22.11.2018

Journalismustag 18

Doris Leuthard will Journalisten Mut machen

An einem ihrer letzten Aufritte als Bundesrätin hat Doris Leuthard einen kritischen Blick auf die Branche geworfen. «Ich würde Gratiszeitungen sofort abschaffen», sagte sie. Daneben betonte die 55-Jährige, wie wichtig Journalisten mit Dossierkompetenz seien.
Journalismustag 18: Doris Leuthard will Journalisten Mut machen
Gut gelaunt: Bundesrätin Doris Leuthard am Donnerstag in Winterthur. (Bilder: persoenlich.com)

In ihren acht Jahren als Medienministerin hat Doris Leuthard eine wichtige Phase in der Medienbranche begleitet: Digitalisierung, Verlegerstreit, in jüngster Zeit auch Konzentrationen und Stellenabbau. Kurz vor ihrem Rücktritt hat die CVP-Bundesrätin am Donnerstag am Journalismustag des Vereins Qualität im Journalismus in Winterthur deutliche Worte gefunden.

«Gratiszeitungen würde ich sofort abschaffen», antwortete sie auf die Frage, was sie als Verlegerin tun würde, «ich habe nie verstanden, wie man publizistische Leistung gratis anbieten kann». Eine Gratiszeitung einzustampfen, damit dürfte sie auch «20 Minuten» gemeint haben, sei wahrscheinlich schwierig. «Aber ein Verleger könnte das ja», so Leuthard.

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Die Medienministerin zeigte sich erstaunt darüber, dass die Verleger nun plötzlich direkter Medienförderung nicht mehr so kritisch gegenüberstehen: «Mit den Problemen in diesem Jahr, durch die Konzentration und die Entlassungen, scheinen sie ihre die Meinung geändert zu haben».

Sie deutete an, dass die im Entwurf zum Mediengesetz vorgesehene Kommission (Komem) mit grosser Wahrscheinlichkeit durchgefallen ist. Die Vergabe der Konzessionen und somit der Fördergelder werde beim Bundesrat respektive beim Bakom belassen. «Das habe ich so entschieden», sagte Leuthard.

Fachjournalisten seien wichtig

Für das Tempo in der Branche hat Leuthard wenig Verständnis. Sie hätte, wäre sie Verlegerin, nicht so lange gewartet mit der Digitalisierung, sagte sie. Wenn man die Entwicklung verschlafen habe, sei man auch durch Millionen vom Staat nicht zu retten, so die Medienministerin – an die Adresse der Verleger. AZ-Verleger Peter Wanner hatte unlängt gefordert, der Bund solle die Subventionen für die Postzustellung von heute 30 Millionen auf 100 Millionen Franken erhöhen (persoenlich.com berichtete). Zuvor, am Swiss Media Forum im September, hatte sich der Verband bereits für eine Erhöhung auf 90 Millionen ausgesprochen.

Leuthard glaubt, dass Verlage mit Investitionen in die Publizistik erfolgreich sein können. Sie betonte, wie wichtig Journalisten mit Spezialisierung und Dossierkompetenz sind. «Früher gab es mehr Fachjournalisten. Diese sind sehr wertvoll, denn sie haben eine reiche Erfahrung und ein historisches Gedächtnis. Das ist für uns in der Politik sehr wichtig», so Leuthard. An die rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer gerichtet, sagte sie: «Ich wünsche Ihnen, dass sie die nötige Zeit bekommen für Ihre Recherche».

«Eine respektvolle Debatte ermöglichen»

Auch auf ihre persönlichen Erfahrungen mit Journalistinnen und Journalisten ging Leuthard ein. Wenn man Medienleute kritisiere und Fehler nachweise, dann reagierten sie mitunter «absolut mimosenhaft». Natürlich sei es die Rolle der Medien, Akteure kritisch zu begleiten. Aber dann müssten sie recherchieren und nicht einfach abschreiben.

Als Frau in der Politik habe sie Ungleichbehandlung erlebt, auch durch die Medien. Über Bundesrätinnen werde anders berichtet als über Bundesräte, das werde aktuell wieder deutlich: in der Berichterstattung zur Bundesratswahl. Genaue Beispiele nannte sie auf Nachhaken von Moderator Franz Fischlin jedoch nicht. Sie könne es nicht verstehen, dass heute dasselbe passiere wie vor 20 Jahren. Sie appellierte an die Journalistinnen und Journalisten professionell zu arbeiten. «Die Leute im Land denken, dass das stimmt was Sie schreiben, daher haben Sie eine grosse Verantwortung», so die Medienministerin. Journalisten sollten sich der Qualität und der Sachlichkeit verpflichten, mit dem Ziel eine respektvolle Debatte zu ermöglichen.




Auch wenn sie oft Kritik einstecken musste, oder sich falsch wiedergegeben fühlte, wird Leuthard die Medien vermissen. «Jeder Bundesrat ist eitel», sagte sie. Jeder sei auf die Medien angewiesen, und jeder fühle sich geschmeichelt, wenn er positiv in einem Kommentar vorkomme. (eh)

Der Artikel basiert auf Material der Agentur Keystone-SDA.



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Kommentare

  • Ravena Frommelt, 23.11.2018 09:47 Uhr
    Ich bewundere Frau Leuthard, wie sie sich höheren Dingen als der eigenen Person widmet und doch so nahbar bleibt. Das Erzählte am Journalismustag war interessant, ehrlich und fair. Frau Leuthard lässt sich so leicht nicht manipulieren. Dass sie bald nicht mehr Bundesrätin ist, finde ich persönlich sehr schade und denke nicht, dass eine andere Frau die von ihr gesetzte Messlatte als Bundesrätin erreicht. Was den Journalismus angeht, hoffe ich für meine Zukunft, dass wir die Digitalisierung und genug Zeit für Recherchen erfolgreich verknüpfen können.

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