26.06.2001

Ringier übernimmt Druckerei Winterthur

Das Medienhaus Ringier kauft die Druckerei Winterthur. Die bisherige Besitzerin, die Basler Mediengruppe (BMG), hatte bereits anfangs März kommuniziert, "in Winterthur keine neuen Investitionen" mehr tätigen zu wollen. Um den nicht mehr lukrativen Rollenoffsetbereich auf den neuesten Stand zu bringen, wären rund 40 Millionen Franken nötig gewesen – Geld, das die Basler zurzeit dringend in andere Projekte investieren müssen. Martin Werfeli (Bild), CEO von Ringier, über die Gründe für den Kauf, die Folgen für die rund 350 betroffenen Angestellten und Ringiers weitere Strategie im Druckbereich. Das Interview:

Was machte die Druckerei Winterthur für Ringier so interessant?

Die Druckerei Winterthur ist ein namhafter Anbieter von Offset-Druckleistungen mit einem beachtlichen Marktanteil. Unser Ziel ist es, einen Teil dieses Marktanteils für Ringier zu sichern und gleichzeitig bestehende Überkapazitäten im Markt abzubauen. Gleichzeitig arbeiten in Winterthur gute Fachkräfte. Einem Teil von ihnen können wir längerfristig einen Arbeitsplatz in Zofingen anbieten.

Viele Verlage ziehen sich zurück aus dem Druckgeschäft, weil damit kein Geld zu machen sei. Wieso ist Ringier anderer Ansicht?

Ringier ist Nr. 1 im Print-Geschäft in der Schweiz. Wir beschäftigen in diesem Bereich rund 1400 Mitarbeiter. Das Print-Geschäft ist kapitalintensiv. Bei den bestehenden Überkapazitäten ist die Rendite sehr gering. Wenn es uns gelingt, in diesem Markt Überkapazitäten abzubauen, kann das Geld für die Investitionen aber verdient werden, können langfristig Arbeitsplätze gesichert werden.

Mit der Druckerei Winterthur kauft Ringier auch interessante Druckaufträge. Werden Titel wie Times, Newsweek oder Economist in Zukunft in Zofingen gedruckt?

Wir planen, die Druckerei Winterthur als Gesamtes noch rund zwei Jahre weiter zu betreiben. So lange ist das mit den heutigen Maschinen auch möglich. Es ist geplant, die genannten Aufträge so lange in Winterthur zu drucken, nachher druckt sie Zofingen. Für die Bereiche ColorServ (Vorstufe) und den Bogenoffset prüfen wir unternehmerische Lösungen, die einen Weiterbetrieb auch länger als zwei Jahre in Winterthur ermöglichen sollten. Dies wird allenfalls mit Partnerschaftsmodellen möglich sein.

Konnten die BMG-Titel wie Weltwoche, Bilanz und Beobachter aus dem Vertragwerk ausklammern, oder hat Ringier den Druckauftrag für diese Titel mitgekauft?

Die Weltwoche wird bereits heute in Basel gedruckt. Für die Bilanz und den Beobachter hat die Basler Mediengruppe keine Druckkapazität. Diese Titel werden vorläufig weiterhin in Winterthur gedruckt, später in Zofingen.

Viele der 350 Mitarbeiter der Druckerei Winterthur und ColorServ bangen um ihren Arbeitsplatz. Kommt es bald zum grossen Stellenabbau?

Wir planen, wie bereits erwähnt, die Druckerei als Gesamtes während rund zwei Jahren weiter zu betreiben. Nach diesem Zeitpunkt muss die Druckerei geschlossen werden. Dann wird es zu einem Stellenabbau kommen.

Die Gewerkschaft glaubt nach unbestätigten Angaben zu wissen, dass von 150 neu geplanten Stellen in Zofingen 100 aus Winterthur kommen sollen. Ist es realistisch, dass die Winterthurer Arbeiter täglich nach Zofingen pendeln?

Rund 100 Arbeitsplätze können wir in Zofingen anbieten. Unsere Erfahrung mit der Verlegung der Offsetrotation von Adligenswil nach Zofingen zeigt, dass ein längerer Arbeitsweg in Kauf genommen wird, um bei uns zu arbeiten.

Ende Juni kurz vor Vertragsabschluss hat sich die Gewerkschaft aus Angst vor Stellenabbau eingeschaltet. Wie weit hat sich dies für Ringier auf die Vertragsverhandlung ausgewirkt?

Ich habe absolut Verständnis, dass die Gewerkschaften ihre Mitglieder vertreten und sich aktiv eingeschaltet haben. Wir haben auch den Kontakt zu den Gewerkschaften gesucht, nur war das erst möglich, nachdem die Wahrscheinlichkeit für eine Akquisition von Winterthur durch Ringier genügend hoch war. Grundsätzlich ist es nicht sehr motivierend, wenn demjenigen, der Arbeitsplätze erhalten will – die BMG hätte sonst Winterthur geschlossen, was einen Arbeitsplatzverlust von 320 Vollzeitstellen bewirkt hätte – mit Streik gedroht wird.

Die Verhandlung mit der BMG dauerte mehrere Monate. In welchen Punkten war man sich nicht einig?

Der Verhandlungszeitraum war nicht übermässig lang. Ein solches Geschäft will gut geprüft sein. Zudem brauchte die Variantenprüfung von Investieren bis sofortiger Schliessung auf beiden Seiten einige Zeit.

Wieviel bezahlt Ringier für die Übernahme der Druckerei Winterthur?

Über den Kaufpreis haben wir Stillschweigen vereinbart.

Wie sieht die Strategie Ringiers im Druckbereich aus?

Wir müssen unterscheiden zwischen Zeitungsdruck und Illustrationsdruck. Der Zeitungsdruckbetrieb in Adligenswil ist stark an unseren Zeitungsverlag gekoppelt. Wir brauchen diese Kapazitäten um unsrer Tageszeitung zu drucken. Anders sieht es im Illustrationsdruck aus, wo wir die heutige Kapazität nur zu rund einem Drittel mit eigenen Titeln beanspruchen. Aufgrund der Überkapazität im Markt ist ein Teil der freien Kapazität ungenügend entschädigt. Wir führen laufend Reengineering-Projekte durch, um das ungenügende Preisniveau durch tiefere Kosten zu kompensieren. Dies ist uns bis heute gut gelungen. Allerdings wird eine genügende Rentabilität, die auch langfristig die Investitionen sichert nur möglich sein, wenn Kapazitäten abgebaut werden können.

Plant Ringier weitere Druckereien zu kaufen?

Kaufen werden wir wohl aus erwähnten Gründen nicht, wir wollen aber aktiv mitarbeiten, um die zu hohen Kapazitäten im Markt abzubauen. Dies wird am ehesten über Kooperationen möglich sein.



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