21.11.2025

JournalismusTag

Qualität als Antwort auf die Krise

Rund 120 Medienschaffende haben am Donnerstag an der ZHAW Winterthur über die Zukunft des Journalismus diskutiert. Die Teilnehmenden setzten trotz schwieriger Branchenlage auf hochwertige Inhalte als Ausweg aus der Krise.
JournalismusTag: Qualität als Antwort auf die Krise
Satirikerin Lisa Christ eröffnete den JournalismusTag.25 an der ZHAW Winterthur. (Bilder: QuaJou/Raphael Hünerfauth)

Der vom Verein Qualität im Journalismus (QuaJou) organisierte JournalismusTag brachte Exponenten verschiedener Schweizer Medien zusammen. Satirikerin Lisa Christ eröffnete die Veranstaltung mit einer kritischen Betrachtung der Branche. Sie sah zwar Ähnlichkeiten zwischen Journalismus und ihrem eigenen Handwerk, äusserte sich aber auch kritisch über die Branche. In ihrem Schlusswort fasste sie die negative Stimmung zusammen: «Ich kann das selten sagen. Aber ich glaube, dass ich als selbständige Kulturschaffende in der stabileren Branche arbeite als ihr.»

Natalia Widla sprach in ihrer Keynote über den Umgang Schweizer Medien mit Femiziden. Sie zeigte auf, wie Medienschaffende mit ihren Sprachbildern Kultur verändern. Die Situation sei zwar besser geworden, räumte Widla ein, aber noch nicht gut. Sie zeigte eine Doppelmoral im Umgang mit Suizid und Femizid auf. Während ersteres in der Regel wegen des Werther-Effekts in den Medien nicht aufgegriffen werde, werde aus einem Femizid immer wieder eine True-Crime-Episode mit detaillierten Schilderungen von Gewalt und Erotisierung. Widla präsentierte eine rote Liste für den Umgang mit Femiziden, die in jeder Redaktion gross hängen sollte.

In den Panels zeigte sich laut einer Mitteilung trotz der pessimistischen Grundstimmung ein anderes Bild: Exponenten aus verschiedenen Firmen und mit verschiedenen Aufgaben waren sich einig darin, dass gerade wegen künstlicher Intelligenz Qualitätsjournalismus der einzige Weg aus der Krise sei.

Simona Boscardin (On Fire) und Tizian Schöni (Wnti) sprachen über die Ansprache junger Zielgruppen. Der traditionelle Journalismus sei nicht schlecht, erklärten sie. Während Boscardin die Übersetzungsleistung für die Jungen machen und aus ernsten Themen «geilen Scheiss» produzieren will, erklärte Schöni freimütig: «Wir machen nichts Neues oder Verrücktes. Aber wir machen es, das ist der Unterschied.» Die beiden formulierten als Erfolgsrezepte Freude am Machen und Ausprobieren sowie Nähe zur Kundschaft.

Ein weiteres Panel mit TEDx-Talkerin Ivana Leiseder und Andreas Hugi, CEO von Furrerhugi, thematisierte Bullshit in Medienmitteilungen. Die Diskussion lieferte keine wirkliche Antwort darauf, warum Medienmitteilungen sind, wie sie sind. Ein paar Gemeinsamkeiten fanden die beiden aber trotzdem, unter anderem, dass die besten Inhalte immer am Ende einer Medienmitteilung zu finden seien.

Eine Welt ohne Google

Die Reichweitenverantwortlichen von Tamedia, Blick und Watson diskutierten über eine Welt ohne Google. Das Zero-Click-Internet sei bei ihnen noch gar nicht so präsent, meinten Tina Huber, Flavio Razzino und Leo Helfenberger einhellig. Ein wesentlicher Teil des Google-Traffics stamme nicht von klassischen Suchanfragen, sondern aus der Discover-Funktion, die Artikel direkt als Übersicht ausspielt.

Trotzdem waren sich die drei einig, dass die Vorbereitung auf eine Welt ohne Google nur über gute Inhalte funktionieren könne. «Artikel nur für Google zu schreiben, macht keinen Sinn», sagte Helfenberger. Es gehe darum, die Menschen via Google zu erreichen. Und das geschehe über gute Inhalte. «Überraschende Zugänge zu einem Thema» sei ihr Erfolgsrezept, erklärte Huber. Bei aller Bedeutung von SEO gebe es auch Themen, die man machen müsse, auch wenn sie nicht optimale Zahlen erreichen werden. Es seien Themen und Formate, mit denen man die Markenidentität stärke und so auch noch unabhängiger von Techkonzernen werde.

Christoph Zimmer, Leiter Produkt beim Spiegel in Hamburg, betonte in seiner Closing Keynote: «Wir stehen nicht im Wettbewerb mit irgendeinem Chatbot, sondern mit der Beliebigkeit.» Daraus generierte er seine Learnings für die Zukunft von Medienfirmen. Es gehe darum, das Profil zu schärfen und Einordnung zu bieten. Zudem müssten Medien nahbarer werden und die Wichtigkeit von Communitys beachten. Und das könne im Übrigen digital wie physisch verstanden werden.

Ausserdem präsentierte ZHAW-Professor Vinzenz Wyss am JournalismusTag die neue Studie «Gefährdungsmonitor Journalismus Schweiz», die zeigt, dass sechs von zehn Schweizer Journalistinnen und Journalisten 2024 mit Hassrede konfrontiert wurden – besonders investigativ tätige Medienschaffende sind gefährdet und leiden unter erhöhtem Burnout-Risiko (persoenlich.com berichtete). (pd/cbe)


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