Mit ihren Unterschriften zogen sie einen symbolischen Schlussstrich. Am vergangenen Freitag unterzeichneten SRF-Direktorin Nathalie Wappler, die scheidende Radio-Chefredaktorin Lis Borner und Philipp Schori, Präsident der SRG Bern Freiburg Wallis, gemeinsam eine Erklärung. Darin bekennen sich die drei Parteien zum Radiostudio Bern als «starkem SRF-Standort mitten im politischen Zentrum der Schweiz». Das Dokument soll den Konflikt um die Bedeutung des Berner Studiostandorts beenden.
«Es handelt sich nicht um einen rechtlich bindenden Vertrag», sagt Philipp Schori auf Nachfrage von persoenlich.com. «Aber die gemeinsame Erklärung schafft trotzdem eine gewisse Verbindlichkeit.» Das tun auch die Äusserungen von SRF-Direktorin Nathalie Wappler, wenn sie die dezentrale Organisation des Unternehmens betont. «Mir ist die Verankerung in den Regionen wichtig», sagte Wappler vor der Generalversammlung der lokalen SRG-Trägerschaft.
Philipp Schori, Nathalie Wappler und Lis Borner unterzeichnen die gemeinsame Erklärung. (Bild: Imagopress.com)
Vor fünf Jahren stand diese Verankerung auf dem Spiel. Anfang April 2018 kündigte die damalige SRF-Führung um Direktor Rudolf Matter als mögliche Sparmassnahme an, den Umzug grosser Teile des Berner Radiostudios nach Zürich zu prüfen. Ein Vorhaben, das gar nicht gut ankam bei Personal und Politik.
Grüne und SVP Seite an Seite
Neben der Belegschaft, die praktisch geschlossen auf die Barrikaden ging und gegen die Pläne ihrer Chefs aufbegehrte, weibelten mehrere Komitees vor und hinter den Kulissen gegen die geplante Schwächung des SRF-Standorts in der Bundesstadt. Der politische Widerstand formierte sich über alle Parteigrenzen hinweg. So kämpften damals Grüne und SVP Seite an Seite für den Erhalt des Radiostudios in seiner bisherigen Dimension.
Eine wichtige Stimme, die sich für den Beibehalt des Status quo aussprach, war auch die lokale Trägerschaft. Die Genossenschaft SRG Bern Freiburg Wallis, der der Boden gehört, auf dem das Studio steht, eckte damit bei der SRF- und Radioführung an und sorgte intern für Verstimmung.
Ende 2019 entschied sich SRF für einen Kompromiss mit einem Teilumzug: Die Nachrichtenredaktion und das Personal von SRF 4 News ziehen nach Zürich, Hintergrundsendungen wie das «Echo der Zeit» oder «Rendez-vous», sowie die Inland-, Ausland und Teile der Wirtschaftsredaktion bleiben in Bern.
Swissinfo füllt Lücke
Nach dem Abzug von rund 70 Radioleuten aus dem Radiostudio hielt die Kritik an. Von Salamitaktik war die Rede. Man traute der Sache nicht und ging davon aus, dass auf den Teilumzug irgendwann doch noch die endgültige Schliessung folgen würde. In den letzten zwei Jahren wurde die Kritik dann immer leiser. Das rührte auch daher, dass die rund hundertköpfige Redaktion der internationalen SRG-Plattform Swissinfo ins Radiostudio einzog und die durch den Auszug der Radioleute entstandene Leere wieder füllte.
Auch wenn Swissinfo die Erklärung nicht unterzeichnet hat, weil sie das Verhältnis zwischen SRF und ihrer lokalen Trägerschaft betrifft, setzte man sich für einen starken Standort ein. «Die Zusammenarbeit ist bereichernd, unsere Teams fühlen sich sehr wohl hier», teilt Swissinfo-Direktorin Larissa Bieler auf Anfrage mit.
Neben der Klärung der Vergangenheit umreisst das Dokument ein neues Profil für das Radiostudio. «Neu wird das Studio zu einem Ort der Debatte und Begegnung – zwischen SRF und seinem Publikum», steht da geschrieben. Diese Öffnung wollen SRF und die Trägerschaft mit regelmässigen, zum Teil schon etablierten, Veranstaltungen umsetzen. Denn, so steht es auch festgeschrieben: «Medialer Service public muss in einer modernen Medienwelt noch mehr leisten.» Noch mehr leisten als nur ein Medienangebot bereitzustellen.
Radio mit eigener Chefredaktion
Den Kern der Daseinsberechtigung bildet aber weiterhin die Radio-, respektive Audioproduktion. Und zwar unter eigenständiger Leitung. Auch in dieser Hinsicht hat SRF den Standort Bern jüngst gestärkt. Im Zusammenhang mit den Umzugsplänen vor fünf Jahren befürchteten die Radioleute, dass die getrennten Chefredaktionen von Audio und Video (früher: Radio und Fernsehen) zusammengelegt würden. Man ging davon aus, dass der Rücktritt von Lis Borner, der amtierenden Chefredaktorin Audio, als Anlass zu einer Fusion genommen werden könnte. Doch so weit kommt es nun nicht. Radio, respektive Audio, bleibt unter einer eigenen Chefredaktion mit Sitz in Bern. Beim Personal an der Berner Schwarztorstrasse sorgt das nach turbulenten Phasen für eine gewisse Beruhigung.
Die aktuelle Entwicklung rund um das Radiostudio Bern nehmen jene Kreise mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis, die sich vor fünf Jahren dafür eingesetzt hatten, einen starken SRF-Standort in Bern zu erhalten. «Die Verankerung in den Regionen ist die Raison d’être des Service public», teilt Mark Balsiger auf Anfrage von persoenlich.com mit. Der Politikberater war 2017/2018 Kampagnenleiter gegen die «No Billag»-Initiative und bekämpfte die Zentralisierung der SRF-Standorte. «Ich bin sicher, dass die SRF-Spitze erkannt hat, dass eine weitere Zentralisierung weder von der Belegschaft noch von den regionalen Trägerschaften mitgetragen würde.»
«Dokument ist etwas unverbindlich»
Auch Regula Rytz reagiert erfreut. Die ehemalige Nationalrätin und frühere Parteipräsidentin der Grünen setzte sich für das Radiostudio Bern ein. «Ich finde es wichtig, dass die regionale Verankerung der SRG mit dieser Erklärung gestärkt wird», sagt Rytz im Gespräch mit persoenlich.com. Sie hätte es allerdings gerne etwas konkreter gehabt. «Mir fehlen Zahlen zur langfristigen Personalsituation und eine klare Absage an weitere Zentralisierungen. So kommt das Dokument etwas unverbindlich daher», findet Rytz.
Wenn sich SRF heute zu dezentralen Strukturen bekennt, dann kann man das auch als Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Bundeshaus lesen. Schliesslich trägt mit Albert Rösti nun einer jener Politiker im Bundesrat die Verantwortung für das Mediendossier, der sich an vorderster Front für das Radiostudio Bern stark gemacht hatte, als SRF es schwächen wollte. Und in seiner erst kurzen Amtszeit als Bundesrat hat Rösti bereits mehrfach auf die Bedeutung einer regionalen Verankerung der Service-public-Medien hingewiesen. Sich mit dem Medienminister gutzustellen, schadet sicher nicht – gerade auch mit Blick auf die Halbierungsinitiative.
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09.05.2023 15:42 Uhr

