Wer heute wissen will, was in seiner Gemeinde läuft, kann sich vielfältig informieren: in Facebook-Gruppen, auf der Website der Verwaltung, im Vereins-Newsletter, in Messenger-Chats. Die Lokalzeitung ist nur noch eine Stimme unter vielen. «Wer in der lokalen Gesellschaft etwas erreichen oder über sie wissen will, ist auf Lokalmedien kaum noch angewiesen», schreibt Otfried Jarren in einem Beitrag für den Evangelischen Pressedienst (EPD Medien). Der Medienforscher präsidierte von 2013 bis 2021 die Eidgenössische Medienkommission (EMEK). Seine Antwort auf die zersplitterte lokale Öffentlichkeit: ein «Local Open Public Space», der die vielen Angebote auf einer gemeinsamen, öffentlich zugänglichen Plattform bündelt.
Vorgebracht hat Jarren die Idee in einem Appell, den er gemeinsam mit dem Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (VHW) Anfang Juni veröffentlicht und im erwähnten Beitrag begründet hat. Politik und Zivilgesellschaft sollen lokale Plattformen als Kommunikationsinfrastruktur fördern sowie rechtlich und organisatorisch verankern. Grundlage ist eine im April publizierte Studie des VHW, an der neben Jarren der Berliner Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger, Forschende der Hochschule Düsseldorf und das Sinus-Institut mitgewirkt haben. Untersucht wurden drei deutsche Regionen.
Schweizer Forschung als Grundlage
Für ihre Diagnose greift die Studie wiederholt auf Schweizer Forschung zurück. Eine Inhaltsanalyse des Fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich wies anhand von sechs regionalen Tageszeitungen Lücken in der lokalen Berichterstattung nach (Vogler et al. 2023). Wo der lokale Zeitungsmarkt schwach ist, fällt zudem die Beteiligung an kommunalen Wahlen geringer aus, wie eine weitere Schweizer Studie zeigt (Kübler & Goodman 2018).
Als Antwort schlagen die Forschenden einen öffentlich finanzierten «Local Open Public Space» pro Gemeinde vor: einen Content-Hub, auf dem Verwaltung, Vereine, Parteien und Journalismus ihre Angebote bündeln. Die Plattform soll auf offener Software basieren und nicht mit kommerziellen Anbietern konkurrieren, sondern als öffentliche Grundversorgung gelten – vergleichbar mit Strassen oder der Wasserversorgung. Das Konzept knüpft dabei an eine Schweizer Debatte an: Die Studie bezieht sich ausdrücklich auf das Emek-Diskussionspapier «Vom ‹profit space› zum ‹public space›» aus dem Jahr 2025, das den medialen Service public als Infrastruktur denkt. Direkte Beihilfen zum Erhalt bestehender Lokalmedien hält Jarren dagegen für wenig sinnvoll, weil sich die kommunikativen Bedingungen bereits grundlegend gewandelt hätten und sich unter dem Einfluss künstlicher Intelligenz weiter verändern würden.
Offen bleiben Trägerschaft, Finanzierung und Governance der Plattformen. Jarren verweist auf das EU-Programm «AgoraEU», das eine Plattformförderung ermögliche; erste deutsche Bundesländer seien aktiv. (nil)

