«Tom Kummer ist ein geiler Schreiber»

Weltwoche - Der «gefakte» Tom-Kummer-Brief in der «Weltwoche» rückte dessen Autor, den Basler Journalisten Michael Bahnerth, wieder in den Vordergrund. Nicht zum ersten Mal. Der 54-Jährige ist einer der originellsten Schreiber des Landes. Ein Gespräch über die Frage, wann Satire noch Satire ist.

von Matthias Ackeret

Herr Bahnerth, Sie haben den «gefakten» Brief von Tom Kummer an Claas Relotius in der «Weltwoche» geschrieben (siehe Abbildung unten). War es schwierig, Tom Kummer zu imitieren?
Imitieren ist das falsche Wort. Ich habe lediglich versucht, ein wenig den Sound von Kummers Schreibe aufzunehmen, also irgendetwas zwischen Grunge, Indie und Milli Vanilli. Hilfreich war, dass ich unlängst das Buch «Wildlife» von Richard Ford nochmals gelesen habe, dessen Sätze Kummer ja immer wieder gern in seine Storys und Bücher eingebaut hat.

Was zeichnet den Kummer-Stil aus?
Das ist nicht leicht zu beantworten, weil es schon länger her ist, dass ich eine Story von Kummer gelesen habe. Seine fetten Jahre waren in den Neunzigern, und das war die Zeit, als all jene Schreiber, die dachten, sie könnten wirklich schreiben, ein wenig «Tempo»-Magazin und Gonzo-Journalismus sein wollten, und in dieser Kategorie war Tom ziemlich weit oben. Ich glaube, ich hätte damals nichts dagegen gehabt, Tom Kummers Leben in L. A. zu haben: die coolen Partys, eine salonfähige Verzweiflung, diesen Underground-Elitarismus, diesen Westcoast-Narzissmus, das Schreiben am Küchentisch und die happy Freak-Family. Und, das ist so, Tom ist ein geiler Schreiber, sein Rhythmus, das Beben zwischen den Zeilen, wenn er gut ist. Ich erinnere mich an eine Story, die er über Martina Hingis geschrieben hat. Wie er da ihren Mund beschreibt und all die unausgelebten Sehnsüchte, die zwischen ihren Lippen kleben, das war Champions League. Und ich habe «Blow up» gelesen und «Nina & Tom», und «Nina & Tom» war grosses Kino, fand ich, und dass er die Hurrikan-Szene darin bei Ford abgetippt hatte, fiel mir nicht auf, weil sie sich nahtlos in den Wortteppich von Kummer eingewoben hat. Was für Kummer spricht. Oder gegen Ford.

Warum hat man nicht gleich den Original-Tom-Kummer angefragt für diesen Brief?
Weil Tom Kummer nie auf diese Idee gekommen wäre, vermute ich, und, mit dieser Idee konfrontiert, wahrscheinlich nur «Fuck you» gesagt hätte.

War es Ihre Idee, einen solchen Brief zu verfassen?
Ja. Da war so etwas wie Relotius-Tag in der «Weltwoche». Zimmi schrieb über ihn, Mörgeli auch und Broder ebenfalls, und ich dachte, das müsste Kummer tun. Ist ja immer gut, wenn ein Schreiber weiss, worüber er schreibt. Also setzte ich mich hin und fing an zu tippen.

Wie haben Sie reagiert, als plötzlich Kummer in der Sendung «Schawinski» dementierte, einen solchen Brief verfasst zu haben?
Langsam. Erst am nächsten Tag. Als die Sendung lief, war ich am Tippen – irgendwas über Bruce Chatwin –, weil ich wieder einmal zu spät war mit allem; was okay ist für mich, weil ich zu jenen gehöre, die daran glauben, dass das wahre Schreiben jenseits der Deadline beginnt, und ich hatte die Abgabe von Freitag zwölf Uhr schon auf Montag zwölf Uhr und dann auf Dienstag neun Uhr verschoben, was bei der Produktion nicht gerade Freudensprünge auslöste, und man kann es sich auf einer Zeitung mit vielen verscherzen, ohne dass es ein wirkliches Unglück ist, nie aber mit der Produktion.

Nun gilt Tom Kummer als genialer Stilist,aber auch als genialer Fälscher. Haben Sie eine Seelenverwandtschaft?
Woher soll ich das wissen? Ich bin ja noch nicht aufgeflogen. Das war natürlich ein Scherz. Was uns möglicherweise verbindet – weil ich ihn ja nicht kenne –, ist vielleicht die Ansicht, dass wirklich gut Erfundenes fast immer wirklicher ist als die Wirklichkeit. Es ist, wenn es gut gemacht ist, so wirklich, dass es genau so ablaufen würde, wenn es sich zutragen würde. So was hinzubekommen, ist verdammt schwer, es ist im Grunde eine Kunstform, die leider das Problem hat, den Leser zu verarschen. Ja, die Sache mit der Wahrheit. Schauen Sie, die Wahrheit ist auch, dass viele Interviews von Pressestellen, Managern und so weiter so nachbearbeitet und von der Wirklichkeit entfremdet werden, dass es ebenfalls einer Entstellung der Wahrheit gleichkommt.

Sie wurden berühmt durch ein umstrittenes Porträt über die Regierungsrätin Eva Herzog in der «Basler Zeitung» mit dem Titel «Annäherung an eine Unnahbare», das mittlerweile fast schon Kult ist. Da haben Sie den gleichen Tsunami von Kritik gespürt wie jetzt Claas Relotius. Was war damals passiert? Infosperber hat Sie als «Gefahr für den Journalismus» bezeichnet.
Nun gut, im Vergleich zu Relotius war das nur wie das Plätschern der Wellen am Ufer eines Sees, auf dem ein Ausflugsschiff vorbeigezogen ist. Was ich betrieben habe, war eine Art von Vermutungs- und Andeutungsjournalismus, was eine famose Art ist, Sachverhalte darzulegen, deren Schwierigkeit zwar nicht ist, dass sie unwahr wären, die aber von den Hauptakteuren geleugnet werden würden, obwohl man zwei Quellen hat, die Stein und Bein schwören, dass es so war, nur eben nicht öffentlich. Also, ich wusste, dass Herzog einen Amtskollegen geküsst hatte, was zeigt, dass sogar die spröde und kleinliche Herzog ein Sehnsuchtspotenzial jenseits erhöhter Staatseinnahmen besitzt, was jetzt auch nicht so überraschend klingen mag, in ihrem Fall aber doch so ist. Ich schrieb dann, es gäbe in der Stadt das Gerücht, dass …, dass ich aber nicht glaube, dass es mehr sei als ein Gerücht. Später fragte ich noch, woher das spröde Element ihres Wesens kommen könnte: zu wenig geliebt, zu streng geliebt, ob sie etwas zu verbergen hätte, etwa eine lesbische Liebesbeziehung und so weiter. Der Rest war journalistische Recherche, die umso nötiger war, als Herzog, eine öffentliche Person und Sozialdemokratin, sich auch nach mehrmaliger Nachfrage samt Einsenden jener Themen, die zur Sprache kommen sollten, und jener, die nicht zur Sprache kommen würden, einem Gespräch verweigert hatte. Dann kam der Shitstorm. Die SP kann ja vieles, aber Humor definitiv nicht. Redete von «Menschenverachtung», «Frauenfeindlichkeit» und so weiter, drohte mit Presserat.

Haben Sie damals zu fest «ausgeschmückt»?
Es gab da wohl Wahrnehmungsdifferenzen zwischen all den linken und rechten Pharisäern da draussen und mir. Es stimmt, dass ich an und auf der Grenze des journalistischen Anstandes schrieb, aber verletzt habe ich ihn nicht, und betrogen habe ich niemanden. Es wäre einfach anständig gewesen von Frau Herzog, als Finanzministerin ein paar harmlose Fragen zur Person zu beantworten. Das gehört sich so. Schliesslich hat man als Steuerzahler ein Recht, zu wissen, wie das als Finanzministerin so ist in einer Stadt, in der man in diesem Job nichts falsch machen kann, weil die Pharmaindustrie in etwa die Grundkosten abdeckt, man aber trotzdem tief in die Taschen der Bürger greift. Ich habe ihr explizit geschrieben, dass mich etwa die Machart ihres Höschens überhaupt nicht interessiere, sondern eher ihre Vorstellung von einer gerechten Steuerpolitik. Hat nichts genutzt.

Wie stark haben Claas Relotius – und auch Tom Kummer – dem Journalismus geschadet?
Das Paradoxe dabei ist doch, dass das Erfundene dem Journalismus zuerst genutzt hat, weil das unglaubliche Texte und Interviews waren, losgelöst von den üblichen Leitplanken der Branche – eigene, kleine Sonnensysteme. Dann stellt sich heraus, dass alles erfunden, aber als Wahrheit verkauft worden ist. Nun ja. Wir sind, wie gesagt, verarscht worden. Aber gelesen habe ich das gern.

 

Was Michael Bahnerth über seinen Wechsel von «Basler Zeitung» zur «Weltwoche» sagt, lesen Sie im vollständigen Interview. Dieses finden Sie in der aktuellen Ausgabe des «persönlich»-Magazins.