25.03.2019

50 Jahre «SonntagsBlick»

Sechs Ex-Chefredaktoren – sechs Erinnerungen

Bilder aus dem Liebesurlaub am Todestag von Prinzessin Diana, ein geheimes Papier über die UBS oder die Evakuierung der Redaktion: Christoph Grenacher, Bernhard Weissberg, Hannes Britschgi, Mathias Nolte, Fridolin Luchsinger und Christine Maier blicken zurück.
50 Jahre «SonntagsBlick»: Sechs Ex-Chefredaktoren – sechs Erinnerungen
Die Ex-Chefredaktoren Fridolin Luchsinger, Christoph Grenacher, Christine Maier, Bernhard Weissberg, Hannes Britschgi und Mathias Nolte erzählen aus ihrer Zeit beim «SonntagsBlick». (Bild: Keystone/Gaetan Bally)
von Matthias Ackeret

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Christoph Grenacher
Zweifacher «SoBli»-Chefredaktor, heute Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform

Beim «Sobli» war alles aussergewöhnlich: die Redaktion, die Druckerei, der Verlag, der Besitzer, FAM, jede einzelne Ausgabe und jede Diskussion über dies und das und jenes. Wär’s gewöhnlich gewesen, wär’s langweilig geworden: mit der Redaktion, der Druckerei, dem Verlag und FAM. So aber war es für mich, der ich diese Redaktion zweimal leiten durfte, ein riesiges Glück, eine einzigartige Chance und eine einmalige Möglichkeit, zu erfahren, dass Ehrlichkeit und Transparenz nicht immer geschätzt, Offenheit und Mut nicht immer belohnt, Risiko und Langmut nicht immer erwünscht waren. Und dass es trotz allem ein wunderbares Privileg war, mit jenen Journalistinnen und Journalisten arbeiten zu dürfen, die sich nichts anderem verpflichtet fühlten, als für die Leserinnen und Leser das zu schreiben, was ist.





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Bernhard Weissberg
«Sobli»-Chefredaktor ab 1997, heute Kommunikationsberater (Weissberg Consulting)

Ich habe viele spannende Erinnerungen an die Zeit beim «Sobli»! Der ganze Katas-
trophen-Herbst 2001 etwa mit 9/11, dem Massaker von Zug, dem Swissair-Grounding, dem Brand im Gotthardtunnel mit elf Toten. Aber am aussergewöhnlichsten war meine zweite Ausgabe überhaupt als Chefredaktor des «SonntagsBlick»: Wir publizieren in der letzten August-Nummer 1997 eine anmutige Bildgeschichte über die Ferien von Prinzessin Diana und ihrem Lover Dodi Al-Fayed an der Costa Smeralda auf Sardinien. Wir arbeiten bis Mitternacht für die Abgabe der letzten Seite auf der Redaktion, und ich brauche immer etwas Zeit, bis ich zu Hause energetisch runterkommen und schlafen kann. Kaum bin ich eingenickt, es ist drei Uhr morgens, klingelt das Telefon. Unser Reporter André Häfliger ist dran: Prinzessin Diana sei in Paris verunglückt, sie sei schwer verletzt. Ob er etwas schreiben solle. Wir beraten mit dem damaligen Chef der Zeitungen, Walter Bosch. Und der entscheidet: nein, Maschinen weiterlaufen lassen. Die Meldung würde es nur in einen ganz kleinen Teil der Auflage schaffen. Am nächsten Morgen ist klar: Prinzessin Di ist tot. Die Leute kaufen wie verrückt den «SonntagsBlick» – und sehen nur Bilder aus glücklichen Tagen. Für einen Zeitungsmacher ist das schlimm. Eine Woche später: Prinzessin Di wird in London feierlich begraben. Wir decken das Ereignis auf sechzehn Seiten in Bild und Text ab – berührende Momente. Und wir drucken, was das Zeugs hält – alle Zeitungen gehen weg. River deep, mountain high – was für ein Start war das beim «SonntagsBlick»!




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Hannes Britschgi
Ab 2008 Chefredaktor des «SonntagsBlick», heute Publizist und Leiter der Ringier-Journalistenschule

In meiner ersten Woche beim «Sonntags-Blick» erhielt ich am Freitagabend ein internes UBS-Papier zugespielt, das mich aus den Socken haute. Es trug den harmlosen Titel «Portfolio-Check». Sein Inhalt aber war höchst beunruhigend. Das Dokument listete auf, was mit den Kundenguthaben passiert, wenn die Bank Konkurs geht. Als ich am Samstagmorgen das Papier auf der Redaktion präsentierte, lachten mich die Kollegen vom Wirtschaftsressort aus und sprachen von einer offensichtlichen Fälschung. Natürlich war ich beleidigt, aber ihre spontane Reaktion war verständlich. Denn im Frühjahr 2008 war eine Bankeninsolvenz einfach unvorstellbar. Zwar spielten die Börsenkurse verrückt, und die UBS musste schon 40 Milliarden abschreiben. Aber ein UBS-Konkurs war jenseits aller Vorstellungen. Trotzdem drängte ich meine Kollegen, die UBS mit dem angeblichen Fake-Dokument zu konfrontieren. Sie staunten nicht schlecht, als die Bank das Dokument bestätigte. Erst im Herbst 2008 wurde uns allen klar, wie die UBS auf den Abgrund zuschlitterte. Bund und Nationalbank retteten sie mit 60 Milliarden Schweizer Franken.




 

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Mathias Nolte
Chefredaktor «SonntagsBlick» 2002, Rücktritt nach einem halben Jahr wegen der Borer-Affäre.
Heute Schriftsteller in Berlin

Da kann ich mich nur an die erste Samstagskonferenz erinnern, die ich geleitet habe. Der Samstag ist beim «SoBli» ein Horrortag, er beginnt um acht Uhr und hört irgendwann in den frühen Morgenstunden am Sonntag auf. Danach ist man dann erst einmal für die nächsten zwei Tage bettlägerig. An diesem Samstag hatte sich Frank A. Meyer auf Kautschuksohlen in die Konferenz geschlichen. FAM war damals für die Redakteure von Ringier so etwas wie Erziehungsminister und Freiherr Knigge in Personalunion. An diesem Morgen verlangte er von der Redaktion in ziemlich barschem Ton, in Zukunft nur noch auf Hochdeutsch zu konferieren. Mit Schaudern hörte ich den Satz hinter meinem Rücken und sah das Entsetzen in der Runde, besonders Sandro Brotz, damals noch «SoBli»-Nachrichtenchef und zwei, drei Pfund schwerer als heute, schien sich zu fragen, ob das Burghölzli einen Tag der offenen Tür ausgerufen hatte. Er schien zu allem bereit. Wie auch immer, es wurde natürlich weiterhin Schweizerdeutsch gesprochen. Und das war auch gut so! – An ein aussergewöhnlicheres Erlebnis kann ich mich beileibe nicht erinnern. Ich weiss nur, der «SoBli» hat alles und alle überlebt – nur nicht sich selbst. Glückwunsch!






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Fridolin Luchsinger
SoBli-Chefredaktor von 1978 bis 1983. Später leitete er den «Blick» und den «SonntagsBlick» zusammen und war Chefredaktor der «SonntagsZeitung».

Es war ein Meilenstein in der Geschichte der Schweizer Zeitungen – und mein peinlichstes Erlebnis als «Sobli»-Chef. Ab Frühjahr 1978 produzierten wir den «SonntagsBlick» direkt am Computer. Als erste Redaktion überhaupt in der Schweiz schrieben wir die Texte am Bildschirm und übermittelten sie elektronisch in die Druckerei. Das System namens Harris war extrem kompliziert. Nur ein Beispiel: Um einen Text zu generieren, musste man zuerst einen mehrstelligen Code eingeben, für jeden Text einen anderen. Um diese Pionierleistung prominent zu feiern, lud Ringier-Chef Heinrich Oswald Bundesrat Kurt Furgler als Ehrengast ins eben eröffnete Pressehaus an der Dufourstrasse ein. Und ich sollte Furgler die neue Arbeitsweise live am Bildschirm erklären – ausgerechnet dem pingeligen Furgler! Der würde sicher unzählige Fragen stellen ... Es wurde ein Desaster. Etwas spitz meinte Furgler am Schluss, über das neue Zeitungs machen habe er heute einiges erfahren, aber noch zu wenig verstanden.




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Christine Maier
Die erste Chefredaktorin vom «SonntagsBlick» (2013 bis 2016), heute Kommunikationsberaterin

«Sie sind für den Untergang von Carna Grischa und den Verlust von Arbeitsplätzen verantwortlich. Dafür werden Sie büssen. Sie werden ebenfalls vernichtet werden.» Im September 2015 riss ich das Couvert mit diesen Zeilen auf, stand unvermittelt in einer Pulverwolke. Dann ging’s schnell: Ein Sonderkommando der Stadtpolizei Zürich traf ein, die Etage wurde evakuiert. Der Begriff Anthrax machte die Runde. Ein Experte im Schutzanzug versuchte, das Pulver zu identifizieren. Nach Stunden dann Entwarnung. Wir hatten 2014 den Fleischskandal bei Carna Grischa aufgedeckt. Die Firma musste schliessen. Menschen verloren ihre Arbeit, hatten Existenzängste. Die Drohung wurde deshalb ernst genommen. Das war mein intensivster Moment beim «Sobli» – eine Zeit, auf die ich gerne zurückblicke. Happy Birthday!

 



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