12.03.2021

Frauen-Protest bei Tamedia

Pietro Supino zeigt sich «sehr betroffen»

Der Protestbrief von 78 Frauen beschäftigt die obersten Chefs der TX Group. Es gebe Probleme an der Basis. «Dort scheint man nicht gleich weit zu sein», sagt Verwaltungsratspräsident Pietro Supino.
Frauen-Protest bei Tamedia: Pietro Supino zeigt sich «sehr betroffen»
«Die Frage, nach dem Frauenanteil in unseren Unternehmen beschäftigt uns bereits seit Längerem», sagt Pietro Supino, fotografiert 2017 in Zürich. (Bild: Keystone/Melanie Duchene)
von Edith Hollenstein

Der Protestbrief von 78 Frauen des Unternehmens Tamedia hat hohe Wellen geschlagen und beschäftigt auch die oberste Chefetage der TX Group. Dies wurde an der via Webcast durchgeführten Bilanz-Medienkonferenz vom Donnerstag deutlich.

Wie stark nimmt Verwaltungsratspräsident und TX-Group-CEO Pietro Supino die Chefs von Tamedia, also die Geschäftsleitung und die Chefredaktion, in die Verantwortung? Was erwartet die TX Group diesbezüglich? Zwar nicht im von den TX-Chefs vorbereiteten offiziellen Teil der Medienkonferenz, doch in der abschliessenden Fragerunde antwortet Supino ausführlich auf eine entsprechende Frage von persoenlich.com. «Wir haben das Schreiben sehr aufmerksam gelesen und nehmen es sehr ernst. Wir sind sehr betroffen über die im Brief beschriebenen Vorkommnisse, von denen wir nicht wussten», sagt Supino.

Entsprechende Stellen existieren

Das Thema an sich sei nicht neu. «Die Frage nach dem Frauenanteil in unseren Unternehmen beschäftigt uns bereits seit Längerem.» So habe die TX Group mehrere Massnahmen ergriffen – etwa bei Mobbing, sexueller Belästigung oder bei Diskriminierung – und damit klargestellt, dass «wir das nicht tolerieren». Zudem seien durchaus Gefässe vorhanden, etwa Vertrauenspersonen in den sozialen Diensten und im Bereich Human Ressources, an die sich Mitarbeitende mit ihren Erlebnissen hinwenden könnten, so der oberste TX-Chef. «Ob dies reicht oder ob wir nachbessern müssen, ist nun eine Frage, die wir prüfen werden.»

Supino weist darauf hin, dass im Unternehmen schon vor dem Protestschreiben der Tamedia-Frauen zur Sensibilisierung in der Diversity-Thematik Weiterbildungen und Workshops im Unternehmen durchgeführt worden sind. Denn die Geschäftsleitung habe schon seit Längerem in der gesamten Gruppe die Ambition, diverser zu werden. «Das betrifft nicht nur die Geschlechterfrage, aber auch. Hier müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht dort sind, wo wir sein sollten.» Deshalb will Supino die bereits vorhandenen Programme noch einmal überprüfen und sie verbessern.

«Offenbar noch ein paar Ewiggestrige»

Deckungsgleich die Haltung von Tamedia-Co-CEO Marco Boselli: «Wir mussten feststellen, dass der relativ hohe Frauenanteil von 40 Prozent bei Tamedia nicht reicht, denn es sieht einfach nicht gut aus in den Führungsfunktionen. Dieses Manko war uns schon länger bewusst.» Gerade auch, wenn Tamedia die Ziele der digitalen Transformation erreichen wolle, seien die Frauen als Zielgruppe sehr wichtig. «Deshalb müssen wir sie in unseren Strukturen abbilden», so Boselli.

Er führt an, dass es offenbar einen blinden Fleck gibt: «Es war uns jedoch nicht klar, dass es bei Tamedia offenbar noch ein paar Ewiggestrige gibt, die sich solche Bemerkungen nicht verkneifen können. Das schauen wir jetzt ganz genau an.» Boselli gibt zudem zu bedenken, dass die von Supino erwähnte firmeninterne Stelle, an die sich Mitarbeitende bei sexueller Belästigung oder Mobbing hinwenden können, von diesen 78 Frauen nicht genutzt worden war. «Warum das so ist, müssen wir nun eruieren.»

«Bottum-up statt helikopterartig»

Einen anderen Punkt, der die Chefs zum Nachdenken gebracht hat, erwähnt Supino: «Bei unserem Unternehmen Tamedia haben wir ja – zusammen mit 20 Minuten – an sich auf der Stufe der Geschäftsleitung in puncto Geschlechter eine relativ hohe Diversität. Das freut mich, und darauf bin ich stolz.» Dennoch gebe es Probleme weiter unten in der Organisation. «Dort scheint man nicht gleich weit zu sein. Das beschäftigt mich sehr, denn langfristig müssen wir ja Diversität bottum-up entwickeln statt helikopterartig von oben herab.» An der Basis und bei den jungen Kräften müsse angesetzt werden, so dass künftig mehr Frauen in Führungspositionen anzutreffen sein werden.

Beispiele von Belästigungen aufgelistet

Im Brief an die Tamedia-Geschäftsleitung war von «sexistischer Arbeitskultur» und harschem Umgangston die Rede. Frauen würden zurechtgewiesen und ihre Inputs in Sitzungen abgeklemmt. Beispiele, jedoch ohne Kontext und Namen, listeten die Frauen auf acht Seiten auf. Wie Chefredaktor Arthur Rutishauser am Dienstag gegenüber persoenlich.com sagte, haben 12 Prozent aller Mitarbeiterinnen bei Tamedia unterschrieben, wobei er aber nicht nur die Journalistinnen zählte, sondern auch die anderen Abteilungen inklusive Druckzentren.

Michèle Binswanger nicht dabei

Auffallend war, dass mehrere Frauen, die innerhalb von Tamedia in einer Führungsfunktion arbeiten, das Protestschreiben nicht unterzeichnet hatten. So fehlte etwa auch der Name der auf Geschlechterfragen spezialisierten und für ihre Recherchen zu #Me(dia)Too bekannten Tamedia-Journalistin Michèle Binswanger.

Auf Anfrage von persoenlich.com begründet sie ihr Fernbleiben. «Sexismus und sexuelle Belästigung gibt es in jeder Branche, auch in der Medienbranche. Wenn solche Vorwürfe auftauchen, ist es richtig und wichtig, ihnen nachzugehen und sie mit journalistischen Mitteln aufzuarbeiten: Nämlich recherchieren, nachfragen, belegen.» Auch die Behauptung, es gebe strukturellen Sexismus, sollte Binswangers Meinung nach «auf der Basis belastbarer Daten getroffen werden». «Was Tamedia und die im offenen Brief aufgelisteten Vorwürfe betrifft, verstehe ich mich als Teil dieses Teams und sehe es nicht als zielführend, diese Interna öffentlich zu diskutieren.» (eh)



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Kommentare

  • Jürg Streuli, 11.03.2021 17:04 Uhr
    Im Protestschreiben fehlen die konkreten Nachweise komplett. Es reihen sich zum Zeitgeist passende Behauptungen an Behauptungen. Das Gesäusel von Pietro Supino ist einfach nur peinlich. Das Ganze passt zum Tages-Anzeiger, der in den letzten Jahren wie keine andere Schweizer Zeitung an journalistischer Substanz verloren hat.
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