Die "Zeit"-Titelgeschichte zur Frage "Wie kann man die SVP stoppen?" (persoenlich.com berichtete) wird heftig diskutiert, auch bei der "Weltwoche". Bundeshaus-Redaktor Markus Schär beklagt, dass statt einer Debatte über den künftigen Weg der Schweiz "ein Duell der Beschimpfungen und Verhöhnungen stattfindet" und schreibt in einem persoenlich.com-Blogeintrag von einem "Muster", das sich "immer deutlicher abzeichnet".
Herr Schär, Sie haben sich nach dem "Zeit"-Schwerpunkt zur Frage "Wie kann man die SVP stoppen" bei uns gemeldet. Was ärgerte Sie besonders?
Bevor ich das Interview mit Redaktionsleiter Matthias Daum las, hatte ich gerade daran gedacht, für die "Weltwoche" einen Kommentar dazu schreiben, dass statt einer offenen Debatte über den künftigen Weg der Schweiz ein Duell der Beschimpfungen und Verhöhnungen stattfindet. Denn bei ähnlichen Stellungnahmen, die ich in den letzten Wochen mitbekam, zeichnete sich überdeutlich ein Muster ab.
Was meinen Sie mit "überdeutlichem Muster"?
Die Bürgerinnen und Bürger, die am 9. Februar die Masseneinwanderungsinitiative annahmen, müssen sich in letzter Zeit immer wieder als von Demagogen verführte Herde verunglimpfen lassen. Irgendwelche Geistesgrössen, zumindest im Selbstverständnis, beschimpfen und verhöhnen die Volksmehrheit, entziehen sich aber jeder Debatte: So der Club Helvétique mit seinem Manifest zum 1. August, die Journalistin Joëlle Kuntz und der Philosophieprofessor Georg Kohler in der "Sternstunde Philosophie" oder der Multimilliardär Hansjörg Wyss letzte Woche bei seinem Auftritt in Bern. Es lohnt sich nicht, sich darüber aufzuregen, aber es befremdet mich. Und in dieses Muster schien sich die Übung der "Zeit“ einzufügen, besonders nach ihrem peinlichen Gespräch mit Jakob Kellenberger.
Dass der ehemalige EDA-Staatssekretär und IKRK-Präsident der "Zeit" ein Exklusiv-Interview gab, ist nichts Ungewöhnliches.
Ich bemühte mich schon im Sommer und nochmals vor zwei Wochen um ein Gespräch mit dem interessanten Zeitzeugen, der in seinem Buch, das nächste Woche herauskommt, gemäss Ankündigung "unverblümt die Dinge beim Namen nennt". Der Verlag sagte mir aber, Kellenberger verbitte sich Vorabdrucke und gewähre gar keine Interviews.
Er wollte offenbar einfach nicht mit der "Weltwoche" reden. Nun sind Sie sauer.
Ich habe Jakob Kellenberger noch nie etwas zu Leide getan. Und er redet ja mit den anderen Kollegen auch nicht, nur mit der gleichgesinnten "Zeit", wo er keine kritische Frage fürchten muss. Dabei sagt er in diesem Interview, sein Motiv, das Buch zu schreiben, sei es gewesen, "einfach gewisse Dinge zu sagen, die andere nicht mehr sagen können oder nicht mehr sagen zu können glauben". Dieses Verhalten macht mich nicht sauer. Ich finde es einfach – na ja, dafür kann sich jeder und jede das passende Adjektiv einfallen lassen.
Was genau fordern Sie von Ihren EU-freundlicheren Berufskollegen?
Sie sollten weniger die Mikrofonhalter für eigennützige Polemiker wie Martin Landolt oder Christian Levrat spielen, sondern für echte Debatten sorgen. Die "Zeit" macht mal einen Anfang, das anerkenne ich. Aber ich erwarte, dass sie der Gegenseite auch den gebührenden Platz gibt. Und vor allem, dass sie dafür sorgt, dass sich ihre Lieblinge der Debatte stellen.
Fragen: Edith Hollenstein, Bild: Die "Weltwoche"-Redaktion im Januar 2012 (Keystone, Gaetan Bally)