22.07.2008

Tony Immer

"Im Konzessionsgebiet ist ein Zenit erreicht"

Der Chefredaktor von Radio Zürisee im Gespräch.

DRS 3 ist der grosse Sieger beim aktuellen Vergleich der Radio-Hörerzahlen. Zum diesem Erfolg haben auch Radio Zürisee und andere Privatsender beigetragen, meint Zürisee-Chefredaktor Tony Immer. Durch Personal, das von den Privaten zum öffentlich-rechtlichen Radio gewechselt hat, aber auch durch Mitbewerber, die andere schlecht reden.

Herr Immer, warum hat Radio Zürisee gegenüber dem Vorjahr Hörer verloren?

Vor einem Jahr konnte Radio Zürisee mit über 199'000 täglichen Hörerinnen und Hörern einen absoluten Semester-Rekordwert ausweisen. Bereits damals war uns bewusst, dass diese Zahl relativ zu sehen resp. als statistischer Ausreisser nach oben zu interpretieren ist. Viel aufschlussreicher ist für uns der Semester-Vergleich in den vergangenen zwei Jahren.

Und was hat Ihnen dieser gezeigt?

In drei von vier Semestern weist Radio Zürisee praktisch identische Werte auf, was uns zeigt, dass im aktuellen Konzessionsgebiet möglicherweise ein Zenit erreicht ist. Zum Vergleich: wir haben derzeit rund 30 Prozent weniger potentielle Hörerinnen und Hörer wie die Zürcher Stadtsender NRJ und 24. Erfreulich dabei ist, dass wir unsere Tagesreichweite im ersten Semester des laufenden Jahres im Vergleich zum zweiten Semester 2007 sogar leicht steigern konnten, trotz des Markteintritts von Radio 1. Erfreulich für Radio Zürisee ist zudem, dass wir sowohl beim Marktanteil als auch bei der Hördauer zulegen konnten. Unter den sechs führenden Schweizer Privatradios weist Radio Zürisee mit 49.2 Minuten die längste Hördauer aus.

Die Privatradios haben insgesamt an Reichweite eingebüsst. Die SRG-Sender haben zulegen können. Wie erklären Sie sich diese Schere?

Grosse Siegerin im ersten Semester 2008 ist DRS3. Zu diesem Erfolg gratulieren wir Programmleiter Robert Ruckstuhl und seine Crew. An dieser Stelle erlaube ich mir jedoch die Anmerkung, dass DRS3 je länger je mehr vom grossen Know-How der Privaten profitiert, was sich logischerweise auch in den Hörerzahlen niederschlägt. Die SRG hat es in den vergangenen Jahren geschafft, dank sehr guten Löhnen und attraktiven beruflichen Perspektiven unzählige Privatradio-Leute an Bord zu holen. Zu diesen Leuten gehören gleich mehrere ehemalige Mitarbeitende von Radio Zürisee. Robert Ruckstuhl beispielsweise hat das Radiohandwerk bei Radio Zürisee erlernt und agierte bei uns mitunter erfolgreich als Programmleiter.

Eine zweite Erklärung für die von Ihnen genannte Tatsache ist in der laufenden Neukonzessionierung zu suchen, welche in der Hörerschaft meiner Meinung nach eine gewisse Verunsicherung ausgelöst hat. Dazu beigetragen haben leider auch gewisse Mitbewerber, welche versuchen, die bestehenden Privatsender schlecht zu reden.

Experten wie Bendicht Luginbühl oder der Medienforscher Mirko Marr sind überzeugt, dass die Informationsleistung im Radio für die Senderprofilierung wieder an Bedeutung gewinnt. Teilen Sie diese Meinung?

Ein Schweizer Privatsender kann meiner Ansicht nach langfristig nur dann mit Erfolg auf dem Markt bestehen, wenn er lokal verankert ist und eine entsprechend qualitativ hochstehende Informationsleistung erbringt. Für uns steht deshalb schon seit längerer Zeit fest, dass wir unsere Informationsleistung im neuen Konzessionsgebiet Zürich-Glarus weiter sukzessive ausbauen werden.

Wäre es vorstellbar, dass die Privaten für gewisse Informationsleistungen Kooperationen eingehen -- quasi eine Art Mantelredaktion entstünde?

Vor wenigen Tagen kommunizierte Radio Zürisee die Übernahme des Bundeshaus-Radios. Dieser Korrespondenten-Dienst beliefert 16 Schweizer Privatradios täglich mit aktuellen Berichten über das politische Geschehen im Bundeshaus. Radio Zürisee wird diesen Dienst in der gleichen Form weiterführen. Wir übernehmen damit eine grosse Verantwortung und wollen beweisen, dass sich eine Mantelredaktion auch in unserer Branche durchaus bewährt.

Könnten Sie sich auch gemeinsame Ausbildungs- und Talentpools vorstellen?

Wir sind grundsätzlich immer offen für gute Ideen. Unser internes Ausbildungs-Programm bewährt sich jedoch seit Jahren, weshalb wir diesbezüglich im Moment keinen Handlungsbedarf haben. Wir bieten beispielsweise seit fast drei Jahren mit Erfolg Kurse für potentielle Radio-Einsteiger an. Mehrere dieser Kursteilnehmer haben später bei Radio Zürisee ein Moderations- oder Redaktionspraktikum absolviert; einige von Ihnen sind heute festangestellt.

Wohin muss sich das Medium Radio bewegen, um auch in Zukunft bestehen zu können?

Der konkrete Nutzen für die Hörerschaft eines Radio-Programms wird in Zukunft vermehrt im Vordergrund stehen. Nicht die Verpackung, sondern die Inhalte werden matchentscheidend sein. Die Zeiten, als Berater aus dem Ausland in der Schweiz vieles hin zum Positiven bewegt, teilweise aber auch unüberhörbare Schäden angerichtet haben, sind zum Glück vorbei.

(Interview: Stefan Wyss)


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