Herr Schneider, Sie werden als CEO des neuen Joint Ventures 290 Mitarbeiter führen, statt 130 wie bisher bei Publisuisse. Bedeutet das für Sie einen Aufstieg auf der Karriereleiter?
Ich freue mich sehr, dass ich diesen wichtigen Schritt in die Zukunft von Publisuisse massgebend mitgestalten darf. Das Zusammenführen dieser drei professionellen Vermarktungseinheiten ist eine einmalige Gelegenheit. Eine spannende und komplexe Herausforderung, die ich gerne mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen annehme.
Mussten Sie sich bewerben?
Die Besetzung des CEO-Position, des Verwaltungsratspräsidenten und weiterer Schlüsselpositionen erfolgte nach intensiven Gesprächen zwischen Swisscom, Ringier un der SRG. Nun steht die Startorganisation, mit der wir loslegen.
Wie war die Stimmung am Montag nach Bekanntwerden der Werbeallianz bei Publisuisse?
Unsere Mitarbeitenden haben im Vorfeld gewusst, dass wir intensiv an strategischen Überlegungen für die Weiterentwicklung von Publisuisse arbeiten. Die Information der geplanten gemeinsamen Vermarktungsfirma wurde sehr gut aufgenommen. Einige Mitarbeitende waren sicherlich überrascht, das ist normal. Aber die Feedbacks sind bisher durchwegs positiv.
Was für eine Vision haben Sie für die neue Vermarktungsfirma?
Sie soll dem Medienplatz Schweiz und unseren Kunden klare Mehrwerte bringen. Wir ermöglichen den Werbekunden mit den Premium-Medienmarken - SRG, Ringier, Swisscom/Bluewin - und den besten Targeting- und Forschungs-Daten effiziente und effektive Kommunikationskampagnen mit bestem "Return On Investment". Aufgrund des umfassenden Portefeuilles sind wir in der Lage, individuelle Gesamtlösungen medienübergreifend anzubieten. Die neue Firma bringt neue Werbeformen, macht TV-Werbung interaktiv und erlaubt erstmals – neben Online/Mobile – dank bester Datenqualität auch effizientes und effektives Zielgruppen-Targeting im TV. Und, was ganz wichtig ist: Die neue Firma ist kein geschlossener Club, sondern offen für weitere Medienanbieter.
Welchen Stellenwert hat dabei klassische TV- und Radio-Werbung?
TV, Print und Radio werden auch in den nächsten Jahren ein wichtiges Standbein sein und den Grossteil des Umsatzes generieren. Das breitere Portfolio ermöglichst hingegen auch crossmediale Lösungen und das Vorantreiben des Digitalgeschäfts, das ohne hin stark wächst. Dieses Segment wird ein starker Treiber sein in den nächsten Jahren.
Hier konkurrenzieren Sie gegen Facebook oder Google.
Ganz generell gilt: Werbegelder verlagern sich je länger je mehr in digitale Werbeträger und Modelle. Die grossen digitalen Werbeträger sind internationale Plattformen. Hier sind Google und Facebook heute klare Marktleader. Ein Ziel der neuen Unternehmung ist es, diesen international agierenden Vermarktern eine schweizerische Alternative entgegenzustellen. Damit wollen wir erreichen, dass im stark wachsenden digitalen Bereich möglichst viel Werbegeld in der Schweiz bleibt und den Schweizer Medien zur Verfügung steht.
Ihre an der Telekonferenz vom Montag formulierten Vorstellungen tönen sehr datenbasiert. Wie werden die Daten eingesetzt werden können?
Die neue Unternehmung wird Targeting-Möglichkeiten auf Basis von Insights der von ihr vermarkteten Medienpartner nutzen - wie das heute Swisscom Advertising oder auch Ringier bereits erfolgreich am Markt machen. Die neue Vermarktungsorganisation erhält hierzu aggregierte und anonymisierte Insights zur gezielten Aussteuerung der Werbung. Der Datenschutz bleibt aber jederzeit sichergestellt.
Braucht es überhaupt noch herkömmliche Verkäufer, die einen Zeitungstitel oder Sender kennen und persönlich Anzeigen, resp. Spots verkaufen?
Man liest heute sehr viel über Programmatic Advertising. So neu ist das aber gar nicht, denn die TV-Werbung ist seit langem hochautomatisiert. Trotzdem braucht es nach wie vor gut geschulte Verkäufer, PM's, Mediaplaner, Marketingfachleute, welche die Produkte gut kennen und über ein profundes Wissen verfügen. Werbung ist nämlich dann erfolgreich, wenn sie die richtige Botschaft kreativ darstellt und im richtigen Umfeld präsentiert. Die Berufsbilder verändern sich natürlich, wie sie das ja schon immer getan haben. Das Ziel ist, dass "Programmatic"-Routineaufgaben vereinfacht werden können. So bleibt mehr Zeit für die Entwicklung von kreativen und innovativen Lösungen.
Vielleicht können Sie das schon in etwas abschätzen: Was für Produkte ungefähr werden Sie anbieten?
Die Pipeline der Entwicklung neuer Angebote und Produkte ist gut gefüllt. Neben Weiterentwicklungen der Buchungsplattform werden z.B. die Interaktion mit dem Werbespot sowie Targeting im TV erste neue Angebote sein, welche die neue Unternehmung anbieten möchte.
Müssen diejenigen Verlage, die nicht beteiligt sind, befürchten, dass sie durch Ihre Werbeprodukte unter Druck gesetzt werden?
Nein, das glaube ich nicht. Es ist das klare Ziel der drei beteiligen Partner, möglichst viel Werbegeld für den Schweizer Medienplatz zu sichern. Der Zusammenschluss soll in der zunehmenden Digitalisierung mithelfen, die nötigen Investitionen tätigen zu können, damit wir mit international operierenden Konkurrenten Schritt halten können. Und nochmals: Das neue Unternehmen ist offen für die Zusammenarbeit mit weiteren Medienhäusern.
Welchen Anteil werden Sie zurückgewinnen können?
Auch die neue Firma wird den Abfluss nicht einfach stoppen können. Aber sie wird Alternativen für Werbeinvestitionen auf internationalen Plattformen bieten, die dazu beitragen, dass möglichst viele Werbegeld auf dem Medienplatz Schweiz bleibt und nicht noch mehr Geld ins Ausland fliesst.
Sie selber haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der SRG das Onlinewerbeverbot langfristig schaden werde. Inwiefern werden Sie sich aktiv dafür einsetzen, dass die SRG online werben kann?
Politisch ist diese Frage geklärt: Die SRG darf zur Zeit keine Online-Werbung machen und sie hält sich daran. Aus einer Marktsicht bin ich persönlich aber überzeugt, dass diese Frage – v.a. auch im Interesse der Schweizer Werbetreibenden - zu einem gegebenen Zeitpunkt nochmals diskutiert werden muss.
Was denken Sie: Wann wird die SRG Radio- und Onlinewerbung einführen?
Ich mache keine Prognosen. Und wie gesagt: Das ist im Moment kein Thema.
Wo wird das Joint Venture angesiedelt sein: Was spricht für den Standort Zürich, resp. für Bern?
Die aktuellen Standorte werden in einem ersten Schritt beibehalten. Wo der Hauptsitz der neuen Unternehmung ist, wird zurzeit diskutiert. Für einen Entscheid ist es aber noch zu früh
Wie werden Sie Ihre Mitarbeiter bei Publisuisse auf die Veränderungen einstellen?
Wir haben dazu mit den Mitarbeiterinformationen und einem Kaderworkshop einen ersten wichtigen Schritt getan. Es ist aber klar: Das Zusammenführen dreier Kulturen ist ein komplexer Prozess, der Zeit braucht. Wir nehmen diese Aufgabe sehr ernst und werden die Leute mit auf den Weg nehmen und den "Team-Spirit" kontinuierlich weiterentwickeln. Veränderungen bewältigen ist heutzutage eine Daueraufgabe.
Fragen: Edith Hollenstein, Bild: "persönlich"

