TV-Kritik

«Weltwoche»-Fake mit Tom Kummer

Der Berner Autor Tom Kummer sollte sich bei «Schawinski» über den Fall seines preisgekrönten deutschen «Kollegen» Claas Relotius äussern. Dieser hatte im «Spiegel» reihenweise fiktive und gefälschte Reportagen publiziert (persoenlich.com berichtete).

Kummer wurde selber berühmt-berüchtigt, weil er früher Dutzende von Interviews und Geschichten erkünstelt und getürkt hatte – teils auch in der «Weltwoche». In der ersten SRF-Talkshow der Woche kam es zu einer Überraschung. Zu Beginn der Sendung sprach Roger Schawinski seinen Gast auf dessen offenen Brief an den «Spiegel»-Journalisten in der «Weltwoche» vom 4. Januar an. Unter dem Titel «Lieber Claas Relotius» schrieb Kummer, er sei froh, nicht mehr der grösste Betrüger im deutschsprachigen Journalismus zu sein.

«Das habe ich nicht geschrieben!», betonte Tom Kummer bei «Schawinski» – und das gleich zweimal. Der Talkmaster war völlig überrascht – und mit ihm die zusätzlich auch noch verunsicherten Zuschauer. Was stimmt nun? Wer einmal lügt...

Roger Schawinski: «Du hast das nicht geschrieben? Dass die ‹Weltwoche› das gemacht hat, ist ein weiterer Skandal!» SRF fragte nach der Aufzeichnung der Sendung bei Roger Köppel nach. Der «Weltwoche»-Verleger und -Chefredaktor bestätigte, der offene Brief sei zwar mit «Tom Kummer» unterschrieben, aber nicht von diesem verfasst worden. Autor des Textes ist sein Redaktor Michael Bahnerth. Die Kolumne – laut Köppel «eine ironische Persiflage nach Mark Twain» – sei mit der Spitzmarke «Fake News» ausgeflaggt worden.

Von dem amerikanischen Schriftsteller (1835-1910) stammt übrigens das Zitat: «Wenn du keine Zeitungen liest, bist du uninformiert, wenn du Zeitungen liest, bist du desinformiert.» Und: «Im Zweifelsfalle sprich die Wahrheit.» Oder im aktuellen Fall noch passender: «Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir haben. Gehen wir sparsam damit um.»

Alte Vögel sind zwar schwer zu rupfen, aber Tom Kummer (feierte am Sendetag seinen 58. Geburtstag) machte es Schawinski ziemlich leicht. Der Autor, der sich für seine vielen Fälschungen nie entschuldigt hat, entschleiert sich immer wieder selber. Beispiele aus der Sendung gefällig? – «Es gibt keine alternativen Fakten. Es gibt Fakten, aber jeder Journalist interpretiert diese anders.» – «Das Wort Fake ist bösartig. Man kann es Literatur oder Fiktion nennen.» – «Ich kenne keine betrogenen Leser. Ich kenne nur Leute, die meine Texte extrem erfreut haben.» – «Ich habe ein Markenzeichen gegründet.» – «Meine Recherchen waren sehr präzise. Das Interview mit Bruce Willis habe ich zwar erfunden, aber ich war da, wo er lebte.» Kann es sein, dass dieser Mann etwas Verbotenes raucht?


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Bachmann Stefan, 15.01.2019 09:02 Uhr
    Es ist niedlich, wie Kummer sein Handeln auch vor sich selber zu rechtfertigen versucht. Er wirkt auf mich wie ein Bankräuber, der seinen Überfall vor Gericht als Kunstprojekt darstellt.
Zum Seitenanfang20190818