07.01.2013

Erfolgreiche Frauen

Claudine Esseiva

Claudine Esseiva ist Generalsekretärin der FDP Frauen und Consultant bei der PR-Agentur Furrer.Hugi&Partner. Ihre Fast-Oben-Ohne-Wahlkampagne sorgte in der zwinglianischen Medienwelt für Furore. Ihr öffentliches Outing, abgetrieben zu haben, war nicht weniger mutig. "Eine Feministin ist nicht eine männerhassende Fanatikerin", sagt die "Gleichstellungsfachfrau" - und tritt im Interview den Beweis an.
Erfolgreiche Frauen: Claudine Esseiva

Frau Esseiva, als ich Kollegen erzählte, ich würde Sie interviewen, hatte keiner eine Ahnung, wer Sie sind. Als ich erwähnte, Sie hätten diese Oben-Ohne-Wahlkampagne gemacht, waren dann alle im Bilde. Stört es Sie, dass Sie so stark über dieses mediale Ereignis identifiziert werden?

(lacht) That’s part of the game. Die Leute kennen so die FDP Frauen, das ist schon mal gut.

Sie erinnern sich aber nur an das Oben-Ohne-Bild, nicht an Ihren Namen.

Die Kampagne war durchaus mit Humor angedacht. Die Idee kam von unserer Präsidentin Carmen Walker Späh, Kantonsrätin in Zürich. Über die Skandalisierung, vor allem durch die Deutschschweizer Medien, waren wir alle sehr überrascht. Wichtig ist, dass auf eine solche Aktion dann auch Inhalte folgen. Die Leute sollen bei einem Interview oder Artikel auch merken, dass die FDP Frauen inhaltlich etwas zur Debatte beizutragen haben. In diesem Sinne war die Kampagne für uns ein grosser Erfolg: Sie kam mit geringem Budget zustande, wurde schweizweit thematisiert und der Slogan 'Nicht mehr oben ohne' wird auch heute in den Medien immer mal wieder genannt – mittlerweile mit dem Augenzwinkern, das wir uns von Anfang an erhofft haben. Welche andere politische Frauenorganisation von den politischen Parteien kennen Sie in der Schweiz abgesehen von den FDP Frauen? Wir können gelassen auf diese Kampagne zurückblicken und auch mit Selbstironie, ich sage immer, 'ich habe den Balken dabei'.

In dieser Kampagne haben Sie (physisch) Ihre Weiblichkeit für eine politische Kampagne eingesetzt. Ist es legitim, das Geschlecht für politische Anliegen in die Waagschale zu werfen?

Ich finde das eine spannende Diskussion. Wenn die NZZ schreibt, die FDP-Frauen hätten sich mit 'sexistischer Werbung' disqualifiziert, so dass sie sich z. B. zur aktuellen Werbung der Flumserberge nicht mehr äussern dürfe, können wir uns nur wundern. Unsere Gesellschaft hat offenbar ein wahnsinniges Problem, zwischen einer sexistischen Kampagne und einem ironischen, spielerischen Umgang mit der weiblichen Sexualität zu unterscheiden. In der Werbung für die Flumserberge herrscht Halli-Galli, es werden Brüste entblöst, wohingegen wir mit einer politischen Forderung mit der weiblichen Sexualität spielen. Über das Frauenbild des Mannes, der den Artikel geschrieben hat, können wir uns nur wundern.

Das Spielerische ist ein schmaler Grat.

Klar, aber die Betrachtungsweise demaskiert das Frauenbild der Leute doch sehr. Zum Feminismus gehört für mich auch, dass ich mit der Sexualität spielen und zu ihr stehen darf. Ich muss sie nicht einfach wegsperren. Wenn ich mich aus freien Stücken entscheide, so hinzustehen und für eine Kampagne fotografieren zu lassen, so sehe ich darin nichts Sexistisches.

Die FDP-Frauen fordern eine Frauenquote für die Verwaltung und börsenkotierte Unternehmen. Wieso ist das notwendig?

Wir fordern eine Quote in der öffentlichen Verwaltung wie z. B. in den Gemeindeverwaltungen. In der Privatwirtschaft wollen wir mit der Forderung nach einer Quote noch zuwarten. Denn in den letzten zwei Jahren ist hier die Zahl von Frauen in den Verwaltungsräten von drei Prozent auf 11 Prozent gestiegen. Wir sind dementsprechend zuversichtlich, dass es in der Privatwirtschaft keine Quote brauchen wird. Denn grundsätzlich sind wir keine Freundinnen dieses Instruments. Sollte sich in den nächsten Jahren aber zeigen, dass nicht signifikant mehr Frauen in Führungspositionen privater Unternehmen kommen, werden wir unsere Haltung überdenken müssen. Quotenregelungen sind für uns nur zeitlich begrenzte Zielvorgaben.

Ist die Durchsetzung von Frauenquoten nicht völlig utopisch? Selbst Ihre Partei, die nationale FDP hat für Frauenquoten kein Gehör.

Das Thema wurde bislang noch gar nicht richtig diskutiert. In verschiedenen Städten haben FDP Exponentinnen und FDP Exponenten diese Vorstösse unterstützt. In Zürich, Bern, Basel, Fribourg und Schaffhausen ist die Quotenregelung in der öffentlichen Verwaltung angenommen worden, mit der Unterstützung von Vertreterinnen und Vertreter der FDP. Primär ist die Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die wir jetzt führen, wichtig. Endlich, und das seit geschlagenen fünf Monaten, reden wir darüber, dass es mehr Frauen in den Chefetagen braucht und die Schweiz Handlungsbedarf in der ausserschulischen und ausserfamiliären Betreuung von Kindern hat. Über die richtigen Instrumente können wir jetzt diskutieren. Dies ist auch hinsichtlich der kommenden Abstimmung vom 3. März 2013 über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von grosser Bedeutung.

Viele Männer, aber auch viele Frauen interessiert dies alles überhaupt nicht, eine Quotenregelung ist Ihnen völlig egal. Für wen kämpfen Sie?

In dieser Frage kämpfen wir FDP-Frauen für Frauen, die Karriere machen wollen. Mit 27 Jahren etwa war ich auch gegen eine Frauenquote. Ich dachte, ich würde so etwas gar nicht brauchen. Aber eines Tages, als ich um die dreissig Jahre alt war, hatte ich ein Jobinterview, in dem ich gefragt wurde, wann ich denn Kinder haben möchte. Natürlich hätte ich die Aussage verweigern können, und natürlich dürfte der Arbeitgeber die Frage nicht stellen. Wenn ich aber den Job möchte, muss ich die Frage beantworten. Nach dieser Episode habe ich gestutzt. Frauen mit diesen und ähnlichen Erfahrungen im Berufsleben müssen wir abholen. Wir müssen nicht mehr dafür kämpfen, das gleiche Wahl- und Stimmrecht wie die Männer zu erhalten, jetzt geht es um einen subtileren Feminismus. Es geht darum, im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltag wirklich gleichberechtigt zu werden.

Was benachteiligt Sie als Frau konkret im Alltag?

In einem Bewerbungsgespräch wurde mir etwa gesagt, meine Anstellung sei ein Risiko. Wenn ich später Mutter werden würde und nur noch vierzig Prozent arbeiten wolle, könne er mich nicht anstellen. Das war die Haltung des Interviewers, da konnte ich ihm tausend Mal versprechen, dass ich weiterhin hundert Prozent arbeiten möchte.

Sie liessen sich also auf das Spiel ein und machten Versprechungen, die Sie gar nicht hätten machen müssen.

Genau, ich habe mich für etwas gerechtfertigt, das keiner Rechtfertigung bedarf. Diese Erfahrung war auch ausschlaggebend, dass ich angefangen habe, mich in der Politik zu engagieren.

Was würden Sie heute in derselben Situation machen?

Ich würde dem Interviewer erklären, dass wir dementsprechend nicht zusammenpassen und ich unter diesen Umständen am Job kein Interesse habe. Das braucht aber ziemlich viel Selbstvertrauen. Dieses hatte ich mit 27 Jahren noch nicht.

Sie bezeichnen sich selbst als 'Hausfeministin der FDP'. In der BaZ wurden Sie als 'Gleichstellungsfachfrau' bezeichnet. Für Männer tönen diese Titel abschreckend. Welche Erfahrungen machen Sie?

Letzthin sagte mir etwa ein junger Herr, ich sei ja gar nicht so schlimm, wie er gedacht hatte. Das Wort Feminismus ist extrem negativ konnotiert. Darum sage ich es auch immer sehr laut und offen, weil ich es als meine Aufgabe sehe, dieses Wort wieder positiv zu besetzen. Es ist lächerlich, wenn sich Frauen speziell für Frauen einsetzen und sich gleichzeitig gegen den Begriff Feminismus wehren. Feminismus heisst nicht mehr oder weniger als das Engagement für die Rechte und Pflichten der Frau. Alles andere wurde von den Medien und der Gesellschaft damit vermischt: Alice Schwarzer wurde verteufelt, das Bild von einer hässlichen Frau mit Haaren unter den Achseln gezeichnet. Eine Feministin ist nicht eine männerhassende Fanatikerin. Und ich trete den lebendigen Beweis an. Das ist angesichts der Vorurteile eine Herkules-Aufgabe.

Tabubruch Nummer zwei: Sie haben sich öffentlich dazu bekannt, dass Sie abgetrieben haben. Wieso haben Sie das gemacht?

Wir wussten, dass eine Initiative (voraussichtlich Herbst 2013) kommt, wonach Frauen eine Abtreibung selber zahlen müssten und sind in einer Arbeitsgruppe zusammengesessen. Damals haben wir alle konstatiert, wie unglaublich es ist, schon wieder über dieses Thema sprechen zu müssen, dass es wieder ein Revival der konservativen Werte auf Kosten der Frau gibt. Und dabei spricht niemand über die Verantwortung des Mannes. Wir haben lange überlegt, wie wir auf die Initiative reagieren sollen und sind dann zur Einsicht gekommen, dass Alice Schwarzers Kampagne von 1971 das Beste ist: Als Frauen rauszugehen und über Abtreibung zu sprechen. Wir haben uns alle dabei ertappt, dass wir öffentlich nie von einer Abtreibung gesprochen haben. Und wir stellten fest, dass es nach wie vor viel Mut braucht, öffentlich darüber zu sprechen. Letzteres ist der lebendige Beweis, dass Abtreibung immer noch ein grosses Tabu ist. Dabei passiert es sehr vielen Frauen. Für mich war es eine Erleichterung festzustellen, dass ich nicht die einzige bin. Ich bin keine Idiotin, weil ich ungewollt schwanger war – so etwas passiert, es kann und darf passieren. Mit unserem Outing wollten wir den Frauen Mut geben, zeigen, dass man sich einer Abtreibung nicht zu schämen braucht.

Was waren die Reaktionen?

Die Feedbacks waren überwältigend. Im katholischen Fribourg etwa kamen zwei alte Damen auf mich zu und erzählten mir, dass sie auch einen solchen Eingriff vornehmen liessen und dass sie zu Tränen gerührt waren, dass ich als junge Freiburgerin den Mut hatte, dies öffentlich zu sagen, währendem so viele Abtreibungen unter dem Deckel gehalten wurden. Die zwei Damen waren für mich schon Bestätigung genug, dass unser Vorgehen richtig war.

Eine Abtreibung ist aber doch Privatsache und nicht von öffentlichem Belang.

Ich habe ganz klar als politische Person Auskunft gegeben. Wenn man politisch tätig ist, muss man sich diesen Fragen stellen. Das Thema brachte nicht ich aufs Tapet, ich reagierte auf eine Initiative.

Bei der Plakatkampagne wurde ihre Privatsphäre dann auch verletzt. 'Blick' demontierte den Balken und Sie waren unfreiwillig tatsächlich oben ohne zu sehen. Sie schrieben selbst, jetzt könnten Sie ja gleich mit dem 'Blickgirl' verwechselt werden. Zeigt das nicht, wie heikel solche Aktionen sind, und wie sie letztlich nicht mehr steuerbar, in den Medien eine Eigendynamik annehmen?

Ja, diese Eigendynamik zeigte es und dies hat mich persönlich auch verletzt. Die erste Woche war nicht einfach: Ich musste meine Eltern wegen dieser peinlichen Geschichte anrufen. Da war mein Umfeld sehr wichtig, das mir zu verstehen gab, dass alles halb so schlimm ist. Medien und Politik sind Haifischbecken. Man lehnt sich einmal aus dem Fenster und schon ist es passiert. Für mich persönlich war es ein Learning. Mittlerweile kann ich es einigermassen locker nehmen. Der Domvikar von Fribourg meinte zu meiner Mutter lediglich: 'Gebt dem Mädchen etwas zu essen, es ist ja nur Haut und Knochen.' Ich mache den Job der Generalsekretärin der FDP Frauen seit vier Jahren, drei Jahre lang hat sich kein Mensch für uns interessiert. Habe ich eine Medienmitteilung geschickt, so war das ein E-Mail ins Weltall. Seit dieser Kampagne hat sich dies geändert.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bin mit zwei Geschwistern aufgewachsen, einer jüngeren Schwester und einem jüngeren Bruder. Ich hatte eine sehr behütete Kindheit. Die Familie lebte zuerst in Zürich, dann im Bernischen Hindelbank und dann in Fribourg. Wir haben eine grosse Familienbande in Fribourg, die eng miteinander verbunden ist. Als Kind war ich eher still und ruhig.

Wann hat sich Ihr Temperament denn verändert?

Wir hatten immer einen sehr lebhaften Familientisch, an dem rege diskutiert wurde. Mit 16 habe ich die Handelsschule gemacht, mit 19 bin ich ausgezogen. Ich war schon immer sehr unabhängig. Ich fällte meine eigenen Entscheidungen. Den Unabhängigkeitsdrang gaben mir schon meine Eltern mit, sie spornten mich an, die Welt zu entdecken.

Was haben Sie entdeckt?

Das sage ich Ihnen sicher nicht. Ich habe mein Leben genossen.

Wann hat sich denn der Ehrgeiz entwickelt?

Im Berufsalltag. Ich hatte schon einen natürlichen Ehrgeiz, ich war eine gute Schülerin und habe mir bei der Arbeit Mühe gegeben. Eine Änderung erfolgte aber tatsächlich in jenem Moment, als ich merkte, dass ich als Frau anders behandelt werde. Ich habe dann berufsbegleitend Betriebsökonomie studiert und meinen Ehrgeiz entfaltet, nicht zuletzt mit der Gründung meines eigenen Unternehmens.

Wären Sie gleich behandelt worden, hätten wir von Ihnen also nie etwas gehört?

Dann wären Sie mich los, ja. Dann wäre ich vielleicht Hausfrau. Das war jedenfalls ein ausschlaggebendes Moment, wie etwa auch die Wahl Christoph Blochers in den Bundesrat, zu wenige Frauen in Politik und Wirtschaft – dies alles spornte mich an und motivierte mich zur Mitgestaltung.

Interview: Benedict Neff



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