Herr Dorer, die Medienministerin hatte das vor noch nicht einmal einer Woche vorgeschlagen. Schon pariert Ringier und schliesst seine Gratiszeitung. Hatte Doris Leuthard Vorwissen oder folgen Sie ihr aufs Wort?
Dorer: Nein, natürlich nicht. Das war purer Zufall. Es wäre abwegig zu glauben, dass wir wegen so einer Aussage innerhalb einer Woche eine Tageszeitung einstellen. Hier steht ganz klar die wirtschaftliche Situation von «Blick am Abend» im Vordergrund.
Ein Zufall?
Dorer: Ich kann es mir nicht anders erklären. Wir hatten keinen näheren Kontakt zu ihr in dieser Sache. Wenn sie von der Einstellung gewusst hätte, hätte sie das ja sicher nicht öffentlich gesagt.
Herr Theobald, hat der «Blick am Abend» jemals rentiert?
Theobald: Wir geben zu einzelnen Zahlen keine Auskunft. Aber Sie können sich vorstellen, dass wir einen Titel nur dann einstellen, wenn er Probleme macht.
«Wir bauten Boxen ab, weil die Nachfrage zurück ging»
Was war das Hauptproblem?
Theobald: Wir haben es nicht geschafft, den Werbemarkt davon zu überzeugen, ausreichend im «Blick am Abend» zu inserieren. Im Lesermarkt war der «Blick am Abend» ein schöner Erfolg. Dass der Werbemarkt nicht mitzog, hat unter anderem damit zu tun, dass die Inserenten glaubten, mit Inseraten am Morgen bessere Wirkung zu erzielen als am Nachmittag oder gegen Abend. Und wie alle Zeitungen leidet auch der «Blick am Abend» unter dem rückläufigen Werbemarkt. Und da eine Gratiszeitung einzig von den Werbeumsätzen lebt, ist das dann natürlich doppelt schwer. Zudem hatten wir keine nationale Abdeckung.
Das Blatt verlor innert fünf Jahren 200'000 Leser.
Theobald: Der Leserschwund hat ebenfalls eine Rolle gespielt, jedoch war das nicht ausschlaggebend. Wir bauten Boxen ab, weil die Nachfrage zurückging. Aber das tut auch der Wettbewerber. Ich kenne keine grosse Tageszeitung, die derzeit keine Leser verliert.
Wie viel sparen Sie mit der Einstellung des «Blick am Abend»?
Theobald: Ich bitte um Verständnis, dass wir diese Zahlen nicht extern kommunizieren.
In der Mitteilung steht, «es kommt zu einer Anpassung im Newsroom». Was heisst das?
Dorer: Die Einstellung betrifft nicht unbedingt Redaktoren, denn im Newsroom arbeiten ja alle Journalisten für alle unsere Produkte. Vielmehr gibt es nun weniger oder gar keine Arbeit mehr für gewisse Produzenten. Weil wir die journalistischen Inhalte trotzdem weiterhin produzieren, diese jedoch statt für Print nun online verbreiten, gibt es weiterhin ein blickamabend.ch-Online-Team. Zudem organisieren wir die Bildredaktion für die gesamte Blick-Gruppe neu, sie wird deutlich kleiner und nur noch für spezielle Bild-Aufträge eingesetzt. Aus diesen Gründen müssen wir elf festangestellte Mitarbeiter entlassen, darunter sind neun aus dem Newsroom und zwei aus dem Verlag. Diese Gespräche haben heute Mittwoch stattgefunden.
«Das Publikum, das sehr auf Unterhaltung anspricht, wollen wir nicht verlieren»
Was geschieht mit den Kolumnisten und Freien?
Dorer: Gewisse Kolumnen werden eingestellt. Andere werden online weitergeführt oder allenfalls im «Blick» integriert.
Die Online-Redaktion bleibt bestehen. Wie ist die Abgrenzung zu «Izzy Magazine»?
Theobald: «Izzy» bedient nochmals eine ganz andere Zielgruppe und ist stark auf Video fokussiert. Blickamabend.ch spricht eine sehr junge Nutzergruppe an, die sehr digital- und Social-Media-affin ist. Diese Community ist sehr gross, grösser noch als diejenige von «Blick». Dieses Publikum, das sehr auf Unterhaltung anspricht, wollen wir nicht verlieren.
Platzieren Sie auf blickamabend.ch eher PR-getriebene Inhalte als beim «Blick» oder auf blick.ch?
Dorer: Nein, das ist nicht so. Die Redaktion, ein sehr junges Team mit Mitarbeitern um 20 Jahre, lässt sich von den Trends auf Social Media leiten und von dem, was die Leute dort sharen und diskutieren.
Die Einstellung einer Zeitung war wahrscheinlich lange ein Thema, bevor ein definitiver Entscheid gefällt wurde. Inwiefern ist Ringier jetzt bereits daran, darüber nachzudenken, die «Blick»-Printausgabe einzustellen?
Theobald: Das ist kein Thema für uns. Und ja, es ist richtig, die Entscheidung, den «Blick am Abend» einzustellen, hat Zeit gebraucht. Das entscheidet man nicht von heute auf morgen, sondern beschäftigt uns seit Monaten.