03.10.2021

Gendergerechte Sprache

Sonderzeichen haben es in Medien schwer

Genderstern, Binnen-I oder Doppelpunkt? In Zeitungen und Onlinemedien sind solche Darstellungsformen nur selten zu finden. Und dennoch befassen sich Schweizer Verlage derzeit wie noch nie mit der geschlechterneutralen Sprache. Ein Überblick.
Gendergerechte Sprache: Sonderzeichen haben es in Medien schwer
Die Sprachwissenschaft geht heute davon aus, dass Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit eng miteinander verknüpft sind. (Bilder: Pixabay)
von Christian Beck

Liebe LeserInnen.
Liebe Leser/innen.
Liebe Leser*innen.
Liebe Leser:innen.
Liebe Leser_innen.

Oder doch: Liebe Leserinnen und Leser?

Die gendergerechte Sprache hat sich in den letzten Jahren ständig weiterentwickelt. Die Wochenzeitung WOZ führte bereits 1983 als erste Zeitung in der Schweiz das Binnen-I in der Berichterstattung ein. Zum 40-jährigen Bestehen gab es nun eine sprachliche Neuerung: Die WOZ verwendet für eine geschlechterneutrale Sprache neu den Doppelpunkt bei der Schreibung («Leser:innen»). Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zeitung wollen mit ihrem Entscheid den Geschlechtsidentitäten besser Rechnung tragen, wie letzten Mittwoch bekannt wurde (persoenlich.com berichtete).

Auch das Zürcher Onlinemagazin Tsüri.ch bemüht sich seit Jahren um eine geschlechterneutrale Sprache. Bis diesen Frühling wurde jeweils in den Artikeln der Genderstern benutzt, seither setzt die Redaktion ebenfalls auf den Doppelpunkt. «Wenn es geht, versuchen wir auch, Formulierungen zu wählen, welche ohne Doppelpunkt auskommen, wie zum Beispiel Studierende statt Student:innen», so Simon Jacoby, Chefredaktor und Verleger Tsüri.ch, gegenüber persoenlich.com.

«Wir haben uns für diese Praxis entschieden, weil wir es für richtig erachten.» Es sei richtig, dass die diversen Geschlechter angesprochen werden. «Dazu gehört eben auch, dass es mehr gibt als nur Mann und Frau. Dies soll mit dem Stern oder dem Doppelpunkt zum Ausdruck kommen», so Jacoby weiter. Tsüri.ch bemühe sich nicht nur um eine geschlechterneutrale Sprache, sondern auch «um eine diverse Schar von Expert:innen», welche in den Artikeln vorkommen oder an Anlässe eingeladen werden. Jacoby: «Die Gesellschaft ist divers, und es ist auch eine Aufgabe von uns Medien, diese Realität abzubilden.»

Die Zeitschrift Annabelle hat ebenfalls vor Kurzem den Doppelpunkt eingeführt – «damit künftig auch jene Leser:innen angesprochen sind, die sich keinem binären Geschlecht zugehörig fühlen», schrieb Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin Anfang Juli in eigener Sache. Vom generischen Maskulinum habe man sich verabschiedet. «Das ist kein aktivistischer Akt, keine Revolution. Lediglich die konsequente Fortführung unserer sonstigen Arbeit und Ausdruck unserer Idee von Inklusivität.»

Tamedia führt «Editorial Equality Report» ein

Die gendergerechte Sprache ist derzeit in aller Munde und beschäftigt viele Medienhäuser – mehr denn je. So auch die Bezahlzeitungen von Tamedia. «Vor Kurzem wurde für die Tamedia-Titel in der Deutschschweiz ein neuer Leitfaden zur gendergerechten Sprache implementiert. Dieser basiert auf der bisherigen Sprachregelung von Anfang 2019», sagt Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin Tages-Anzeiger. Tamedia habe sich entschieden, vorerst grundsätzlich kein Sonderzeichen einzuführen. «Es gibt viele andere Möglichkeiten, eine inklusive Sprache zu etablieren, die wir erproben möchten.»

Im Tamedia-Sprachleitfaden wird auch festgehalten, dass vermehrt über Frauen geschrieben werden soll – und dass immer geprüft werden muss, ob es Expertinnen oder Protagonistinnen gibt. «Bereits seit 2019 analysieren wir datengestützt das Geschlechterverhältnis in Texten und Bildern und haben diese Auswertung seither schrittweise auf alle Titel ausgeweitet», so Amstutz. «Diese tägliche datengestützte Analyse der Visibilität von Frauen und Männern in unserer Berichterstattung wird ab Oktober um einen monatlichen ‹Editorial Equality Report› ergänzt, in dem unter anderem Best Cases und Problemfälle aufgezeigt werden.»

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Die neue Sprachregelung wird in allen Tamedia-Titeln in der Deutschschweiz und den entsprechenden redaktionellen Tools – wie Newsletter, Podcasts et cetera – angewendet. Nur Social Media und Abo-Marketing benutzen den Doppelpunkt als Sonderzeichen, sollte dies aus Platzgründen nötig sein. Eine Sonderregelung gilt auch für die Wochenendbeilage «Das Magazin». Amstutz: «Die Sprachregelung wird jährlich geprüft und wenn nötig angepasst.»

20 Minuten verzichtet auf generisches Maskulinum

Eine «nicht-verletzende Publizistik» steht auch bei 20 Minuten im Fokus. Seit Dezember steht der Redaktion in der Deutschschweiz mit dem Social Responsibility Board ein Gremium aus 20 Mitarbeitenden zur Seite, das entsprechende Richtlinien erarbeitet. «Dabei geht es auch um die Einbindung und die verstärkte Verwendung einer gendergerechten Sprache», sagt Zora Schaad, Leiterin Ressort OneLove/Community und Leiterin Social Responsibility Board. «So haben wir uns als Gesamtredaktion im März 2021 vom generischen Maskulinum verabschiedet und auf genderneutrale Formulierungen sowie die Paarform umgesattelt.» Das Social Responsibility Board und das Korrektorat würden bei der Umsetzung helfen. «Aus Platz- und Layoutgründen sind Ausnahmen im Titel zulässig – und nur da.»

Ebenfalls seit Frühling 2021 kommt in einzelnen Ressorts von 20 Minuten der Genderstern zum Einsatz. «Er wird sowohl in der Zeitung als auch Online und in Videos verwendet und von unserem Publikum begrüsst», so Schaad weiter. «Ziel ist eine inklusive Sprache, in der sich alle Menschen gespiegelt sehen – letztlich ein Beitrag zur Gleichstellung.» Ein wichtiger Schritt sei auch – wie bei Tamedia – die Anwendung der «Expertinnen-first»-Regel, die das Ziel verfolgt, mehr Frauen abzubilden.

Auch eine Stufe höher – bei der TX Group – ist die Sprache ein Thema. «Wir legen gruppenweit Wert auf eine inklusive, diskriminierungsfreie Sprache und sind in der Erarbeitung eines Leitfadens», sagt Ursula Nötzli, Leiterin Unternehmenskommunikation & Investor Relations TX Group, auf Anfrage.

Keine «typografischen Hilfszeichen»

Gender Equality, also die Gleichberechtigung der Geschlechter, ist für die Blick-Gruppe ein zentrales Thema. 2019 wurde die Initiative EqualVoice und der Equal-Voice-Faktor lanciert, der misst, wie oft Frauen und Männer in der medialen Berichterstattung berücksichtigt werden (persoenlich.com berichtete). Durch diese objektiven Kennzahlen wird die Basis einer gleichwertigen Darstellung von Mann und Frau geschaffen.

«Blick nennt in seiner Berichterstattung in der Regel beide Geschlechter, damit ein gleichwertiges Bild entsteht», sagt Daniel Riedel, Mediensprecher Blick-Gruppe, zu persoenlich.com. Auf Genderstern, Doppelpunkt und Binnen-I werde verzichtet – dies aus stilistischen Gründen. Auch gebe es keine Bestrebungen, dass eine dieser Formen schon bald Einzug halten könnte. Eine Ausnahme bilde das Instagram-Magazin «Soda by Blick». Riedel: «Natürlich setzt sich die Redaktion bewusst mit dem Thema geschlechtergerechte Sprache auseinander und stösst dazu zum Beispiel in der Online-Community auch Diskussionen an.»

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Von der Zürcher Dufourstrasse gleich nebenan zur Falkenstrasse: Auch hier gibt es keine Sterne oder Doppelpunkte. «Die NZZ und die NZZ am Sonntag schreiben traditionell und ohne typografische Hilfszeichen», so Karin Heim, Leiterin Unternehmenskommunikation. Grammatische Korrektheit, Verständlichkeit, guter Lesefluss sowie Vorlesbarkeit durch Sprachsoftware seien für die NZZ-Redaktionen die leitenden Prinzipien bei den Texten. «Sie stehen über einer kompromisslosen Umsetzung der Geschlechtergerechtigkeit», sagt Heim. Eine ausgeglichene Verwendung von Geschlechtsbezeichnungen werde dabei aber befürwortet.

Neuer Leitfaden bei CH Media

Viel in Bewegung ist momentan bei CH Media. Erst seit letzter Woche ist ein neuer Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache in Kraft. «Er wurde im Auftrag der publizistischen Leitung von einer paritätisch zusammengesetzten redaktionellen Arbeitsgruppe in den vergangenen Monaten erarbeitet», sagt CH-Media-Sprecherin Alena Kress. «Der Grundsatz lautet: Der generische Maskulin wird in den Publikationen von CH Media wann immer möglich nicht mehr verwendet. Bezeichnet ein Substantiv auch Frauen, sind Doppelnennungen oder alternative Formen zu bevorzugen. Wichtig sind dabei Sorgfalt, Bewusstsein und Kreativität.»

Mindestens 50 Prozent der Leserschaft sei weiblich. «Viele von ihnen fühlen sich vom generischen Maskulin nicht mehr angesprochen. Je jünger, desto dezidierter fallen die Meinungen aus. Dem tragen wir Rechnung», so Kress. «Unsere Ideale von Fairness und Gleichbehandlung sollen sich auch in unserem Sprachgebrauch zeigen: Journalismus bildet die Realität ab, weshalb wir die Frauen auch in unserem Sprachgebrauch sichtbar machen.»

Von der Einführung von Sonderzeichen sieht CH Media bei journalistischen Texten ab. «Dies im Bewusstsein, dass nur diese Schreibweisen das gesamte Spektrum der Geschlechteridentitäten abbilden würden», so Kress. Sonderzeichen seien jedoch noch zu wenig etabliert und würden Probleme bei der Suchmaschinenoptimierung oder in Bezug auf Lesbarkeit, Typographie und Grammatik verursachen. Auf Social Media könne der Doppelpunkt – wo sinnvoll – als Alternative zur Nennung beider Geschlechter verwendet werden.

Die Sprache bei Radio und Fernsehen

Auch bei den regionalen TV- und Radiosendern von CH Media herrscht der Grundsatz, dass niemand diskriminiert werden soll. «Dies bedeutet, dass wir in einer diskriminierungsfreien und entsprechend geschlechtergerechten Sprache berichten», sagt Kress. Generell würden Paarformen («Zuschauerinnen und Zuschauer») angewendet oder in Aufzählungen zwischen weiblichen und männlichen Bezeichnungen abgewechselt.

Schweizer Radio und Fernsehen hat der Sprache in den neuen Publizistischen Leitlinien ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Dort heisst es unter anderem: «In mündlichen und schriftlichen Texten vermeiden wir in der Regel das generische Maskulinum. Es kommt nur dann ausnahmsweise zum Einsatz, wenn der Platz für Paarformen zu knapp oder eine genderneutrale Formulierung zu umständlich oder unverständlich ist.» Zudem sollen Stereotypen vermieden und Expertinnen gleich häufig wie Experten zu Wort kommen. Und weiter heisst es: «In Radio- und Fernsehsendungen wird keine genderneutrale Form («:» als Pause) gesprochen – in Podcasts, YouTube-Formaten oder Formaten für Jüngere ist dies aber möglich.»

Gross aufzufallen scheint diese Sprachregelung nicht. «Bei SRF sind vergleichsweise nur vereinzelte Rückmeldungen zur genderneutralen Sprache eingegangen, wobei sowohl positive als auch kritische Feedbacks mit dabei waren», so SRF-Sprecher Andrea Di Meo.

«Everyone beyond»

Die wohl originellste Sprachregelung hat das Onlinemagazin Republik. «Die Republik wechselt in Beiträgen geschlechtsübergreifend zwischen dem generischen Maskulinum und dem generischen Femininum ab», sagt Geschäftsführerin Miriam Walther zu persoenlich.com. «Unsere traditionelle Anrede ‹Ladies und Gentleman› ergänzen wir mit ‹everyone beyond›, um auch non-binäre Menschen einzuschliessen.»

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Mit diesem pragmatischen, aber geschlechterbewussten Vorgehen habe die Republik sehr gute Erfahrungen gemacht. Diese Lösung sei einfach, schlicht und wirksam. «Ein Effekt davon ist, dass sie auf sprachlicher Ebene zum Nachdenken anregen kann: ‹unsere Autorinnen Olivia Kühni und Simon Schmid›. Andererseits führt diese Praxis nicht zu Stolperfallen, die die Verwendung von Sonderzeichen zum Beispiel für blinde Menschen bedeuten kann», so Walther.

Nur bei wenigen Medien haben also Sonderzeichen bereits Einzug gehalten – und wenn, dann beispielsweise nur auf Social Media, in der Publikation selbst aber nicht. «Die Republik beobachtet die Entwicklungen aufmerksam. Stand heute gibt es scheinbar keine perfekte Lösung», sagt Walter weiter. Umso relevanter sei es, dass sich alle Medien immer wieder damit auseinandersetzen würden.



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Kommentare

  • Sam Loew, 04.10.2021 14:49 Uhr
    Beim ersten Genderstern respektive beim ersten Doppelpunkt, bei der zweiten Doppelnennung beider Geschlechter („die Virologen und die Virologinnen, die Epidemiologen und Epidemiologinnen und die Corona-Expertinnen und Corona-Experten“) und beim ersten generischen Femininum („Ärztinnen-Kongress“, obwohl da nicht nur Frauen sind) höre ich konsequent mit Lesen auf. Es kommt danach nichts mehr Intelligentes. So spare ich Zeit für kluge Lektüre. In diesem Sinne finde ich die Genderei sehr sinnvoll. Sie trennt die Spreu vom Weizen. Weiter so!
  • erich Heini, 04.10.2021 13:14 Uhr
    Weshalb denn nicht 'Liebe Lesende' ? Von denen gibt es ja ohnehin immer weniger.
  • Sam Loew, 04.10.2021 10:53 Uhr
    Beim ersten Genderstern respektive beim ersten Doppelpunkt, bei der zweiten Doppelnennung beider Geschlechter („die Virologen und die Virologinnen, die Epidemiologen und Epidemiologinnen und die Corona-Expertinnen und Corona-Experten trafen sich...“) und beim ersten generischen Femininum („Ärztinnen-Kongress“, obwohl der nicht nur für Ärztinnen ist) höre ich konsequent mit Lesen auf. Es kommt danach nichts Gscheites mehr. So spare ich Zeit für kluge Lektüre. In diesem Sinne finde ich die Genderei sehr sinnvoll. Sie trennt die Spreu vom Weizen. Weiter so!
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