17.03.2021

Nebelspalter

«Wir sind zum Erfolg verdammt»

Am Donnerstag startet Markus Somm mit seinem eigenen Internetprojekt nebelspalter.ch. Ein Gespräch über «denkfaule Journalisten» und den Platz neben NZZ und Weltwoche.
Nebelspalter: «Wir sind zum Erfolg verdammt»
Im vergangenen Jahr kaufte Markus Somm das Satiremagazin Nebelspalter. Am Donnerstag, 18. März, startet er mit seinem Onlineportal nebelspalter.ch. (Bild: Carlo Schneider)
von Matthias Ackeret

Herr Somm, was erwartet die Userinnen und User am Donnerstagmorgen um 7 Uhr?
Das möchte ich nicht verraten, sondern vorerst im Nebel lassen. Es gibt eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen, um ein Bibelzitat, das ein uns beiden sehr vertrauter Politiker gerne gebraucht, frei zu zitieren.

Steht Ihr Team bereits?
Ja, und was ich sehe, macht mich stolz und glücklich. Ich finde, es ist uns eine gute Mischung von erfahrenen, prominenten Kräften und jungen Wilden gelungen. Die einen kennt man schon, die anderen wird man – so hoffe ich – bald kennenlernen.

War es einfach, Journalistinnen und Journalisten von Ihrem Projekt zu begeistern?
Ja und nein. Viele fühlten sich auf Anhieb angezogen, als ich sie anfragte, wobei ich sehr selektiv vorging. Dann aber kamen beim einen oder anderen Zweifel auf. Für einen Journalisten, der in einem der grossen Verlage eine gute Anstellung geniesst, ist es nicht ganz trivial, sich auf ein solches Himmelfahrtskommando zu begeben. Dafür habe ich jedes Verständnis. Gleichzeitig, das muss man sehen, ergab sich so auch eine Art natürliche Auswahl: Nur Leute mit starken Nerven kommen zum Nebelspalter. Und nur solche können wir brauchen.

Himmelfahrtskommando? Das klingt nicht sehr optimistisch.
Vor allem realistisch. Wir sind ein Start-up, und das birgt natürlich auch Risiken. Vielleicht gibt es uns in fünf Jahren schon nicht mehr. Das hoffe ich nicht, aber man muss damit rechnen. So gesehen war das auch ein Grund dafür, dass ich unbedingt den Nebelspalter erwerben wollte. Das zwingt uns zum Optimismus, das zwingt uns zu Spitzenleistungen: Denn wäre es nicht eine Schande, wenn ausgerechnet Markus Somm den Nebelspalter beerdigen würde? Last man standing? Wir sind zum Erfolg verdammt. Alle unsere grandiosen Vorgänger bei diesem grandiosen Blatt würden uns auslachen. Der Nebelspalter ist 1875 gegründet worden. Er ist die älteste noch bestehende Satire-Zeitschrift der Welt. So ein Erbe darf man nicht verspielen. Wir möchten den Nebelspalter für die nächsten hundert Jahre vorbereiten. Und wir setzen alles daran, dass man sich noch im Jahr 2175 über den Nebelspalter freut und ärgert.

«Zu Anfang konzentrieren wir uns schwergewichtig auf die Onlineausgabe, während die Printausgabe mehr oder weniger unverändert fortgesetzt wird»

Wie sieht die redaktionelle Zusammenarbeit zwischen dem traditionellen Nebelspalter und der Onlineredaktion aus?
Zu Anfang konzentrieren wir uns schwergewichtig auf die Onlineausgabe, während die Printausgabe mehr oder weniger unverändert fortgesetzt wird. Allerdings möchten wir die beiden Redaktionen sehr viel rascher verschmelzen, als wir das zuvor beabsichtigt haben. Nachdem ich Marco Ratschiller und Ralph Weibel, die Herren des Prints, besser kennengelernt habe, bin ich zuversichtlich, dass das viel reibungsloser und erfolgreicher zu schaffen ist als angenommen. Ralph Weibel hat vor Kurzem den Nebelspalter als Redaktionsleiter übernommen. Das freut mich ausserordentlich, Ralph ist ein hervorragender Mann, der vor Motivation und Witz nur so sprüht. Er wird nun auch viel häufiger in Zürich anzutreffen sein – wobei die Produktion der Printausgabe weiterhin in Horn in der Ostschweiz vorgenommen wird. Marco Ratschiller, ebenso talentiert und erfahren, weiss, wie man Satire auch online perfekt platziert. Am Ende wird es nur noch einen Nebelspalter geben, der einfach auf verschiedenen Kanälen ausgespielt wird.

Silvan Wegmann

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Was erhoffen Sie sich von zwei verschiedenen Redaktionsstandorten – oder anders gefragt: Besteht langfristig die Absicht, diese zusammenzulegen?
Langfristig wird es nur noch einen Standort geben, und das wird Zürich sein, das drängt sich auf. Doch was das dann langfristig in der Realität heisst, ist offen.

Wen betrachten Sie publizistisch als Ihre Hauptkonkurrenz?
Den langweiligen, konformistischen, einseitigen, linksliberalen und linken Mainstream, der auf fast allen Redaktionen der Schweiz vorherrscht. Es ist eine Art Seuche der Denkfaulheit, die zu viele Journalisten angesteckt hat. Zwar gibt es überall begabte, kluge Journalisten, die sehr viel mehr könnten, wenn sie nur wollten, aber zurzeit nehme ich zu viele Leute in unserer Branche als Angsthasen und Strukturkonservative wahr. Konservativ links, weil einem nichts Besseres einfällt.

Die NZZ?
Nein, die NZZ bleibt die wichtigste Zeitung der Schweiz, die ihre Sache häufig gut macht, selten enttäuscht und immer relevant ist. Ginge die NZZ unter, würde vorher die Schweiz untergehen. Es wäre vermessen, sich mit einem Blatt zu vergleichen, das bloss 95 Jahre älter ist als wir.

«Es wäre doch kurios, wenn wir hier keinen Platz für ein drittes bürgerliches Medium fänden»

Die Weltwoche?
Ebenfalls nicht: Die Weltwoche ist derzeit die einzige Zeitung, die es immer wieder schafft, Dinge auszusprechen, die alle anderen nicht auch nur anzudenken wagen. Ausserdem kenne ich kein Blatt im deutschsprachigen Raum, wo so viele Leute arbeiten, die so glänzend schreiben. Grundsätzlich gilt: Rechts der Mitte gibt es in der Schweiz zwei Medien, die NZZ und die Weltwoche. Gleichzeitig wählen nach wie vor gut 70 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer bürgerlich. Es wäre doch kurios, wenn wir hier keinen Platz für ein drittes bürgerliches Medium fänden. Es hat viel Platz. Die Linke kommt auf 30 Prozent Wähleranteil, und um diese 30 Prozentlein balgen sich alle übrigen grossen Medienhäuser – und leben nach wie vor gut davon. Unser Markt, der Markt für bürgerliche Gedankenfreiheit, ist sehr viel grösser – und müsste uns offenstehen, wenn wir nicht alles falsch machen, was immer denkbar bleibt.

Wodurch unterscheiden Sie sich von diesen beiden Titeln?
Wir müssen uns nicht in erster Linie von diesen beiden Titeln unterscheiden, sondern vom Mainstream. Und das dürfte nicht allzu schwerfallen. Unser USP ist eine klare, bürgerliche Haltung – bei einer grenzenlosen intellektuellen Grosszügigkeit gegenüber dem Andersdenkenden, die uns manchmal selber wehtut. Bei der «BaZ» habe ich immer gesagt: Wir müssen unsere Kritiker mit Grosszügigkeit beschämen. Das werden wir auch beim «Nebelspalter» so handhaben. Wenn man uns liest, soll man spüren: Da ist Leidenschaft, da steckt Geistesarbeit dahinter, da sind aber auch Sorgfalt und intellektuelle Redlichkeit als selbstverständlich vorauszusetzen. Wir sind progressiv und liberal im ursprünglichen Sinne der Worte. Es ist Zeit, diese Begriffe wieder mit Ernsthaftigkeit zu füllen.

Besteht auch die Möglichkeit, dass Sie zusätzlich noch eine eigene Partei gründen?
Nein, nie und nimmer. Ich bin und bleibe Publizist.  
 

 



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Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Printausgabe des «persönlich»-Magazins.

 



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Kommentare

  • Klaus B. Eichenberger, 18.03.2021 14:10 Uhr
    Wir wünschen Herrn Somm und seiner Manschaft bei der Realisierung seiner Vorstellungen im und durch den Nebelspalter nur das Beste und viel Erfolg !
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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