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Fall Relotius: «Wir nehmen den Fall ernst»

Als bekannt wurde, dass die Frau von Philipp Hildebrand Devisentransaktionen getätigt hatte, forderte die «Weltwoche» in einer extrem aggressiv geführten Kampagne den sofortigen Rücktritt des Präsidenten der Nationalbank. In der Folge wurden Hildebrand zwar keine rechtlich relevanten Verfehlungen nachgewiesen, doch die Sorgfaltspflicht schien verletzt. Damit blieb Hildebrand keine Wahl. Er musste zurücktreten. Auch in anderen Berufen werden nicht allein rechtliche, sondern zusätzlich ethische Anforderungen an Entscheidungsträger gestellt. Im Journalismus ist es vor allem die Aufgabe, sachgemäss zu berichten. Es besteht eine ausdrückliche Sorgfaltspflicht, mittels deren das Verbreiten von falschen oder gefälschten Informationen verhindert werden soll.

Ende der Neunzigerjahre wurde der Berner Tom Kummer nach jahrelanger Tätigkeit als ausgebuffter Fälscher enttarnt. Aus diesem Grund verloren die beiden Chefredaktoren des Magazins der «Süddeutschen» ihren Job. Roger Köppel hingegen, der als Chef des «Magazins» des «Tages-Anzeigers» ebenfalls eine grosse Zahl von Kummer-Storys veröffentlicht hatte, entging dieser Sanktion. Jahre später überraschte er – inzwischen Besitzer der «Weltwoche» – mit einer der heutzutage so umworbenen, allerdings arg zerzausten «Edelfeder», die er sich unbedingt an seinen Chefredaktorenhut stecken wollte: «Jeder hat eine zweite Chance verdient. Welcome back, Tom Kummer», verkündete er stolz. Dies war grob fahrlässig. Denn ein Tom Kummer kann das literarische Niveau seiner gefakten Geschichten gemäss eigenen Aussagen nur halten, indem er betrügt. Seine immer dreisteren Plagiate führten dann auch zu seiner zweiten Enttarnung. Tom Kummers Erklärung: Die Chefs waren eben süchtig nach meinen Texten. «Keiner konnte so blöd sein, nicht zu merken, dass ich das nicht eins zu eins und in dieser Form von einem Star geliefert haben konnte.»

Ende Dezember 2018 wurde der Fall des Fälschers Claas Relotius publik. Der «Spiegel», der eine grosse Zahl von Relotius-Geschichten veröffentlicht hatte, berichtete grossflächig über den seit Jahren dramatischsten Betrug im deutschen Pressewesen. Die Hintergründe wurden im Blatt akribisch aufgezeigt, die zum Kollaps des viel gerühmten Systems der Qualitätskontrolle geführt hatten. In einem ausführlichen Interview liess man sogar den direkten Konkurrenten, Giovanni di Lorenzo von der «Zeit», zu Wort kommen, der die überforschen «Spiegel»-Methoden kritisierte.

Auch die «Weltwoche» hatte in den letzten Jahren zahlreiche Relotius-Texte im Blatt, insgesamt waren es 28. Zuerst verweigerte man dort jeden Kommentar zur Affäre. Dann verkündete man in einem Text: «Wir nehmen den Fall ernst.» Man werde nach eingehender Prüfung darüber berichten. Am 4. Januar erschien als Erstes dazu ein Brief an Claas Relotius, der mit Tom Kummer gezeichnet war. In diesem sprach ein Faker einem zweiten Faker Mut zu. «Man darf nicht vergessen, es sind Schreiber wie wir, welche die dunklen Flecken des Qualitätsjournalismus beleuchten», hiess es da etwa euphemistisch. Als ich Tom Kummer in meiner TV-Sendung auf diesen Text ansprach, erklärte er zu meiner kompletten Verblüffung, dass er ihn gar nicht geschrieben habe, dass es sich beim Brief zum Thema Fake also um einen Fake handelte. Roger Köppel meinte auf Anfrage von SRF noch am selben Abend, dass es sich eben um einen «Neujahrsgag» gehandelt habe. Dies sei mit der Spitzmarke «Fake News» ja ausgeflaggt worden.

Dies war eine fade Ausrede. Denn kaum jemand hat diesen Fake als Fake erkannt, auch nicht der frühere «Weltwoche»-Vizechef Markus Somm, wie er in unserer Radiosendung «Roger gegen Markus» gestand. Aber das ist nur das eine. Statt sich für den wiederholten Faker-Fall zu entschuldigen, doppelte Köppel mit einer Faker-Glosse nach und drehte damit all seinen Lesern eine lange Nase, dies zumal in einer Zeit, in der die Glaubwürdigkeit der Medien wie nie zuvor infrage gestellt wird. Die Ankündigung «Wir nehmen den Fall ernst» erwies sich als halbleeres Versprechen. Zwar hatte Köppel bereits an der Dreikönigstagung vom 9. Januar verkündet, dass einige Interviews bereits autorisiert seien. Zwei Wochen später schreibt die «Weltwoche» in einer internen Mitteilung, dass von den 25 Interviews, die zwischen 2012 und 2016 abgedruckt worden seien, bei acht die Bescheinigung vorliege, dass sie geführt worden seien. Die Nachprüfung gestalte sich aber «in vielen Fällen schwierig». Doch mit Relotius habe man nicht einmal Kontakt aufnehmen können. Anders beim «Spiegel». Dort hatte Relotius seine krassen Verfehlungen und damit seinen Modus Operandi gestanden. Bei der «Weltwoche» will man weiterhin den Eindruck erwecken, dass sich der geständige Faker bei seinen «Weltwoche»-Texten anders, nämlich seriös, verhalten habe, um sich so um eine Entschuldigung zu drücken. Man duckt sich also weiterhin weg. Roger Köppel ist ein Mann vieler Talente. Doch Demut und das Eingestehen von Fehlern gehören definitiv nicht zu seinen Kernkompetenzen.  

 



Roger Schawinski ist Medienunternehmer. 1979 gründete er Radio 24. Heute er betreibt er Radio 1 in Zürich.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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