07.04.2021

Opernhaus-Recherche

«Zuerst war eine Mauer des Schweigens»

Die freie TV-Journalistin Ivana Imoli hat für den «Kulturplatz» von SRF einen spektakulären Beitrag über Machtmissbrauch des abgetretenen Operndirektors gestaltet. Es geht um Vorwürfe der sexuellen Belästigung.
Opernhaus-Recherche: «Zuerst war eine Mauer des Schweigens»
Ivana Imoli ist TV-Journalistin, Filmproduzentin und Moderatorin. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Frau Imoli, Sie haben mit Ihrer Reportage über den überraschend zurückgetretenen Operndirektor Michael Fichtenholz viel Aufmerksamkeit generiert. Wie wurden Sie auf dieses Thema aufmerksam?
Als freie TV-Journalistin arbeite ich regelmässig für die SRF-Kulturredaktion. Ich erhielt den Auftrag, nach dem überraschenden Abgang des Operndirektors in Zürich für die Sendung «Kulturplatz» eine Recherche zu starten. Dabei formierte sich ein Bild, das auf Machtmissbrauch hindeutete und dass dabei junge Sänger des Opernhaus-Ensembles betroffen sein sollen. Es soll dabei etwa zu unsittlichen Berührungen gekommen sein.

Wie gestalteten sich die Recherchen? Wurden Ihnen Steine in den Weg gelegt?
Die Recherchen gestalteten sich harzig, und es brauchte schon Hartnäckigkeit, um sich Schritt für Schritt vorwärts zu bewegen. Bei der Opernhaus-Leitung stiess ich zuerst auf eine Mauer des Schweigens. Fündig wurde ich in einem Online-Branchen-Blog – dort fanden sich nach der Meldung der Kündigung von Fichtenholz zahlreiche anonyme Kommentare mit teilweise harschen Anschuldigungen gegen ihn. In diesem Umfeld recherchierte ich weiter, bis ich dann auf meine «Quelle» aus dem Opernhaus-Ensemble stiess. Die Aussagen dieser Quelle wurden dann von einer weiteren opernhaus-internen Quelle bestätigt.


Wie reagierte Herr Fichtenholz auf die Anschuldigungen?
Gar nicht. Ich habe zweimal zum Thema publiziert. Mitte Februar und jetzt wieder. Auf mehrmalige Anfragen zur Stellungnahme reagierten weder er noch seine Anwältin. Unter anderem mit der Begründung, sie würden sich nicht zu anonymen Vorwürfen äussern.

Und wie reagierte die Leitung des Opernhauses?
Nachdem das Opernhaus erfahren hatte, dass wir über Aussagen einer opernhaus-internen Quelle verfügen, hat der kaufmännische Direktor Christian Berner umgehend für ein Interview zugesagt. Das Opernhaus hatte eigentlich vieles richtig gemacht: Die Vorwürfe gegen Fichtenholz hatte es durch eine externe Fachstelle abklären lassen. Daraufhin erfolgte die Trennung vom Operndirektor. Eine Begründung habe man unterlassen, erklärte Berner, weil mit allen Beteiligten Stillschweigen vereinbart worden sei. Die mangelnde Transparenz in solchen Fällen ist leider Teil des Problems und macht allfälligen (oder potenziellen) Machtmissbrauch erst möglich.

«Da gibt es Stars mit Allmachtsgefühlen»

Nun gab Ihnen eine interne Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterbefragung am Opernhaus Recht, wonach von 650 Mitarbeitenden 12 Prozent angaben, während der letzten drei Jahre Belästigungen erlebt zu haben. Fühlen Sie sich dadurch bestätigt?
Die Umfragewerte überraschen mich überhaupt nicht. Ich habe viele Gespräche geführt mit Branchen-Expertinnen. Die Meinung ist einhellig: Gerade die Hochkultur steckt in verkrusteten hierarchischen Strukturen fest. Da gibt es Stars mit Allmachtsgefühlen unter den Dirigenten, Intendanten oder Direktoren. Die Künstlerinnen und Künstler – gerade die jungen – sind oft schlecht bezahlt und der Markt ist hart umkämpft. Der ideale Nährboden für Machtmissbrauch.

Glauben Sie, dass es in Kulturbetrieben öfter zu sexuellen Belästigungen oder Übergriffen kommt als in anderen Unternehmen?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber um es mit den Worten der Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr zu sagen, die ich zum Fall Fichtenholz ebenfalls interviewt habe (Fehr sitzt im Verwaltungsrat des Zürcher Opernhauses): Die Film- und Bühnenwelt ist eine Hochrisiko-Zone für Machtmissbrauch.

Wurden Sie durch diese Recherche auch auf Missstände in anderen Institutionen aufmerksam?
Schaut man die letzten Jahre an, sind diverse ähnlich gelagerte Fälle an grossen Theatern bekannt geworden. In Karlsruhe zum Beispiel sorgten wochenlange Mitarbeiterproteste dafür, dass der Generalintendant des Staatstheaters wegen grober Führungsmängel gehen musste. In Karlsruhe ist Fichtenholz als Leiter der Händel-Festspiele nach wie vor engagiert. Anzeige gegen ihn wurde meines Wissens nicht erstattet.



Ivana Imoli ist TV-Journalistin, Filmproduzentin und Moderatorin. Nach Stationen bei TeleZüri und SRF («10vor10», «DOK», «Rundschau») ist sie nun freischaffend tätig.



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