Mit emotionalen Worten eröffnete SRG-Generaldirektorin Susanne Wille ihre Rede am 26. SwissRadioDay vom Donnerstag: «Das Radio ist für mich ein Herzensmedium. Ich bin damit aufgewachsen – als Hörerin und später als Leiterin der Abteilung Kultur.» Ihre persönliche Verbindung zum Medium war spürbar: «Es ist die Nähe zu unseren Hörerinnen und Hörern, diese Direktheit, das Live-Element, die ganze Leidenschaft des Erzählens von Geschichten, die mich bis heute eng mit dem Radio verbinden.»
Trotz dieser emotionalen Bindung verteidigte sie die kontroverse UKW-Abschaltung: «Um den Elefanten im Raum gleich zu Beginn zu benennen – insbesondere bei der UKW-Abschaltung: Eigentlich ziehen wir gemeinsam am gleichen Strick.» Sie argumentierte mit Daten: «Mittlerweile sind fast neun von zehn Minuten Radionutzung digital – DAB+, Streaming, On-Demand und Podcast.»
Dennoch räumte sie ein: «Der erwartete Rückgang unserer Nutzungszahlen ist eingetroffen. Gerade für unsere Radiosender und die Macherinnen und Macher ist das nicht einfach.»
Wille machte klar: «Es ist wichtig, dass private und öffentliche Medien trotz solcher Differenzen weiterhin zusammenarbeiten und zusammenhalten. Gemeinsam sind wir stärker.» Sie verwies auf bestehende Kooperationen: «Die SRG stellt beispielsweise Radionachrichten zur Verfügung, die rund ein Dutzend private Radiosender stündlich live ihren Hörerinnen und Hörern senden. Für weitere Kooperationen sind wir offen und bieten Hand für einen Dialog.»
Viele Diskussionen – nun liegen die Zahlen vor
Moderatorin Maria Victoria Haas brachte später die Endlosschleife auf den Punkt: «Dieses Thema ist zu einer Art Soap Opera mutiert, auf deren baldiges und hoffentlich glückliches Ende wohl alle hoffen.» Die über zehn Jahre hin und her in Sachen UKW-Abschaltung würden ihren Tribut fordern. Haas leitete ein Podium mit fünf Männern aus der Radiobranche.
Die Zahlen sind eindeutig: Die SRG-Radiosender haben durch die UKW-Abschaltung Ende 2024 schweizweit 471'400 Hörende verloren. Allein in der Deutschschweiz mussten alle SRF-Sender auf 378'600 tägliche Hörerinnen und Hörer verzichten. Bei diesen Zahlen sind Doppelhörer bereits bereinigt, wie die Forschungsstelle Mediapulse bestätigte. Die Gewinner der UKW-Abschaltung: Die Schweizer Privatradios gewannen im gleichen Zeitraum 188'400 Hörende dazu (persoenlich.com berichtete).
Peter Scheurer, Geschäftsführer des Verbands Schweizer Privatradios (VSP), machte die wirtschaftlichen Sorgen deutlich: «Bei uns Privaten sind die Reichweiten entscheidend für die Werbetarife. Wenn wir an Reichweite verlieren, bedeutet das automatisch weniger Einnahmen. Für uns ist das wirtschaftlich nicht tragbar.»
Besonders scharf kritisierte Scheurer die bisherige Datenlage: «Wir haben uns stets auf die Digimig-Studie abgestützt und dort beobachtet, dass zwar der UKW-Wert kontinuierlich gesunken ist – gleichzeitig gaben aber rund 30 Prozent der Befragten an, DAB und Streaming parallel zu nutzen.» Diese Ungewissheit habe zu falschen Einschätzungen geführt: «Jetzt haben wir zum ersten Mal Ergebnisse, die man wirklich ernst nehmen kann, weil es keine Publikumsbefragungen sind.»
Marco Derighetti, COO der SRG, widersprach der Dramatisierung: «Für uns ist Wochenreichweite als Service public wichtiger. Dort ist die Senkung weniger drastisch.» Die SRG habe bewusst den ersten Schritt gemacht: «Wir sind ein sehr grosses Unternehmen und mussten entscheiden: Entweder schalten wir alles aus oder gar nicht. Es wäre auch sehr kostspielig gewesen, weiter auf UKW zu senden.»
«Wir brauchen mehr Zeit für die Digitalisierung»
Philippe Zahno, Präsident der Radio Régionales Romandes (RRR), betonte die sprachregionalen Unterschiede: «Wir brauchen mehr Zeit für die Digitalisierung. In der Romandie ist die Situation noch schwieriger.» Er verglich die Lage mit einem Zeitungsverlag, der gleichzeitig auf frischem und recyceltem Papier drucken müsse – ein wirtschaftlich untragbares Szenario.
Die Privatradios fordern deshalb eine UKW-Verlängerung. Scheurer betonte: «Wir können nicht einfach 17 Prozent Einnahmen verlieren.»
Während die kommerziellen Radios um ihre Existenz fürchten, sehen nichtkommerzielle Sender die Situation entspannter. Jürg Morgenegg vom Verband Corall erklärte: «Wir sind nicht abhängig von Werbeeinnahmen. Wir erfüllen einen Leistungsauftrag.» Der Verband vertritt die «Allianz der nichtkommerziellen Radios» und sieht sich als «Home of Subcultures». Morgenegg berichtete von einem unerwarteten Nebeneffekt: «Auf uns sind Leute zugekommen, die gesagt haben: Wir empfangen SRF 3 nicht mehr – und haben dann Kanal K eingeschaltet.»
Juan Widmer von Unikom sieht in der UKW-Abschaltung sogar eine Chance: «Es eröffnet mehr Raum für Vielfalt, wenn UKW wegfällt.» Er kritisierte die Haltung der etablierten Sender scharf. Für Unikom-Radios sei klar: «Wir werden abschalten, das kostet uns etwas, aber wir werden Geld sparen.»
Stammtisch für die ganze Branche
Peter Scheurer kündigte Aufklärungsarbeit bis zur wichtigen Nationalratsdiskussion am 10. September an: «Unser Hauptziel ist jetzt, alle Partner auf diesen wichtigen Diskussionstermin vorzubereiten.» Zahno bekräftigte die Werbearbeit für DAB+: «Wir werden die Promotion für DAB+ weitermachen. Es vergeht kein Tag ohne Spots zu den Vorteilen von DAB+.» Er verwies auf eine Studie mit der Universität Neuenburg, die zeige, wie sich die Radiovielfalt von 22 auf 170 Sender entwickelt habe.
Derighetti wünschte sich einen stärkeren Fokus auf die Inhalte: «Wir sollten über die Programme sprechen und die digitalen Möglichkeiten nutzen, die für uns immens sind.» Eines war jedoch sonnenklar: «Nächstes Jahr sind wir sowieso wieder hier, garantiert», sagte Moderatorin Haas.
SwissRadioDay-Organisator Darryl von Däniken fasste den Charakter der Veranstaltung treffend zusammen: «Der SwissRadioDay ist ein Stammtisch für die ganze Branche, um die Karten auf den Tisch zu legen.»
Das vielfältige Programm der Tagung umfasste übrigens Themen von Medienpolitik über künstliche Intelligenz bis hin zur Radioforschung. 341 Personen waren vor Ort anwesend, 300 weitere haben sich live online dazugeschaltet. Übrigens: Keine Branche kann besser feiern als die Radiobranche: Das Logo des Events zeigte immer noch stolz «25 Years» – das Jubiläum vom letzten Jahr wurde einfach weitergezogen. Warum auch aufhören, wenn's schön ist?
Weitere Impressionen vom SwissRadioDay 2025 finden Sie hier.