25.06.2026

DAV

«Unsere Inhalte sind kaum anderswo zu finden»

Die Druckerei Appenzeller Volksfreund (DAV) feiert 2026 gleich drei Jubiläen: 150 Jahre Appenzeller Volksfreund, 125 Jahre Anzeige-Blatt und 20 Jahre appenzell24.ch. Im Interview spricht Geschäftsführer Alexandro Isler darüber, wie ein kleines Regionalmedium im Appenzellerland überlebt – und warum es dafür keinen grossen Konzern braucht.
DAV: «Unsere Inhalte sind kaum anderswo zu finden»
«Viele kleine Interessen bringen zusammengerechnet auch eine grosse Reichweite», Alexandro Isler, Geschäftsführer Druckerei Appenzeller Volksfreund (DAV). (Bilder: zVg)

Alexandro Isler, 150 Jahre Appenzeller Volksfreund, 125 Jahre Anzeige-Blatt, 20 Jahre appenzell24.ch – auf den ersten Blick drei runde Zahlen. Was sagen sie über die Entwicklung Ihres Medienhauses aus?
Dass die drei Jubiläen auf dasselbe Jahr fallen, ist Zufall. Einerseits natürlich ein toller Aufhänger um zu feiern, andererseits aber für unser kleines Team auch sehr aufwändig, allen Jubiläen gerecht zu werden. Aber natürlich freuen wir uns riesig. Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit der Entwicklung dieser drei Produkte und entsprechend auch mit der Entwicklung des Medienhauses. Wir fokussieren uns auf unsere lokalen Kernkompetenzen und nutzen Synergien so gut wie möglich.

Die Druckerei Appenzeller Volksfreund (DAV) führt heute zwei Printtitel und ein Newsportal parallel. Wie sieht das Verhältnis dieser drei Marken zueinander aus, wer trägt heute das Geschäft?
Das Zusammenspiel der drei Produkte funktioniert sehr gut und alle drei sind wichtig für das Gesamtbild. Während die Printtitel das gesamte Zeitbild abdecken, publizieren wir online lediglich Nachberichte. Die Printprodukte sind die Hauptträger des Geschäfts und dank der lokalen Verbundenheit und Ausrichtung im Markt sehr beliebt. Das Newsportal ergänzt diese beiden ideal, ist aber wirtschaftlich nicht sehr lukrativ. Wir achten darauf und wägen immer ab, welche Inhalte wir in welcher Form ausspielen.

«Strategisch konnte der Fokus noch mehr geschärft werden»

Der frühere Akzidenzdruckbereich wurde 2015 in eine eigene AG ausgegliedert. Was hat diese Entflechtung für die journalistischen Titel bedeutet?
Wirtschaftlich gesehen natürlich Sicherheit. Strategisch konnte der Fokus noch mehr geschärft werden. Beide Bereiche bewegen sich in einem schwierigen Marktumfeld und können so auch unabhängig voneinander agieren. Aus journalistischer Sicht hat dies keinen Einfluss, da die wirtschaftlichen Interessen schon immer getrennt von den redaktionellen Aufgaben waren.

Die DAV betreibt neben den Medienmarken auch Medien- und Verlagsdienstleistungen sowie einen Buch- und Kunstkartenverlag. Wie wichtig sind solche zusätzlichen Standbeine für das Überleben des Kerngeschäfts Journalismus?
Der Buchverlag ist wohl eher als «Hobby» zu bezeichnen und ist nur ein kleiner Bereich. Den Kunstkartenverlag konnten wir als bestehendes und funktionierendes Geschäft 2025 übernehmen und fortführen. Hier spielen natürlich viele Synergien innerhalb unseres Hauses mit. Für die Zukunft könnte der Bereich der Medien- und Verlagsdienstleistungen weiter an Gewicht gewinnen, davon sind wir überzeugt. Wir bieten professionelle Dienstleistungen zu fairen Preisen und dies sehr individuell. Herausgeber von Zeitungen und Zeitschriften oder auch anderen Publikationen können sich so auf den Hauptzweck der Herausgabe fokussieren, und wir organisieren und wickeln alle administrativen Bereiche im Hintergrund zuverlässig ab.

Regionale Medienhäuser stehen seit Jahren unter Druck: sinkende Inserateeinnahmen, Konkurrenz durch grosse Plattformen, steigende Kosten. Wie hat sich die DAV in dieser Zeit wirtschaftlich behauptet?
Natürlich sind auch wir von diesen Entwicklungen betroffen, wenn auch weniger extrem, da wir uns sehr lokal bewegen. Wir sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung zufrieden und sind diesbezüglich als Genossenschaft mehr gewinnorientiert und weniger gewinngetrieben. Wir entwickeln uns stetig, optimieren Abläufe und investieren in unsere Inhalte. Das zahlt sich aus, indem wir eine treue Leserschaft haben.

Was unterscheidet ein kleines, regional verankertes Medienhaus wie die DAV strategisch von grossen Verlagshäusern?
Ob unser Regionalteil in der nächsten Ausgabe sechs oder zwölf Seiten hat, wird nicht von wirtschaftlicher Seite gesteuert, sondern redaktionell. Natürlich findet eine wohlüberlegte Auswahl statt, wir wollen aber bewusst nebst unseren Eigenleistungen und Recherchen auch viel Platz für Lokales über Vereine, Behörden, Verbände und Gesellschaft bieten. Das ist unser USP und den pflegen wir so gut wie möglich. Dank diesem USP können wir beispielsweise technische Neuerungen und Entwicklungen zuerst etwas beobachten und leicht verzögert investieren. Nicht jeder Hype muss sofort bespielt werden, da unsere Inhalte kaum anderswo zu finden sind.

Appenzell24.ch gibt es seit 20 Jahren. Wie hat sich das Verhältnis von Print und Digital seither verschoben, auch beim Personal und bei den Investitionen?
Unsere beiden Printtitel bieten nebst der gedruckten Ausgabe ein klassisches Replica als E-Paper an. Dieses ist zwar auch gewachsen, aber weniger als unsererseits erwartet. Rund 95 Prozent der Leserschaft hat nur Print oder Print/Digital kombiniert, letztere kommen auf gut 30 Prozent. Rund 5 Prozent sind komplett auf digital umgestiegen. Unsere Newsplattform appenzell24.ch ist stark gewachsen, was die Zugriffszahlen und die Verbreitung anbelangt, und wir sehen weiteres Potenzial, diese auch wirtschaftlich noch tragender zu machen. Ohne die Printtitel hätten wir sie aber wohl nie weiter betreiben können. Deshalb haben wir in der Vergangenheit und werden wohl auch in naher Zukunft die grössten Investitionen im redaktionellen Inhalt tätigen – so profitieren Print und Digital.

«Wir haben in unsere Redaktion investiert»

Wie hat sich die journalistische Arbeit in der Redaktion über die letzten Jahrzehnte verändert – personell, redaktionell, im Tempo?
Wir haben in unsere Redaktion investiert. Alle drei Marken haben wir zu Beginn mit fünf Personen betrieben. Heute ist das Team mit acht Personen deutlich grösser. Auch Aufträge an freie Mitarbeitende haben zugenommen. Parallel ist aber auch die Verarbeitung der Texte einfacher geworden. Wir konnten die Qualität und den Umfang steigern. Der Inhalt des Appenzeller Volksfreunds beispielsweise ist in den Jahren von 2020 bis 2025 um über 20 Prozent erhöht worden. Unsere Abonnenten erhalten beinahe zwei Seiten mehr pro Ausgabe.

Was bedeutet Lokaljournalismus aus dem Appenzellerland für eine Region wie Gais, Bühler oder Appenzell, wo grosse Medienhäuser kaum mehr hinschauen?
Aus unserer Sicht extrem viel. Es braucht Öffentlichkeit, um über lokale Themen informiert zu sein und darüber diskutieren zu können. Und es braucht Unabhängigkeit, damit es nicht von Behörden, Verbänden oder Tech-Giganten orchestriert wird. Vereine und Veranstalter werden gesehen und wahrgenommen – von einem breiten Publikum in einer vertrauenswürdigen Quelle. Politische Themen, ob kommunal oder national, können mit lokaler Optik diskutiert und kommentiert werden. Das Gewerbe braucht ein Schaufenster und ein vertrauenswürdiges Umfeld, um sich und seine Angebote positionieren zu können.

Wagen wir einen Blick nach vorn: Was sind aus heutiger Sicht die grössten Herausforderungen für die DAV in den nächsten zehn Jahren?
Natürlich wird die Transformation von Print zu digital weiter ein Thema sein. Ebenfalls gilt es, sich im Dschungel von KI, Social Media und Onlineangeboten weiter bemerkbar zu machen und als verlässliche Quelle zu positionieren. Dazu müssen die technischen Entwicklungen wachsam beobachtet werden, damit wir dort investieren, wo es sinnvoll ist.

Wo sehen Sie das grösste Potenzial – redaktionell wie wirtschaftlich – für ein Medienhaus Ihrer Grösse?
Ich denke, gerade in den heutigen Zeiten von Newsdeprivation, KI und Fake News ist das grösste Potenzial bei Themen wie Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Transparenz und einzigartigen Inhalten auszumachen. Also eine kuratierte, geprüfte Umgebung für das Lokalgeschehen erhalten und weiter pflegen. Wirtschaftlich gilt es, technische Vereinfachungen so zu nutzen, dass der Fokus auf den USP, die regionale Berichterstattung, gelegt werden kann. Des Weiteren können weitere Optimierungen in der Administration und bei innovativen Werbemöglichkeiten erzielt werden. So werden wir das Vertrauen der Leserschaft halten und allenfalls gar ausbauen können. Zudem schaffen wir ein ideales Umfeld für Werbetreibende.

«Es braucht offene Augen und Ohren, um die Bedürfnisse auf lokaler Ebene zu erkennen»

Wenn Sie auf die drei Jubiläen zurückblicken: Was ist die wichtigste Lehre für andere kleine, regionale Medienhäuser in der Schweiz?
Ich denke, die meisten kleinen, regionalen Medienhäuser, welche es noch gibt, machen bereits vieles richtig. Es braucht offene Augen und Ohren, um die Bedürfnisse auf lokaler Ebene zu erkennen. Viele kleine Interessen bringen zusammengerechnet auch eine grosse Reichweite. Sorgfalt, Unabhängigkeit, Bescheidenheit und Transparenz sind ein Muss. Zugleich sollte man mutig sein und ein Stück weit Idealismus mitbringen, damit man konsequent seinen Weg gehen kann. Die Vorteile daraus sollte man konstant und mit Überzeugung ausspielen.

Zum Schluss: Wie wird gefeiert?
Am Wochenende vom 26. und 27. Juni haben wir verschiedenste Aktivitäten, hauptsächlich an die Bevölkerung der Region gerichtet. Es sollen Begegnungen geschaffen werden und Möglichkeiten, Einblick in Geschichte und Gegenwart zu erhalten. Nebst diesen Anlässen vor Ort publizieren wir für beide Printtitel eine Jubiläumssonderausgabe und übers Jahr verteilt einzelne Rückblicke in unser Wirken. Zum Jahresabschluss feiern wir dann noch intern. Das haben wir uns verdient.


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KOMMENTARE

Hans-Peter Rohner
25.06.2026 08:07 Uhr
Marc Walder - das APPENZELLERLAND widerlegt seine Prognosen!! ich bin vor 70 Jahren in Gais im Appenzellerland aufgewachsen. Das Anzeigeblatt Gais war 2x pro Woche vielbeachtete Familienlektuere. Seit mehr als 40Jahren lebe ich in der Westschweiz und habe das Anzeigeblatt Gais - Gääserblättli für Insider - immer noch abonniert. Die Zeitung ist heute deutlich umfangreicher, lebendiger, vielfaeltiger als beispielsweise vor 20Jahren. Rezept? vollstaendiger Fokus aufs Lokalgeschehen und eine kluge, engagierte Chefredaktorin, unterstuetzt von einem smarten, modernen Verleger. Herzliche Gratulation zum 125Jahr-Jubiläum und beste Wünsche fuer die Zukunft.
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