Von Rätoromanen, Reformen und Running Gags

Swiss Radio Day 2018 - Radio steckt mitten im Umbruch. Die SRG verändert sich, das neue Mediengesetz ist am Entstehen und die Radioforschung wird sich neu erfinden müssen. Einblick in Gegenwart und Zukunft gab es am wichtigsten Branchentreffen vom Donnerstag.

von Christian Beck

Das persoenlich.com-Interview mit Röbi Ruckstuhl, Programmleiter Radio SRF, zog sich am Donnerstag am Swiss Radio Day wie ein roter Faden durch die ersten Reden. Gleich die vier ersten Referenten zitierten daraus. «Röbi, du bist heute der Running Gag», war in einer Networking-Pause dann zu hören.

Als einer der ersten trat der ehemalige SDA-Chefredaktor Bernard Maissen auf. «Ich hätte nie gedacht, dass ich beim Radio Day mal als Referent dabei sein werde», sagte der heutige Bakom-Vizedirektor und Abteilungsleiter Medien im Vorfeld zu persoenlich.com. Seine Rede startete der Bündner in seiner ersten Muttersprache Rätoromanisch. Erst nach Minuten sagte er: «Keine Angst, ich mache nun auf Deutsch weiter.» Die Organisatoren hätten es unterlassen, eine entsprechende Simultanübersetzung bereitzustellen.

«Noch nicht so viel zu sagen»

Maissen wies darauf hin, dass vor 80 Jahren das Rätoromanische als Schweizer Landessprache anerkannt worden sei. «Eine rätoromanische Simultanübersetzung wäre deshalb eine schöne Geste gewesen», so Maissen mit einem Lachen. Dabei habe er nur rätoromanisch begonnen, weil er sonst die halbe Stunde, die ihm zur Verfügung stehe, gar nicht hätte füllen können. «Ich bin ja erst seit vier Monaten beim Bakom und habe noch gar nicht so viel zu sagen.»

Nach dem unterhaltsamen Einstieg zeigte Maissen auf, wie sich der Weg bis zum neuen Bundesgesetz über elektronische Medien für die Radios gestalten wird. «Es braucht noch viel Durchhaltewillen», sagte er. Schliesslich werde es sicher 2023 bis 2024, bis das neue Mediengesetz in Kraft sei. Klar sei, so Maissen: Ist das Gesetz einmal in Kraft, bietet sich den Radios ein verändertes Umfeld. Dieses werde kompetitiver, es gebe weniger Sicherheiten und weniger Regulierung. «Die bestehenden Radios werden aber im Vorteil sein, weil sie ihr Publikum schon kennen und nun auch fünf Jahre Zeit haben, sich auf die neuen Begebenheiten vorzubereiten», so Maissen.

Allen Radiomachern, die das Gefühl hätten, sie stünden im Schatten ihrer Kollegen vom Fernsehen, rechnete Maissen vor: «Der Begriff ‹Radio› kommt im neuen Gesetz weniger vor als bisher, aber immerhin noch zehnmal. Der Begriff ‹Fernsehen› hingegen habe ich nur siebenmal gezählt.»

Nach der Forschung ist vor der Forschung

Anfang Juli wurden zum ersten Mal die Resultate der neuen Radioforschung publiziert (persoenlich.com berichtete). Nun gehe es bereits darum, die Zukunftsszenarien zu erarbeiten, sagte Mediapulse-CEO Tanja Hackenbruch im prallvollen Hauptsaal im Kaufleuten Zürich. Zum einen entkopple sich die klassische Radionutzung von den herkömmlichen Programmstrukturen, Distributionswegen und Endgeräten. Zum anderen würden neue Audioanbieter das Angebotsspektrum erweitern und damit die etablierten Radios konkurrieren.

Mirko Marr, Leiter Forschung Mediapulse, skizzierte verschiedene Szenarien. Eine der vielen Herausforderungen: Während heute im Onlinebereich den unterschiedlichen Nutzern personalisierte Werbung vorgespielt werde, sei dies beim Radio noch nicht der Fall. Die Herausforderung für die Hörerforschung sei, die Messung von Programm und Werbung zu trennen. Das Fazit von Hackenbruch: «Da gibt es nur eine Lösung: Wir müssen frühzeitig miteinander reden und eine gemeinsame Sprache finden.»

Die SRG 4.0

Vor 179 Tagen war für die SRG ein entscheidendes Datum: Am 4. März wurde die No-Billag-Initiative klar verworfen. «Vorher war häufig der Vorwurf zu hören, dass sich ohnehin nichts verändern wird», sagte Bakel Walden, Direktion Entwicklung und Zusammenarbeit bei der SRG. «Für uns war aber ganz klar, dass wir uns verändern und am 4. März einen Neuanfang machen müssen.» Im Rahmen der No-Billag-Debatte seien einige Feedbacks eingegangen. «Das war nicht immer angenehm für uns.»

Daraus habe man einige Learnings gezogen: So bestehe der Mehrwert der SRG in ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit. «Markterfolg allein legitimiert unser Dasein nicht», sei ein weiteres Learning. Die Digitalisierung sei ein Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. Zudem stelle sich das gesamte Unternehmen in den Dienst der Programme, und der direkte Draht zu den Menschen in der Schweiz solle ausgebaut werden.

«Wir wollen diesen Reformprozess weiterführen, auch wenn wir dafür viel Kritik ernten werden», sagte Walden. Dafür brauche es aber noch etwas Zeit: Bei der Umsetzung des Neuanfangs sei man im Vergleich zu einem Marathon erst bei Kilometer 4,1.


Am Swiss Radio Day fanden den ganzen Tag Reden und Podien statt. Weitere Impressionen davon finden Sie hier.