26.07.2026

Tamedia

«Mich beeindruckt die Kraft der beiden Frauen»

Roland Gamp und Oliver Zihlmann haben aufgedeckt, wie ein ehemaliger SVP-Grossrat laut Anklage über Jahre Frauen betäubte und missbrauchte. Im Interview schildert Reporter Gamp, wie die Recherche zu einem der grössten Missbrauchsfälle entstand – und warum die Redaktion den Beschuldigten mit vollem Namen zeigte.
Tamedia: «Mich beeindruckt die Kraft der beiden Frauen»
«Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht, die Schwere der mutmasslichen Übergriffe zu erfahren», so Roland Gamp, Redaktor und Reporter Recherchedesk Tamedia. (Bild: Tamedia/Urs Jaudas)

Ein ehemaliger SVP-Grossrat aus dem Aargau soll über Jahre hinweg mehrere Frauen betäubt und sexuell missbraucht haben – darunter eine damals 14-Jährige. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem mehrfache Vergewaltigung, Schändung und versuchten Mord vor; er bestreitet wesentliche Teile der Vorwürfe. Aufgedeckt hat den Fall eine Tamedia-Recherche von Roland Gamp und Oliver Zihlmann, die in zwei Teilen erschien: Der erste schildert die Taten aus Sicht der Betroffenen Iwona und Paula L., die sich dafür erstmals öffentlich zeigten. Der zweite Teil beleuchtet, wie die Aargauer Behörden mit den beiden nach der Verhaftung umgingen. Im Interview schildert Roland Gamp, wie diese Recherche entstand – und welche schwierigen Entscheide sie mit sich brachte.

Roland Gamp, wie sind Sie an Iwona und Paula L. herangekommen, und wie lange hat es gedauert, bis die beiden bereit waren, mit Gesicht und Namen an die Öffentlichkeit zu gehen?
In den Gesprächen mit den beiden hat sich bald gezeigt, dass dies ihr ausdrücklicher Wunsch ist, weil sie anderen Betroffenen ein Gesicht geben wollen. Wichtig war von unserer Seite, ihnen auch mögliche Konsequenzen aufzuzeigen. So werden Opfer, die sich öffentlich zeigen, auch immer wieder angefeindet. Dazu, wie der Kontakt zustande kam, kann ich nichts sagen.

Sie haben die Recherche gemeinsam mit Recherchedesk-Leiter Oliver Zihlmann gemacht. Wie haben Sie sich die Arbeit aufgeteilt?
An solch intensiven Recherchen arbeiten in unserem Team meist mehrere Leute, weil man so mehr Kapazitäten hat und vor allem mehrere Sichtweisen auf das Thema. Die Gespräche haben wir gemeinsam geführt. Oliver hat sich dann vor allem auf den Umgang der Behörden mit den Betroffenen konzentriert und ich auf den Kriminalfall.

Wie sind Sie an die Einvernahmeprotokolle, das rechtsmedizinische Gutachten und die Videoauswertungen aus dem Strafverfahren gekommen, und wie haben Sie diese Angaben gegengeprüft?
Über Quellen und allfällige Dokumente geben wir grundsätzlich keine Auskunft.

War von Anfang an klar, dass aus der Recherche mehrere Texte werden – etwa auch einer über das Verhalten von Gemeinde und Kanton –, oder hat sich das erst während der Arbeit so ergeben?
Das hat sich erst mit der Zeit ergeben, als sich zeigte, dass beide Bereiche – Behörden und Kriminalfall – sehr umfassend und auch komplex sind. Sie hängen natürlich zusammen. Aber es war aus unserer Sicht sinnvoll, sie in zwei Teilen zu erzählen.

Sie haben die Geschichte mitten in den Sommerferien publiziert. War das ein bewusst gewählter Zeitpunkt, oder hat sich das aus dem Ablauf des Verfahrens – etwa der Anklageerhebung – ergeben?
Der Zeitpunkt hing für uns von der Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft ab.

«Wir haben darauf verzichtet, spezifische sexuelle Handlungen zu beschreiben»

Wie haben Sie entschieden, wie weit Sie bei der Schilderung der Übergriffe gehen? Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen notwendiger Deutlichkeit und Voyeurismus?
Wir haben dies immer wieder mit den Betroffenen gespiegelt und auch intern besprochen. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht, die Schwere der mutmasslichen Übergriffe zu erfahren. Wir haben aber darauf verzichtet, spezifische sexuelle Handlungen zu beschreiben, und sehr zurückhaltend berichtet, um die Intimsphäre der Betroffenen zu schützen.

Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, den vollen Namen und ein unverpixeltes Bild zu zeigen, während zum Beispiel Blick von «Patrick F.» mit schwarzem Balken schreibt und SRF das Gesicht unkenntlich macht?
Weil er durch sein Amt als SVP-Grossrat zur öffentlichen Person wurde. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, warum er während seiner Amtszeit verhaftet worden ist und deshalb seinen Rücktritt einreichen musste. Das öffentliche Interesse ist umso grösser, weil er sich während seiner politischen Karriere ausdrücklich mit Themen der Pädokriminalität und der Zuwanderung befasst hat – auf eine Art und Weise, die in krassem Widerspruch zu seinem damaligen eigenen Handeln steht.

Wie sind Sie mit der Retraumatisierungsgefahr für Paula und Iwona L. während der monatelangen Recherche umgegangen?
Wir haben sie auf dieses Risiko hingewiesen. Doch es war ihnen wie gesagt ein fundamentales Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen, um zu sensibilisieren. Zudem war uns wichtig, es ihnen zu überlassen, wie weit sie ins Detail gehen wollen. Wir haben immer wieder gesagt, dass sie ein Gespräch jederzeit pausieren oder abbrechen, respektive Fragen auslassen können.

«Wir unterstützen uns in unserem Team gegenseitig»

SRF hat kurz nach Ihrer Publikation eigene Recherchen nachgeliefert, wonach ein drittes Opfer über 13 Jahre 140-mal betäubt und missbraucht worden sein soll. War Ihnen diese Spur schon bekannt, oder hat Sie die SRF-Recherche überrascht?
Dazu kann ich nichts sagen.

Wie gehen Sie persönlich mit belastendem Material wie diesem um?
Wir unterstützen uns in unserem Team gegenseitig, teilen auch unsere Sorgen und Bedenken.

Gibt es einen Moment aus der Recherche, der sich Ihnen besonders eingeprägt hat?
Mir bleibt vor allem in Erinnerung, als uns Iwona L. unter Tränen geschildert hat, wie sie vom ganzen Ausmass der mutmasslichen Übergriffe erfahren hat. Ein unvorstellbarer Moment. Auf der anderen Seite beeindruckt mich die Kraft der beiden Frauen, nie aufzugeben.


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KOMMENTARE

Jürg Streuli
28.07.2026 00:10 Uhr
Dem Tages-Anzeiger geht es um sehr willkommene Propaganda gegen die SVP. Die Anteilnahme für die beiden Frauen ist nachrangig.
Victor Brunner
26.07.2026 13:21 Uhr
Warum war bei den Gesprächen keine unabhängige Frau/Person dabei die die die beiden Frauen beraten hätte. Die Journalisten waren Partei für sich!