09.04.2019

Berner Zeitung

«Wir müssen präzise und unmissverständlich schreiben»

Am Mittwoch ist Simon Bärtschi genau 100 Tage als Chefredaktor der «Berner Zeitung» im Amt. Der langjährige Tamedia-Mann spricht über den Umzug der Redaktion, seine Arbeit sozusagen als Frischluft-Pumpe und die künftig fehlende Konkurrenz auf dem Medienplatz Bern.
Berner Zeitung: «Wir müssen präzise und unmissverständlich schreiben»
Simon Bärtschi war vor seinem Start bei der BZ im Januar 2019 Leiter Editorial Services bei Tamedia in Zürich. Zuvor war er Mitglied der Chefredaktion von «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung» und Stv. Chefredaktor und Blattmacher der «SonntagsZeitung». (Bilder: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Bärtschi, was gefällt Ihnen im neuen Job besser als im «alten» als Leiter Editorial Services von Tamedia?
Eine gute Frage. In Zürich war ich Chef im Maschinenraum eines Riesendampfers, hier in Bern stehe ich auf der Kapitänsbrücke eines agileren, mittelgrossen Schiffs. Mir gefällt der direkte und unmittelbare Zugang bei der «Berner Zeitung». Hier bin ich näher am Kerngeschäft des Journalismus, wie ich es lange in Zürich gemacht habe. Das macht mir mehr Spass. 

Wie intensiv können Sie sich überhaupt um Inhaltliches kümmern? Als Chefredaktor haben Sie auch viele repräsentative oder organisatorische Aufgaben.
Präsenz auf der Redaktion ist mir sehr wichtig. Die Redaktion soll spüren, was mir wichtig ist. Eine Redaktion braucht – ähnlich wie ein Biotop – Frischluft. Diese zuzuführen ist meine Aufgabe. Wir brauchen eine Diskussionskultur, in der Geschichten, Online-Ideen, Kommentare besprochen werden. Neben dieser «Innenminister-Rolle» ist es natürlich auch meine Aufgabe, nach aussen zu wirken. Ich will als Chefredaktor der «Berner Zeitung» sowohl in der Stadt Bern sichtbar sein, als auch im Kanton.

Als einer Ihrer ersten Entscheide haben Sie einen Umzug veranlasst. Warum?
Im Zusammenhang mit dem im letzten Jahr neu eingeführten Tamedia-Mantelkonzept wurde die BZ-Redaktion umgebaut. Sie wurde von der Mantellieferantin zur Empfängerin. Neu gibts neben der BZ-Redaktion eine Tamedia-Produktionsredaktion in Bern. Das haben wir nun räumlich getrennt, deshalb der Umzug. Alle, die bei der BZ redaktionell arbeiten, sind neu im 1. Stock am Dammweg angesiedelt. Das neue Setting gibt uns kürzere Wege, fördert die interne Diskussion, das Tempo.

«Wir arbeiten eigenständig und unabhängig vom Bund»

In Bern gibt es immer noch zwei Zeitungen – beide gehören Tamedia und beziehen Inhalte aus der Mantel-Redaktion. Was für ein Verhältnis haben Sie zu Patrick Feuz, dem «Bund»-Chefredaktor? Wie eng arbeiten Sie zusammen?
Die BZ ist die BZ, der «Bund» ist der «Bund». Wir bei der BZ fokussieren auf Regionales – alles Naheliegende kommt zuerst – und berichten immer aus der Perspektive der Leser, so wie ich es Anfang Jahr in einem Editorial formuliert habe. Kurt W. Zimmermann hat kürzlich von «erbarmungsloser Nähe zum Revier» geschrieben. Ich spreche vom Rauchmelder für unsere Leserschaft. Im Übrigen ist das nicht neu, das Konzept stammt von meinem Vorvorgänger Michael Hug.

Die BZ ist also das Berner Boulevard-Blatt.
So würde ich das jetzt nicht sagen. Wir sind manchmal laut, immer farbiger und berichten stets aus Leser- und nicht aus Beamten-Perspektive. Zudem ist mir die Sprache ein wichtiges Anliegen. Wir müssen präzise und unmissverständlich schreiben, ich will kein Geschwurbel.



Pietro Supino hatte Anfang Jahr gesagt, dass BZ und «Bund» nur dann eigenständig weitergeführt werden, wenn die gemeinsame Auflage nicht unter 100'000 fällt. Womit rechnen Sie diesbezüglich?
Unser Verleger hat das an einem öffentlichen Anlass gesagt. Dazu kann ich keine Stellung nehmen. Die Strategie legt der Verleger fest. Meine Aufgabe ist es, eine gute Zeitung zu machen.

Spüren Sie Bestrebungen, wonach bald schon die Marken oder die Redaktionen zusammengelegt werden könnten?
Nein. Wir arbeiten weiter eigenständig und unabhängig voneinander.

«Bern ist entspannter, aber nicht langsamer»

Sparen ist ja Dauerthema in der Branche. Daher die leider fast schon obligate Frage: Werden Sie Stellen abbauen müssen?
Nein, ein Stellenabbau ist nicht vorgesehen. Wir konnten kürzlich erstmals seit längerem eine frei werdende Stellen wieder von aussen besetzen. Lea Stuber vom «Bieler Tagblatt» kommt bald zu uns. Im Ressort Kanton übernimmt auch eine Frau: Chantal Desbiolles wechselt aus Langenthal in die Zentrale. Zudem starten demnächst neue Praktikanten. Daraus entsteht ein neuer Pool an jungen Mitarbeitenden mit digitalem Know-how.

Werden diese nach dem Praktikum fest angestellt?
Es handelt sich um mehrmonatige Praktika. Die jungen Berufsleute erhalten so einen Einblick und wir können sie später vielleicht fix integrieren.

Für diesen Job sind Sie Mitte 2018 mit Ihrer fünfköpfigen Familie von Zürich nach Bern zurückgekehrt. Was für andere Gewohnheiten oder Probleme haben die Berner im Vergleich zu den Zürchern? Oder anders gefragt: Was haben Sie von den Bernern wieder neu lernen können?
Ich bin sehr gerne zurückgekommen, nach fast 20 Jahren in Zürich. Die Redaktion hier hat mich offen empfangen, übrigens ein sehr gutes und ambitioniertes Team. Bern ist eine wunderbare Stadt, die selbstverständlich etwas anders tickt als Zürich. Alles in der Stadt ist etwas Kleinräumiger und saugut erreichbar. Aber aufgepasst: Der Kanton ist riesig, mehr als dreimal so gross wie Zürich. Und mir scheint er viel heterogener zusammengesetzt. Das machts publizistisch auch interessant.

Es gibt also Nichts, das Sie neu entdeckt haben bei Ihrer Rückkehr?
Doch. Dodo besingts ja auch im «Zürimaa in Bärn». Hier sind alle mit viel Charme unterwegs. Entspannter, aber nicht langsamer.

«Ich hoffe, das Parlament wird den SRF-Umzug abwenden können»

Sie haben es am Anfang Ihrer Amtszeit zum Anliegen erklärt, dass die BZ politische und gesellschaftliche Vorgänge in der Region hinterfragen will. In welchen Bereichen haben Sie und Ihr Team Widersprüche aufdecken können?
Wir sind beispielsweise nah dran bei der Führungskrise um die Berner Fachhochschule, von der Tausende Studierende aus dem Kanton betroffen sind. Wir haben stets ein Auge auf die vielen Kundgebungen in Bern, wo SRF etwa die eigenen Kamerateams mit Bodyguards schützen muss. Wir suchten die Widersprüche beim Gezänk um den Berner Tourismus-Direktor. Immer wieder gute Recherchen gibts dank der für uns sehr wichtigen Präsenz in den Gemeinden ausserhalb der Agglomeration Bern.

Nun wird ja Radio SRF vermutlich per 2022 die Informationsabteilung nach Zürich verlegen. Was bedeutet das aus Ihrer Perspektive für den Medienplatz Bern?
Das ist eine schlechte Idee. Weil die SRG eben kein normaler bundesnaher Betrieb ist wie Ruag oder Skyguide. Bei der SRG ist die Vielfalt durch Gesetz und Konzession vorgegeben. Wenn die SRG präsent sein will im ganzen Land und sich dann nur auf Zürich konzentriert, ist das falsch. Ich hoffe, das Parlament wird diesen Umzug abwenden können.

Warum sind Sie nicht froh darüber? Sie hätten ja dann noch mehr Storys, mehr Journalisten auf dem Markt.
Das sehe ich anders: Konkurrenz belebt das Geschäft. Je mehr Augen und Ohren hier in Bern das Geschehen verfolgen, desto bereichernder ist es.

 

 



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