Herr Buchbinder, warum haben Sie bei der Recherche einen GPS-Tracker eingesetzt?
Postfach-Adressen sind durch das Postgeheimnis geschützt. Bisher konnte man nicht herausfinden, ob ein Brief wirklich an der angegebenen Adresse ankommt oder nach dem Postfach weitergeleitet wird. Der Sender macht es nun möglich, den Weg eines Briefes live zu verfolgen und die Daten zu sichern.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, diesen Sender ausgerechnet bei der Novartis einzusetzen und nicht bei einer anderen Firma?
Wir hatten einen Hinweis bekommen, wonach die Briefe möglicherweise nicht bei der auf dem Couvert angegebenen Adresse ankommen.
#BehindTheScenes - Kollege @flatterhaft über seine #Novartis-Recherche, Peilsender als journalistisches Mittel - und was der Konzern von dieser Umleitung haben könnte #srfrundschau pic.twitter.com/vMkqzxFU9Q
— Sandro Brotz (@SandroBrotz) 27. März 2019
Wusste die Person, die den Peiler im Brief vorfand, dass dieser von SRF losgesendet wurde?
Ja, dem Sender lag ein Brief der «Rundschau» bei, in welchem wir um ein Gespräch baten.
Wo ist der Tracker nun?
Der Sender wurde uns zurückgegeben und wartet auf seinen nächsten Einsatz.
Hat sich Novartis laut Ihrer Recherche widerrechtlich verhalten oder handelt es sich um ein ethisch-moralisches Vergehen?
Laut unseren Experten verstösst Novartis nicht gegen das Strafrecht. Aber das Vorgehen widerspricht dem Sinn der Vorschriften über den unabhängigen Stimmrechtsvertreter. Der Gesetzgeber sieht vor, dass für die Unabhängigkeit des Stimmrechtsvertreters dieselben strengen Anforderungen gelten wie für eine Revisionsgesellschaft. Die bekannte Strafrechtsprofessorin Monika Roth meint, dass deshalb Beschlüsse der Generelversammlung angefochten werden könnten.
Denken Sie, dass Novartis ein Einzelfall ist oder wie gehen andere börsennotierte Firmen bei der Logistik der Abstimmungsbriefe vor?
Laut einer Studie der Beraterfirma Intrade verfügen offenbar noch zwei andere Firmen über keinen separierten Rücklaufkanal für Briefstimmen.
* Sascha Buchbinder ist Recherchejournalist bei der SRF-«Rundschau». Er hat die Fragen schriftlich beantwortet.


