11.07.2025

Radiozahlen

Branche zwischen Euphorie und Existenzängsten

Die SRG verliert seit der UKW-Abschaltung Ende 2024 jeden siebten Hörer – Schweizer Privatradios und ausländische Sender profitieren. Doch die Freude ist getrübt: Ende 2026 droht allen die UKW-Abschaltung. Jetzt kämpft die Branche ums Überleben.
Radiozahlen: Branche zwischen Euphorie und Existenzängsten
Die Umstellung von UKW (FM) auf DAB+ kostete die SRG-Radiosender jeden siebten Hörer. (Bild: Keystone/Michael Buholzer)

Die neusten Mediapulse-Zahlen bestätigen, was sich bereits in den ersten Wochen nach der UKW-Abschaltung der SRG Ende 2024 abgezeichnet hatte: Die SRG-Radiosender haben massive Hörverluste erlitten, während die Privatradios durchwegs profitieren konnten (persoenlich.com berichtete). Doch die Freude über die Reichweitengewinne ist getrübt von der Sorge um die eigene UKW-Abschaltung. Bis Ende 2026 müssen – Stand heute – alle Schweizer Radios auf DAB+ umstellen.

Schweizweit verlor die SRG-Sendergruppe 14 Prozent ihrer Nettoreichweite im Vergleich zum Vorjahressemester. Die Verluste sind je nach Sprachregion unterschiedlich stark: SRF verlor 378'600 Hörende (minus 18 Prozent), RTS 133'800 (minus 23 Prozent) und RSI 43'500 (minus 27 Prozent). Radio SRF 1, das Flaggschiff der SRG, verzeichnete einen Rückgang um 233'000 Hörerinnen und Hörer und durchbrach erstmals die Millionengrenze nicht mehr (Montag bis Sonntag, Deutschschweiz, ab 15 Jahren).

SRG-Mediensprecher Nik Leuenberger zeigt sich gegenüber persoenlich.com dennoch gelassen: «Der Verlust von minus 7 Prozentpunkten bei der Nettoreichweite der SRG-Sendergruppe entspricht der erwarteten Entwicklung aufgrund der allgemeinen Reichweitenverluste des Mediums Radio und der UKW-Abschaltung.» Mit 53 Prozent Marktanteil bleibe die SRG «nach wie vor klar Marktführerin».

Privatradios feiern historische Gewinne

Während die SRG um jeden Hörer kämpft, jubeln die Privatradios über Zuwächse. An der Spitze behaupten sich weiterhin die CH-Media-Sender Radio Pilatus und Radio 24. «Durch die Reichweitengewinne bei unseren Sendern können nun sogar 10 Prozent mehr Hörerinnen und Hörer erreicht werden», freut sich Nicola Bomio, Leiter Radio bei CH Media. «Dies ist für uns als Anbieter von kommerziellen Radiosendern eine wichtige Botschaft an unsere Werbekundinnen und Werbekunden.»

Doch die Erfolgsgeschichte der Schweizer Privatradios hat einen Haken. Eine besonders brisante Erkenntnis liefert Peter Scheurer, Geschäftsleiter des Verbands Schweizer Privatradios (VSP): «Erschreckend ist die Tatsache, dass die eigentlichen Gewinner die Auslandradios mit UKW-Empfang in der Schweiz sind, die um 20 Prozent, also um über 100'000 Hörerinnen und Hörer zugelegt haben.»

Existenzängste vor der eigenen UKW-Abschaltung

Die Privatradios blicken skeptisch auf Ende 2026, wenn auch sie UKW abschalten müssten. «Die massiven Verluste der SRG bereiten uns grosse Sorgen», erklärt CH-Media-Radiochef Bomio. «Sollten wir als privatfinanzierte Sender Ende 2026 Reichweiten-Verluste in ähnlicher Grössenordnung erleiden, würde uns dies vor grosse Herausforderungen stellen. Denn die privat finanzierten Sender verkaufen ihre Werbung aufgrund ihrer Reichweite.»

Ins gleiche Horn bläst VSP-Geschäftsleiter Scheurer. Er warnt vor existenziellen Folgen: «Die SRG, deren Finanzierung grösstenteils über Gebühren erfolgt, kann sich einen Rückgang der Zuhörerzahlen leisten, ohne dass dies direkte Auswirkungen auf ihre Einnahmen hat», so Scheurer. «Für private Radiostationen hätte ein Reichweitenverlust, selbst geringer als derzeit bei der SRG, katastrophale Folgen.»

Auch Pascal Aminzadeh, Chief Audio Officer der Energy-Gruppe, sieht in den aktuellen Zahlen ein Argument für UKW: «Die Zahlen zeigen, dass auch die Radiosender der Energy-Gruppe deutlich von der SRG-UKW-Abschaltung profitiert haben – obwohl Energy Basel, Energy Bern und Energy Zürich ein jüngeres Zielpublikum ansprechen. Das spricht dafür, UKW auch über 2026 hinaus weiterzuführen.»

Schawinski: «Schildbürgerstreich» stoppen

Besonders scharf fällt die Kritik von Radiopionier Roger Schawinski aus. Er wirft der SRG vor, ihre Argumentation sei «von Anfang an hilflos und falsch» gewesen: «UKW – von der SRG als beinahe schon irrelevante Nutzungsart mit weniger als 10 Prozent Marktanteil abgetan – hat seine Bedeutung auf eindrückliche Weise unterstrichen.»

Schawinski kritisiert auch das Timing der SRG-Entscheidung: «Als Gebührenmonopolist hätte die SRG dies als letzte und nicht als erste Institution tun dürfen.» Für die Zukunft prognostiziert er eine Fortsetzung der negativen Entwicklung: «Falls die Privaten Ende 2026 UKW abschalten müssten, würden sie nicht nur ihre durchschnittlichen aktuellen Gewinne von 20 Prozent verlieren, sondern zusätzlich weitere 20 Prozent, wie es die SRG erlebt hat.»

VSP fordert dringende UKW-Verlängerung

Angesichts der Entwicklungen mehren sich die Rufe nach einer politischen Intervention. VSP-Geschäftsleiter Scheurer zeigt sich erfreut: «Aktuell liegen dem Nationalrat bereits drei Motionen zur Weiterführung von UKW vor, was die Dringlichkeit einer Lösung deutlich signalisiert.»

Der Verband Schweizer Privatradios macht in einer Medienmitteilung deutlich, dass eine UKW-Abschaltung Ende 2026 die Schweizer Radiolandschaft gefährden würde. «Bei der geplanten UKW-Abschaltung der Schweizer Privatradios Ende 2026 ist davon auszugehen, dass die Hörerschaft erneut zu den noch über UKW empfangbaren Auslandradios umschaltet oder sich vom Radiokonsum beispielsweise im Auto gar abwendet, da der Kauf eines digitalen Radiogeräts nicht in Frage kommt», warnt der VSP.

Auch der Verband Radios Régionales Romandes (RRR) fordert «dringende politische und administrative Entscheidungen, um den Privatradios zu ermöglichen, über 2026 hinaus auf UKW zu senden». Philippe Zahno, Präsident der RRR, betont: «Es ist nicht vorstellbar, die Augen vor dem Hörereinbruch der RTS zu verschliessen.» Das Überleben mehrerer Regionalradios hänge direkt von der Fortsetzung der UKW-Ausstrahlung ab.

Roger Schawinski appelliert eindringlich an das Parlament: «Diesem Schildbürgerstreich muss vom Parlament unbedingt Einhalt geboten werden. Im Herbst findet darüber eine Diskussion im Nationalrat statt.»

SRG setzt auf Digitalisierung

Die SRG verweist auf die fortschreitende Digitalisierung als Grund für Optimismus. «Unterdessen sind 87 Prozent der gesamten Radio-Nutzung in der Schweiz digital», erklärt Mediensprecher Leuenberger unter Berufung auf die DigiMig-Erhebung. «Die fortschreitende Digitalisierung und die insbesondere im Auto gestiegene Nutzung von DAB+ stimmen die SRG positiv.»

Die SRG sieht ihre UKW-Abschaltung als Wegbereiter für die gesamte Branche: «Der Schritt der SRG, UKW Ende 2024 abzuschalten, hat diesen Prozess jedoch beschleunigt und ebnet den privaten Radiosendern den Weg, um den vor zehn Jahren gemeinsam beschlossenen und gestarteten Abschaltplan für die UKW-Infrastruktur spätestens Ende nächstes Jahr abzuschliessen.»

Trotz aller Turbulenzen zeigt sich die Schweizer Radiolandschaft noch immer relevant: Mit einer Tagesreichweite von 70 Prozent bleibt Radio ein wichtiges Medium – auch wenn diese 2019 noch bei 81 Prozent lag. Die Weichen für die Zukunft werden im Nationalrat gestellt – wenn über die Verlängerung von UKW diskutiert wird.


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