Frau Binswanger, Sie haben nun ein Kapitel Ihres Buches über die legendäre und skandalträchtige Zuger Landammannfeier vom 20. Dezember 2014 in der SonntagsZeitung publiziert. Wie waren die Reaktionen darauf?
Ich habe viele persönliche Nachrichten bekommen, auch Leserbriefe. Sie waren fast ausschliesslich positiv. Viele schreiben auch, das sei die Art von Journalismus, von dem sie sich mehr wünschten. Das ermutigt mich.
Warum fasziniert Sie dieses Thema so?
Ich war gerade am Recherchetag im MAZ, um dort über meine Tschanun-Recherche zu referieren. Ein Tipp, der an diesem Tag bezüglich komplexer Recherchen immer wieder gegeben wurde: dranbleiben, nicht einschüchtern lassen. Die Zuger Affäre ist ein Stück Mediengeschichte. Ich kenne in meinem Ressort kein vergleichbares Ereignis, das so einen Impact hatte, so breit diskutiert wurde. Es ist normal, dass solche Recherchen schwierig sind und lange dauern. Als ich im Spätherbst und im Winter 2019 am Buch zu schreiben begann, war das die richtige Geschichte zum richtigen Zeitpunkt: Spiess-Hegglin war mit ihrer Opfergeschichte in den Medien sehr präsent. Und als Hürlimann sich bereit erklärte, mir seine Geschichte zu erzählen, war das ein Coup: Diese Story hatte noch niemand gehört.
«Ich mache weiter das, was ich und meine Vorgesetzten für richtig und wichtig halten»
Sie hatten bei Ihren Recherchen Kontakt mit Markus Hürlimann. Wie hat er auf Ihre erste Anfrage reagiert?
Anfangs war er zurückhaltend und vorsichtig. Wir haben dann mehrere Vorgespräche geführt, und ich habe ihn mit dem Argument überzeugt, dass, wenn er nicht redet, irgendwann Spiess-Hegglins Version als einzige Wahrheit gelten wird.
Und mit Frau Spiess-Hegglin haben Sie auch gesprochen?
Ich hatte mit ihr im März 2015 ein zweistündiges Gespräch geführt. Dann informierte ich sie im Januar 2020 über meine Recherche und bat sie um ein Gespräch. Als ich keine Antwort bekam, wiederholte ich meine Anfrage eine knappe Woche später. Ich bekam immer noch keine Antwort, dafür meldete sich ihre Anwältin. Sie wollte in meiner Abwesenheit mit meinen Vorgesetzten sprechen. Die wollten mich jedoch dabeihaben. Dann ist sie zum Richter gerannt.
Sie stehen seit Monaten wegen Ihrer Recherchen im Fokus der Spiess-Hegglin-Verteidiger. Wie fest beeinträchtigt dies Ihren Alltag und denjenigen Ihres Umfelds?
Das ist eine Parallelwelt, die mit der Realität etwa so viel zu tun hat wie World of Warcraft. Wir Journalisten dürfen uns von solchen Druckversuchen genauso wenig einschüchtern lassen, wie wenn wir etwa von gut dotierten Firmenanwälten bedrängt würden. Ich mache weiter das, was ich und meine Vorgesetzten für richtig und wichtig halten. Der Rest ist mir egal.
Spektakulär war auch, wie Sie die letzten Jahre des berühmten Zürcher Vierfachmörders Günther Tschanun nachkonstruiert haben. Wie sind Sie auf diese Story gestossen?
Die Geschichte begann mit einem Besuch im Kriminalmuseum Zürich, zusammen mit meinem Lebenspartner und einer ganzen Gruppe. Beim Exponat Tschanun war die Tatwaffe ausgestellt, ein Taurus-Revolver, und der pensionierte Polizist, der die Führung machte, erzählte beiläufig, Tschanun sei übrigens 2015 bei einem Velounfall im Tessin verstorben. Der Mann hatte aus dem Nähkästchen geplaudert, aber natürlich wollte ich diese Information am folgenden Montag hart machen. Doch alle Ämter, die ich kontaktierte, weigerten sich, die Information zu bestätigen oder zu dementieren. Das fand ich verdächtig, und so haben wir gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz zuerst die Bestätigung und danach die Akten aus Tschanuns Haft und nach seiner Entlassung verlangt.
Sie haben vor vier Jahren über Ihre Kenntnisse von MeToo-Fällen in Schweizer Medien-häusern berichtet. Hat sich in der Zwischenzeit diesbezüglich etwas geändert?
Solche Themen haben ja eine eigene Konjunktur, und in den vergangenen Jahren hat diesbezüglich ein Kulturwandel stattgefunden. Das Thema wird überall sehr ernst genommen. Gleichzeitig sind via soziale Medien auch gewisse Übersteuerungen zu beobachten. Ich finde es mittlerweile spannender, nach den Schattenseiten der Entwicklung zu fragen. Etwa danach, wie entsprechende Vorwürfe strategisch eingesetzt werden können, um missliebigen Personen zu schaden. Oder was unbestätigte Vorwürfe sexuellen Missverhaltens mit den Beschuldigten anrichten können. Wir Journalisten sind angehalten, solche Entwicklungen zu hinterfragen.
«Ein Team zu führen, ist eine für mich neue und auch sehr anspruchsvolle Aufgabe»
Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückschauen, gab es ein journalistisches Schlüsselerlebnis?
Meine Platzspitz-Recherche im Jahr 2014. Das Stück schlug damals ein wie eine Bombe, ich bekam extrem viele Rückmeldungen. Schon während der Recherche war auffällig, dass es hier einen grossen Nachholbedarf gab, denn die Stadt hatte diese Geschichte nie wirklich aufgearbeitet. Die Leser waren aufgewühlt und auch dankbar, dass ich die Sache wieder in die Gegenwart holte. Wenn man das richtige Thema trifft, kann man die Menschen auch mit Journalismus tief berühren.
Wann entstand der Wunsch, Journalistin zu werden?
Ich habe immer Tagebuch geschrieben und hatte deshalb den naiven Traum, meinen Lebensunterhalt schreibend zu verdienen. Als ich dann in den Journalismus einstieg, lernte ich, dass das Schreiben nur ein kleiner Teil dieses Berufs ist. Viel wichtiger ist es, eine Story zu erkennen und die richtigen Fragen zu stellen.
Sie haben nun bei Tamedia eine Führungsposition, kommen weniger zum Schreiben. Stört Sie das?
Mein Chef sagte mir dazu: Du bist jetzt nicht mehr auf dem Spielfeld, um Goals zu machen, sondern die Trainerin am Spielfeldrand. Ein Team zu führen, ist eine für mich neue und auch sehr anspruchsvolle Aufgabe. Da gibt es viel zu lernen, und ich lerne gern neue Dinge. Ich freue mich aber auch, wenn ich mehr Routine habe und wieder mehr schreiben kann.
Welche Geschichte wollen Sie unbedingt noch schreiben?
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