14.10.2019

Jahrbuch Qualität der Medien

Von «Alt-Welt-Journalisten», Storyformen und Social Media

Zum zehnten Mal hat das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) am Montag in Bern das Jahrbuch «Qualität der Medien» vorgestellt. Auf einem Podium wurden die Hauptbefunde danach leidenschaftlich diskutiert, an Konstruktivität fehlte es hingegen.
Jahrbuch Qualität der Medien: Von «Alt-Welt-Journalisten», Storyformen und Social Media
Podiumsdiskussion nach der Vorstellung der Resultate: (v.l. n. r.: Mark Eisenegger, Maurice Thiriet, Alexandra Stark, Konrad Weber, Adrienne Fichter. (Bild: zVg.)
von Loric Lehmann

Die Studie des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) zeichnet zum zehnten Mal in Folge ein düsteres Bild der Medienlandschaft ab (persoenlich.com berichtete). Jedes Jahr deuten die Zeichen mehr darauf hin, dass der Journalismus, so wie wir ihn kennen, bald die letzten Atemzüge von sich geben wird. Die Jungen lesen keine Zeitung, hören kein Radio und sehen kein Fernsehen mehr. Die Medienkonzentration nimmt zu. Niemand ist mehr bereit zu zahlen für Nachrichten, aber umso mehr für Unterhaltung.

Am Montagvormittag kamen Expertinnen und Experten im Salon Rouge des berühmten Hotels Bellevue zusammen, um über die aktuelle Situation der Medien zu debattieren. Der Ort wurde wohl gewählt, um die Wichtigkeit des Journalismus für die Demokratie zu unterstreichen. Es diskutierten: Adrienne Fichter, Tech-Reporterin der «Republik», Maurice Thiriet, Chefredaktor von «Watson», Konrad Weber, Projektleiter Digitale Strategie SRF sowie Mark Eisenegger Präsident des fög unter der Moderation von Alexandra Stark, Dozentin am MAZ und Journalistin.

Alle erklärten, sie seien ab den Resultaten überhaupt nicht überrascht und hätten gehofft, dass es nicht so schlimm werde. Maurice Thiriet hob sich hingegen vom Rest der Diskutierenden ab und setzte bereits bei der an ihn gestellten Einstiegsfrage zum Monolog an. Er kritisierte die Methodik des fögs («Facebook braucht heute sowieso niemand mehr.»), den Begriff News-Deprivation («Das tönt ja schon wie deprimiert.»), das Setting im Saal («Da sitzen wir Alt-Welt-Journalisten, beschweren uns über die Tech-Giganten und rufen nach dem Staat.») und, dass Texte schreiben nicht mehr wie früher funktioniere. Alles in etwa vier Minuten. Somit war das Thema für Thiriet abgehandelt.

Die Macht des Algorithmus

Ob es denn sein könnte, äusserte Alexandra Stark, dass wir halt einfach keinen guten Journalismus mehr machten oder zu wenig, und darum die Leute nicht mehr «darüber stolperten»? Maurice Thiriet wiederholte, man solle eben nicht einfach die Tech-Giganten kritisieren, sondern man müsse das Bedürfnis der Jungen nach Community-Plattformen ernst nehmen und sich die Storyformen von Social Media aneignen. Konrad Weber stimmte dem zu. «Die alte Welt funktioniert nicht einfach im Internet», sagt der SRF-Digitalexperte. Heute habe man ein anderes Verständnis von Informiertsein und dabei spielten natürlich die sozialen Medien eine enorme Rolle. Adrienne Fichter enervierte sich über diese Einstellung. Der Journalismus dürfe sich nicht einfach den Tech-Giganten anpassen. «Wir haben uns bereits zu fest prostituiert, was nur den Geschäftszielen im Silicon Valley half», sagte sie.

Konrad Weber hielt dagegen, die «Republik» funktionierte ja auch nicht ohne Social Media. Das sei nur am Anfang so gewesen, meinte Fichter. Der Algorithmus von Facebook sei zu mächtig, da könne man nicht dagegenhalten. «Da kann man sich noch so sehr anpassen», erklärte Fichter. Fög-Präsident Mark Eisenegger schaltete sich ein: «Journalismus ist systemrelevant. Es wäre absurd, ihn ins Silicon Valley auszulagern.» Es sei schon richtig, dass Informationsmedien auf Social Media präsent seien, aber wichtiger sei, dass man eine eigene digitale Heimat habe. Das sei «Quatsch», meinte Thiriet. Logisch hätten ja alle eigenen Plattformen und Social Media sei ja nur ein Rekrutierungsinstrument.

Dann kam man noch kurz auf die Login-Allianz zu sprechen. Mark Eisenegger meinte, die Medienhäuser seien noch viel zu sehr auf sich selber konzentriert. Es gehe aber in die richtige Richtung. Der entbündelte Konsum nehme zu. Das heisst, dass man News unabhängig von den Quellen zusammen konsumiert. «Die Medienhäuser müssen aber eine gemeinsame Plattform schaffen.»

«Keinen Mehrwert für den Nutzer»

«Watson» macht bei dieser Allianz nicht mit. Maurice Thiriet begründete dies so: «Ein Medien-GA für die Schweiz ist auch keine Lösung.» Die Leute seien gemäss Studie ja nicht bereit, für News zu zahlen. Deshalb nochmal: «Die Mediennutzung kann man nicht ändern». Weber meinte, die Diskussion gebe es nun schon seit 10 Jahren. Geschehen tue aber nichts. Fichter sieht die Login-Allianz ebenfalls kritisch. Sie begrüsse zwar, dass sich die betroffenen Medien zusammenraufen, um ein Gegengewicht zu den Tech-Giganten zu bilden. Facebook werde sich mit dem bald startenden News-Tab aber dagegen wehren. Sie sieht die Vielfalt der Medien unter einem Dach auch als Gefahr, ob sich die Medienhäuser wirklich finden werden. Und schlussendlich sei auch fraglich, wo der Mehrwert für den Nutzer ist, wenn weiterhin einfach die gleichen Tracker auf einem grösseren Datenpool verwendet werden.

Der wichtigste Diskurs werde gar nicht geführt, enervierte sich Mark Eisenegger gegen Ende. Am prominentesten sei dieses Jahr darüber berichtet worden, dass die Studios des SRF von Bern nach Zürich zögen. Das könne nicht sein. Die publizistische Vielfalt leide. Facebook und Google hätten zu viel Macht. Deshalb habe man die Begriffe «Medienpatriotismus» kreiert. Deshalb sei die direkte Medienförderung wichtig. «Ohne Geld, kein Journalismus.»



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Kommentare

  • Robert Weingart, 15.10.2019 07:39 Uhr
    Auch diese „Experten“ scheinen kein Rezept zu haben. Meine Prognose: Auch Thiriet und Watson „ kommen noch auf die Welt“.
  • Karin Müller, 15.10.2019 09:56 Uhr
    Für gute Stories zahlt die Leserschaft nach wie vor. Wichtig ist mehr Eigenrecherche statt Einheitsbrei. Die "Policy" in den Newsrooms darf nicht sein "die anderen sind damit schon online, wir müssen auch sofort raus". Inhalte sind gefragt, die anderen Geschichten. Aber: Recherche kostet halt, darum wird die Idee der 24/7-Mitarbeitenden in Newsrooms wohl als Konzept kaum aufgehen.

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