Schweiz-Teil soll sich viel eher von der Konkurrenz abgrenzen als vom restlichen Inhalt der "Zeit".
Ja, denn der typische "Zeit"-Journalismus entspricht mir sehr: Hintergrundberichte und Analysen aus einer gewissen Distanz. Aus der Primeurjagd der Sonntagszeitungen halten wir uns ja weitgehend raus. Mich interessiert das nicht. Ich mag es auch nicht, Spielball von Spin-Doctors und PR-Leuten zu sein.

PR-Schaffende sind bei Ihnen an der falschen Adresse?
Wenn mir ein Spin-Doctor eine Story unterjubeln will, schaue ich meist doppelt oder dreimal so gut hin. Aber klar, man braucht Leute, die einem Geschichten stecken. Ich habe jedoch ein gesundes Grundmisstrauen gegenüber der PR- und Lobbyingbranche und kann selber einschätzen, wann eine Angelegenheit eine Story ist und wann nicht.

Ihr Vorgänger Peer Teuwsen äusserte sich häufig SVP- oder medienkritisch. Ist von Ihnen Ähnliches zu erwarten?
Peer Teuwsen und ich haben in den letzten Jahren toll zusammengearbeitet und sind gerade in diesen Fragen meist einer Meinung. Wer meine Texte liest, weiss, dass ich das Heu mit der SVP nicht auf derselben Bühne habe. Mich beschäftigt aber vielmehr ihr Gedankengut, das bis weit ins linke Lager ausstrahlt, als die Partei per se – bei der SVP weiss man wenigstens, woran man ist. In der Schweiz herrscht zurzeit eine Angst vor der Zukunft und dem Fremden. Gerade auch unter sehr gut Ausgebildeten in meinem Alter. Ich vermisse da manchmal den Mut. Auch im Beruf. Wieso sich fürchten, wenn man einen ausländischen Chef vor die Nase gesetzt kriegt? Das ist doch spannend.

Sie selber haben deutsche Chefs, zwar nicht im Büro in Baden, jedoch in Hamburg.
Ich mag die Hamburger, nicht nur die Chefs. Unsere Layouter, Bildredaktoren und Korrektoren sitzen alle im Norden. Mir gefällt die trockene, norddeutsche Art. Die Leute kritisieren hart, reden nicht lange um den heissen Brei, aber es geht immer um die Sache – und nicht um die Person. Gleichzeitig ist der Umgang in der "Zeit" sehr herzlich, geradezu familiär. Das merkte ich, als ich anfangs meine E-Mails nach Hamburg mit "freundlichen Grüssen" schloss und immer ein "Herzlich" zurück erhielt. Solche Umgangsformen binden einen ans Unternehmen.

Inwiefern profitiert Ihr Titel von der Zuwanderung aus Deutschland?
Unsere Leser sind zu 70 Prozent Schweizer, 30 Prozent sind in der Schweiz lebende Deutsche. Wir schreiben auf unseren Seiten für eine Leserschaft, die sich stark für die Schweiz interessiert.

Aufgrund von Peer Teuwsens Wohnort ist Ihre Redaktion in Baden stationiert. Bleibt das so?
Ja, das Büro in Baden werden wir behalten. Da ich in Zürich wohne, bin ich um eine gewisse geografische Distanz froh. Zudem wirft man einen anderen Blick auf die Schweiz, wenn man mit dem Zug in den Aargau pendelt – und nicht nur mit dem Tram zwischen dem Kreis 4 und dem Seefeld.


Matthias Daum ist in Stäfa aufgewachsen. Nach der Matur absolvierte er ein Volontariat bei der "Zürichsee-Zeitung", wo er auch noch während dem Studium als freier Mitarbeiter arbeitete. Er schrieb vor allem über Popmusik, Kunst und Architektur. Nach dem Studium absolvierte der heute 34-Jährige ein Volontariat im Inland-Ressort der NZZ, zudem betreute er in einem kleinen Fixpensum den Blog "NZZ Votum" und schrieb für die NZZ, die "NZZ am Sonntag" oder fürs "Folio" – und später für "Die Zeit". "Meine Faszination für den Journalismus entspringt meinem großen Interesse für Politik", sagt er. Daum studierte Philosophie und Geschichte. Eines seiner publizistischen Steckenpferde ist die Raumplanung. "Als Jugendlicher wollte ich Architekt werden, bis ich merkte, dass man dafür gut in Mathematik sein muss. Was ich definitiv nicht war. Am Thema Raumplanung fasziniert mich, dass es unglaublich komplex ist und trotzdem uns alle ganz direkt betrifft. Ich muss mich dabei mit Steuern, Mobilität oder dem Immobilienmarkt ebenso wie mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigen."

"Die Zeit Schweiz" beschäftigt neben Matthias Daum zwei Mitarbeiter (Sarah Jäggi und eine weitere Person, die derzeit noch nicht bekannt ist). Die Zusammenarbeit mit freien Autoren ist von grosser Bedeutung. Die Wemf-Auflage beträgt 10'000/18’000.


Interview: Edith Hollenstein, Bild: zVg

 



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