«In den letzten 20 Jahren sind gegen 100 regionale und lokale Titel eingestellt worden», erklärte Moderator Urs Bühler eingangs. Zwar seien inzwischen Dutzende neue, vor allem Onlinetitel hinzugekommen, aber «das kompensiert das Ganze nicht».
Unter der Leitung von Bühler (Vorstandsmitglied des Vereins Qualität im Journalismus) und Alexandra Pavlović (neue Co-Präsidentin) setzten sich am Dienstagabend vier Köpfe der Schweizer Medienlandschaft mit der Zukunft des Lokaljournalismus auseinander. Die Veranstaltung im Rahmen der Diskussionsreihe «Q-Club» des Vereins Qualität im Journalismus (QuaJou) fand im Anschluss an die Generalversammlung bei der NZZ in Zürich statt.
Der Spagat zwischen Spardruck und Qualität
Die Teilnehmenden bestätigten einhellig den wirtschaftlichen Druck in ihren Redaktionen. Fabienne Sennhauser, Redaktorin im Ressort Zürich beim Tages-Anzeiger, brachte es auf den Punkt: «Der Druck ist spürbar. Immer weniger Mitarbeitende müssen immer mehr leisten. In den letzten Jahren wurde die Arbeit immer öfter durch Nebengeräusche gestört.»
Für Noemi Heule, Mitglied der Chefredaktion des St. Galler Tagblatts, zeigt sich der Spardruck konkret in der Flächendeckung: «Die einzelnen Teams sind für ein grösseres Gebiet zuständig.» Aussenstellen wie jene in Rorschach wurden abgebaut. «Es macht einen Unterschied, ob man sich täglich durch das Städtchen bewegt, über das man schreibt», erklärte sie.
Qualität durch Nähe und Vielfalt
Was macht guten Lokaljournalismus aus? Für Heule ist die Antwort klar: «Guter Journalismus schaut den Mächtigen auf die Finger – auch im Lokalen. Gerade hier ist es wichtig, dass man schaut, wo der Mensch ist und was die Lebenswelten der Leute sind.»
Daniel Fritzsche, Ressortleiter Zürich bei der NZZ, beschrieb sein Qualitätsverständnis als «Balance zwischen Pflicht und Kür» – zwischen politischer Berichterstattung und gut erzählten Hintergrundgeschichten. Die Arbeit der Lokaljournalisten sei in den letzten 20 Jahren sogar spannender geworden, «weil man nicht mehr jede Gemeindeversammlung abdecken muss, sondern gezielt Akzente setzen kann».
Für Elio Donauer, Co-Geschäftsleiter von Tsüri, steht der gesellschaftliche Aspekt im Vordergrund: «Themen in die Öffentlichkeit tragen und dort Debatten anstossen», sei zentral.
Erfolgreiche Finanzierungsmodelle gesucht
Eine zentrale Herausforderung bleibt die Finanzierung. Donauer stellte das Modell von Tsüri.ch vor: Das Stadtmagazin finanziert sich zu gleichen Teilen über Mitgliedschaften, Werbung und Sponsoring – ohne Paywall. «Wir haben 2500 Members, die zwischen 100 und 500 Franken pro Jahr zahlen.»
«Es geht vieles über Identifikation», erklärte Donauer. «Man findet ein Medium toll und relevant.» Die Bereitschaft sei durchaus vorhanden, in den Lokaljournalismus genauso zu investieren wie in ein Netflix-Abo.
Fritzsche widersprach der These einer generell sinkenden Zahlungsbereitschaft: «Wir hatten noch nie so viele Abonnenten wie jetzt bei der NZZ.» Mittlerweile mache das Unternehmen 60 Prozent seines Umsatzes mit digitalen Abos.
Zwischen Klicks und Relevanz
Die Moderatoren Bühler und Pavlović fragten nach den Kriterien für Relevanz im digitalen Zeitalter. Sennhauser verteidigte den Lokaljournalismus gegen den Vorwurf, zu sehr auf Klicks zu schielen: «Wenn es einen Journalismus gibt, der sich noch am ehesten davon lösen kann, dann ist es der Lokaljournalismus.»
Fritzsche betonte die Bedeutung bestimmter Themen unabhängig von der Reichweite: «Wir gehen jeden Montag in den Kantonsrat, jeden Mittwoch in den Gemeinderat – auch wenn das schlecht geklickt wird.»
Stadt-Land-Gefälle als wachsende Herausforderung
Eine weitere Problematik stellt das Stadt-Land-Gefälle dar. Fritzsche beobachtet, dass neue Mitarbeitende in lokalen Redaktionen «selber weniger verankert sind in den Regionen, über die sie berichten». Die Podiumsteilnehmenden bestätigten die Erkenntnisse einer Mercator-Studie von 2022, die feststellte, dass es in ländlichen Gebieten deutlich mehr Probleme für den Regionaljournalismus gibt als in städtischen Gebieten.
Trotz aller Herausforderungen zeigten sich die Diskutierenden zuversichtlich. «Ich habe keine Zukunftsangst», betonte Sennhauser. «Den Journalismus wird es immer geben und es wird ihn immer brauchen.» Auch Donauer blickte positiv nach vorn: «Ich schaue auf eine sehr positive Zukunft für uns, aber auch für den Journalismus insgesamt.»
Die Podiumsdiskussion machte deutlich: Trotz aller Herausforderungen ist der Lokaljournalismus lebendig. Und entgegen mancher Untergangsszenarien ist Sennhauser überzeugt: «Qualitativ war der Lokaljournalismus wahrscheinlich noch nie so gut wie heute.»