30.10.2013

Zürcher Studierendenzeitung

"In der Redaktion roch es nach Ratten"

Constantin Seibt, Mathias Ninck, Ursula von Arx und Ruedi Widmer zum ZS-Jubiläum.
Zürcher Studierendenzeitung: "In der Redaktion roch es nach Ratten"

Aus Geldmangel gab es meistens Spaghetti ohne Sauce. Dafür Whiskey morgens um sieben - und in der Nacht Morddrohungen. So erinnert sich Tagi-Journalist Constantin Seibt an seine Zeit bei der "Zürcher Studierendenzeitung" (ZS), die am Freitag ihr 90-jähriges Bestehen feiert. Was lernt man bei der ZS für die Karriere? persoenlich.com hat vorab nicht nur mit Seibt (links im Bild, mit Rollkragenpulli und Zigarette), sondern auch mit anderen ehemaligen ZS-Schreibern - wie Mathias Ninck, Ursula von Arx und Ruedi Widmer - in Erinnerungen geschwelgt. 

Für viele angehende Journalisten ist eine Studierendenzeitung ein wichtiges Sprungbrett in die Medienbranche. Nicht nur Schriftsteller wie Max Frisch und Kurt Tucholsky, sondern auch heutige Journalistengrössen wie Constantin Seibt oder Mathias Ninck haben schon für die "Zürcher Studierendenzeitung" (ZS) geschrieben. Letztere werden am Freitag, 1. November im Rahmen des ZS-Jubiläumsfestes im Zürcher Provitreff (Sihlquai 240) an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Sie diskutieren ab 20 Uhr mit den Nachwuchsjournalisten Nina Kunz und Corsin Zander (beide ZS) über die Zukunft der "Zürcher Studierendenzeitung" und des Journalismus.

persoenlich.com hat bei den ehemaligen ZS-Journalisten Constantin Seibt, Mathias Ninck und Ursula von Arx sowie beim bekannten Illustrator Ruedi Widmer nachgefragt, was ihnen die Zeit bei der "Studierendenzeitung" gebracht hat und woran sie sich heute noch gerne erinnern. 


Constantin Seibt (*1966), Journalist "Tages-Anzeiger"

Foto: Besetzung deutsches Seminar im Jahr 1989.

"Die Arbeit bei der Studierendenzeitung hat mir für meine journalistische Karriere eine Menge gebracht. Zu meiner Zeit war die Zeitung fast pleite, die ganze Redaktion unerfahren, die Räume widerlich. Die Redaktion lag in einem verlassenen Verwaltungsgebäude, wo in einem Kellerlabor Ratten untersucht wurden. Nach ihnen roch es. Aus Geldmangel assen wir fast nur Spaghetti ohne Sauce und als Illustration mussten wir immer wieder dieselben Fotos aus einer Schuhschachtel bringen - immer wieder mit neuer Legende. Doch dafür hatten wir volle Freiheit. Wir griffen Rektorat und die Konkurrenzblätter an, stellten Politikern die philosophischen Menschheitsfragen ("Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?"), gaben karrierebewussten Studenten Tipps wie man sich in der Militäraushebung psychologisch untauglich stellt, um keine Zeit zu verschwenden, beschrieben Debatten als Fussballspiel, experimentierten mit Fortsetzungsromanen und gründeten gegen den damals in der Uni starken Psychoverein VPM die Sekte VTM - den Verein technischer Menschenkenntnis. Unser Konzept war das Konzept Raumschiff. Denn wir hatten beim Durchblättern alter Jahrgänge festgestellt, dass die ZS nur in den Zeiten interessant gewesen war, in denen an der Uni Aufruhr herrschte - und anfangs der 90er-Jahre war die Uni tot wie die sieben Samurai schon im letzten Jahrhundert. Also mussten wir allein für Aufregung sorgen - ohne uns auf Hilfe von aussen verlassen zu können. Das gelang uns Woche für Woche nicht schlecht. Wir erhielten fassungslose Leserbriefe, einen Anzeigenboykott der UBS und sogar nächtliche Morddrohungen. Man konnte alles ausprobieren in Sachen Stil und Geschmack, denn niemand hatte die geringste Macht über uns: Wir waren sorglos, pleite und ohne Namen. In der letzten Nacht vor dem Redaktionsschluss arbeiteten zwei oder drei von uns durch. Bei Müdigkeit schlief man auf einem winzigen grünen Sofa. Wenn man sich darauf umdrehte, fiel man auf den Boden und arbeitete weiter. Morgens um sieben gab es Whiskey. Kurz: Es waren perfekt investierte eineinhalb Jahre. Was ich der ZS zum 90. Geburtstag wünsche? Dasselbe wie jeder Oma: Rheumasalbe und Weisheit."


Mathias Ninck (*1969), Journalist "Das Magazin"

Bild: Mathias Ninck als Student in Sanaa/Jemen

"Die Studierendenzeitung war ein Übungsfeld für mich. Ich konnte Formen und Themen ausprobieren, durfte damit auf die Schnauze fallen, es machte nichts. Niemand hat das Blatt gelesen. Ich erinnere mich noch gut an die Umstellung auf den Radikalsprachfeminismus. Ich fands zuerst lustig, dann total hirnverbrannt. Möge die Zeitung in der Zukunft viele gute Geschichten bringen, die für Aufsehen sorgen an den Hochschulen!"


Ursula von Arx (*1967), Autorin und Journalistin

 
"Ausdauer, Gnadenlosigkeit, Offenheit, einen weiten Horizont und Humor. Das alles hat mit die ZS gebacht. Ich habe dort so begeisterte wie begeisternde Leute kennengelernt, zum Beispiel Constantin Seibt, Anna Gossenreiter oder Markus Storrer. Ich erinnere mich noch gut an die nächtelangen Diskussionen um die Einführung der weiblichen Form. Was zur Folge hatte, dass im ZS-Universum Mörder zu Mörderinnen wurden. Der Zustand war leider von kurzer Dauer."
 

Ruedi Widmer (*1973), Illustrator WOZ und "Tages-Anzeiger"

"Wenn man Pressecartoon auch als Journalismus bezeichnen würde, hätte mir die ZS die ersten Erfahrungen damit gegeben. Meine damalige Cartoon-Serie "Der freche Siech" wurde von verschiedenen Leuten gehasst, weil sie "so husch husch hingeschmiert" war. Heute erlebe ich solche Kontroversen leider nicht mehr. Ich wünsche mir, dass die ZS alle fünf Jahre zwei Dutzend engagierte und unbequeme Journalistinnen und Journalisten ausspuckt."


Zur Geschichte der Zürcher Studierendenzeitung
Im Februar 1923 gründeten Studenten der Universität Zürich den "zürcher student". Schon bald geriet die Zeitung in braunes Fahrwasser, der damalige Schriftleiter fuhr bis in die 1930er-Jahre einen rechten Kurs. So war die ZS eine der ersten Zeitungen, die frontistische Texte druckte. In den 1960er- und 1970er-Jahren bildeten sich unter den politischen Studierenden an der Universität Zürich linke Mehrheiten, dies bekam auch die ZS zu spüren. 1981 wurde der "zürcher student" in "zürcher student/in" umgewandelt. 1993 verlor die Zeitung gar noch den Querstrich und wurde fortan "zürcher studentin" genannt. In der Zeitung dominierte die weibliche Form, so war selbst dann von der Bundesrätin die Rede, wenn man über einen Bundesrat schrieb. 

Nach der Jahrtausendwende geriet die ZS in arge finanzielle Nöte, das Ende der traditionsreichen Studierendenzeitung schien nahe. Doch zusammen mit "iQ", der Quartalszeitung der ETH, gelang der ZS ein Relaunch. Seit 2007 erscheint die ZS unter dem geschlechtsneutralen Namen "Zürcher Studierendenzeitung" im Tabloid-Format und finanziert sich ausschliesslich durch Inserate. Sie berichtet laut Medienmitteilung unabhängig über das Geschehen am Hochschulstandort Zürich. 2008 und 2010 wurden ZS-Artikel mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet, 2013 erhielt die Zeitung den ProCampus-Presse-Award als beste Studierendenzeitung im deutschsprachigen Raum.

 

Umfrage: Seraina Etter, Text: pd/set

 


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