Alle stellen mir die Frage, seit ich im März die Chefredaktion von Le Matin übernommen habe. Was ist eigentlich so anders an der welschen Presse? Es gibt darauf mehrere Antworten. Erstens eine langweilige: Die Journalisten sind hier genau gleich wie in Zürich. Starke, eigenwillige Persönlichkeiten, politisch eher links, gegenüber Neuerungen im eigenen Metier nicht so aufgeschlossen. Sie kleiden sich gerne salopp, rauchen zu viel, saufen dafür massiv weniger als vor zwanzig Jahren. Nur ein relevanter Unterschied ist mir aufgefallen: Im Welschland werden die berufsethischen Grundsätze prinzipiell höher gehalten als in Zürich. Das ist wirklich gut. Kann aber auch lästig sein, denn prinzipienfeste Gilden bilden auch Fundis: Vier von fünf Klagen beim Presserat gegen Le Matin stammen von Journalisten anderer Blätter. Sie betreffen Artikel, die weder bei der Leserschaft noch bei betroffenen Personen Reaktionen ausgelöst haben. Die Kollegen-Lamentos würden bei Zürcher Journalisten nur müdes Lächeln hervorrufen.
Zweite, weniger langweilige Antwort: Die grösste und wirklich augenfällige Differenz zwischen deutsch und welsch liegt im Look, in der Gestaltung der Tageszeitungen. Ein unbeteiligter Beobachter käme kaum auf die Idee, dass 24heures, Tribune de Genève und Le Matin zum gleichen Land gehören wie Tages-Anzeiger, NZZ und St. Galler Tagblatt. Hier, im Welschland, bunte, intensiv farbig illustrierte Blätter mit grossen Titeln. Dort, in der Deutschschweiz, zurückhaltend gestaltete, geizig illustrierte Seiten fast ohne Farbe. Warum dieser krasse Kontrast? Ein voreiliger Interpret könnte auf die Idee kommen, hier komme der Unterschied zwischen nordischer Kühlheit und lateinischem Feuer zum Ausdruck. Das mag ein Teil der Erklärung sein, doch die Ursachen sind komplexer. Seit ich den Schweizer Printmarkt von Westen her observiere und die Geschichte der welschen Zeitungen kenne, habe ich eine neue Erklärung für die Unterschiede:
Die welschen Blätter haben ihren Look laufend dem drucktechnischen Fortschritt und den Lesegewohnheiten des Publikums angepasst, ähnlich wie es grosse Blätter in progressiven (nordischen) Zeitungsländern wie England, Norwegen, Schweden, Dänemark, Holland getan haben. Dabei orientierten sie sich nicht etwa an französischen Vorbildern (die in ihrem im Look kaum überzeugen). Nein, sie schufen völlig eigenständige Konzepte.
Ganz anders die deutschschweizerische Printpresse. Obschon sie einen grösseren Markt hat, sich mehr Selbstbewusstsein leisten könnte, leidet sie an zwei Komplexen, die ihr eine souveräne Modernisierung schwer machen. Zum einen ist es der Minderwertigkeitskomplex gegenüber der deutschen Presse. NZZ, Tagi und die andern stehen ganz im Banne deutscher Vorbilder, die in Europa nun wirklich nicht die innovativsten sind. Solange die FAZ, die FR, die Zeit und die Süddeutsche nicht mehrere Farbbilder auf der Front bringen, wird der Tagi weiterhin nur zögernde Versuche mit farbigen Kästchen anstellen, und die NZZ-Redaktion sich wegen der Dosierung der Farbe in der Sonntagsausgabe streiten.
Der zweite Komplex beruht auf einem jahrzehntealten Trauma, das von einem grossen Schock herrührt. Vom Blick-Schock. Nichts hat die deutschschweizerischen Printmedien so nachhaltig beeinflusst und verändert wie der brutale Einbruch der Boulevardpresse in die friedliche Schweizer Presselandschaft vor über vierzig Jahren. Die direkte Sprache, das Recherchieren vor Ort, die Personalisierung, die harte Kritik, die Bilder, die Plakate. All das haben die Regionalblätter, die sich immer für etwas Besseres hielten, zunächst streng abgelehnt. Später haben sie es dafür umso eifriger verinnerlicht. Leider hat sich die Erneuerung, die Fachleute als "Boulevardisierung" zu diskreditieren belieben, nur in Themenwahl, Sprache, Ton und journalistischer Form durchgesetzt. Der Look dagegen, die Aufmachung, blieb durchwegs eher konservativ.
Ich denke, da liegt weitgehend eine Art von Kompensationshaltung vor. Man macht zwar gerne vieles wie der Blick, man will aber auf keinen Fall auch nur annähernd so aussehen. Insider wissen: Während Jahrzehnten scheiterten Modernisierungsversuche spätestens dann, wenn ein enervierter Direktor die Nullnummer an die Wand schmiss: "Das sieht ja aus wie der Blick!"

