02.12.2019

Ringier und Rasch

«Gleichberechtigung kann man nicht delegieren»

Redaktionen sollen Frauen öfters zu Wort kommen lassen. Dazu lancieren Ringier und Ringier Axel Springer Schweiz eine Initiative. EqualVoice sei nicht nur aus Image-Gründen wichtig, sondern werde sich finanziell auszahlen, sagt Ringier-Finanzchefin Annabella Bassler.
Ringier und Rasch: «Gleichberechtigung kann man nicht delegieren»
Annabella Bassler ist Chief Financial Officer und Initiantin von EqualVoice bei Ringier. (Bild: Ringier)
von Edith Hollenstein

Frau Bassler, Gleichberechtigung für Frauen: Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?
Die Gleichbehandlung von Frauen und Männern ist ein gesellschaftlich hoch relevantes Thema. Mit EqualVoice wollen wir Frauen in unserer Medienberichterstattung sichtbarer machen. Es geht uns nicht um die Einführung einer Quote, sondern um die datengestützte Sensibilisierung für ein Miteinander im Unternehmen sowie in der Berichterstattung unserer Medien. Denn ich bin überzeugt, dass Männer und Frauen gemeinsam mehr bewirken können. Zudem sind Unternehmen mit heterogen zusammengesetzten Teams nachweislich erfolgreicher.

Dieses Thema könnten doch die Redaktionen vorantreiben oder eine Diversity-Stelle: Warum machen Sie die Sichtbarkeit von Frauen in den Medien gleich zur Angelegenheit der Geschäftsleitung?
EqualVoice ist keine Chef-Sache. Im Gegenteil. Jede Redaktion treibt die Initiative – und zwar so, wie es titelspezifisch zu ihr passt. Entscheidend ist die DNA des jeweiligen Titels, dass über das Qualitätsverständnis, über die inhaltlichen Themen und die verwendete Tonalität respektive Sprache diskutiert wird. Ausserdem soll die Initiative zum Nachdenken anregen. «Role Models» leisten einen wichtigen Beitrag zur Debatte. Sie zeigen, wie scheinbar Unmögliches doch machbar ist. Gleichberechtigung kann man nicht delegieren, sondern sie muss vorgelebt werden – und zwar von allen, nicht nur von der Geschäftsführung. Nur dann wird EqualVoice nachhaltig sein.

«Alle Chefredaktionen stehen hinter EqualVoice»

Das EqualVoice Advisory Board besteht aus Simona Scarpaleggia, David Allemann, Nicole Burth, Ingrid Deltenre, Christiane zu Salm, Franziska Tschudi Sauber, Tanja Grandits sowie Sabine Keller-Busse. Warum ist hier nur ein einziger Mann?
Im Advisory Board ist uns wichtig, dass wir Persönlichkeiten haben, die das Thema EqualVoice im Alltag leben. Wir sind noch mit diversen Personen im Gespräch, finden es aber auch völlig in Ordnung, wenn für einmal in einem Gremium mehr Frauen als Männer vertreten sind.

Das Anliegen hätte mehr Gewicht, wenn sich dafür nicht nur die Frauen, also die sowieso schon benachteiligte Gruppe, engagieren würden ...
EqualVoice wird von allen Mitarbeitern von Ringier und Rasch getragen und umgesetzt – von Männern wie Frauen. Alle Chefredaktionen stehen dahinter und geben dem Thema eine hohe Bedeutung, um EqualVoice im Redaktionsalltag zu leben. Die Initiative ist nicht zu verwechseln mit einer Diversity-Abteilung. Eine solche wäre in unseren Augen nicht der richtige Ansatz.

«Wenn wir mehr Frauen sichtbar machen, werden wir auch mehr weibliche Leser haben»

Inwiefern ist es für Ringier neben der Frage der Geschlechtergerechtigkeit auch ein wirtschaftliches Ziel, mehr Frauen als Leserinnen/Userinnen zu erreichen?
Wir sind überzeugt: Wenn wir mehr Frauen sichtbar machen, werden wir auch mehr weibliche Leser haben und dadurch dann auch unsere Reichweite erhöhen. Aber obwohl die Initiative von mir als CFO lanciert wurde, steht das Ökonomische nicht im Vordergrund. Wir sind überzeugt: Es gibt noch viel mehr Frauen, über die es sich zu berichten lohnt. Sie wollen wir sichtbar machen.

Bei der BBC heisst eine ähnliche Initiative «50:50-Challenge». Ist ein solcher informeller Wettbewerb ebenfalls Ihr Ziel?
Wir sehen es gar nicht als Wettbewerb! Im Gegenteil. Im Januar 2020 wird ein Austausch zwischen Ringier und der BBC stattfinden. Wir sind gespannt, was wir voneinander lernen können. Umso mehr Medienhäuser weltweit ihren Stil, die Art und Weise ihrer Berichterstattung hinterfragen, umso mehr ist uns geholfen. Medien berichten seit jeher über «Role Models». Wenn hier noch weitere Frauen dazukommen, dann sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Ganz bewusst haben wir den Begriff EqualVoice gewählt, weil es um Ausgewogenheit geht beziehungsweise zumindest um eine Abbildung, die der Realität entspricht.

Was meinen Sie damit?
Wenn also 40 Prozent aller Sportler Frauen sind, die Berichterstattung in den Medien aber nur bei 4 Prozent liegt, dann ist das ein eklatantes Missverhältnis. Wir sehen hier Potential. Ziel ist eine ausgewogenere Berichterstattung.

Was für quantitative Ziele haben Sie sich gesetzt bei diesem Projekt?
Die EqualVoice-Initiative ist keine Top-Down-Ansage. Wir diskutieren gemeinsam und gerne auch kontrovers, welche Ziele wir uns setzen. Aus diesem Prozess wird sich auch eine Diskussion um mögliche oder notwendige interne Anpassungen bei unseren Publikationen ergeben. EqualVoice soll nicht nur nach aussen wirken, sondern auch intern gelebt werden. Bei BlickTV, welches im ersten Quartal 2020 an den Start gehen wird, besteht das Leitungsteam beispielsweise zu 50 Prozent aus Frauen und zu 50 Prozent aus Männern.

«In den Wirtschaftstiteln ist es bisher schwierig»

In diesem Fall ist das Erfüllen der Ziele von EqualVoice auch nicht Teil der lohnwirksamen Ziele der ChefredaktorInnen von Ringier und RASCH?
Das haben wir noch nicht diskutiert. Wie gesagt geht es im ersten Schritt darum, titelspezifische Ziele zu setzen.

Mit welchen Sanktionen muss eine Chefredaktorin oder ein Redaktor rechnen, wenn die Artikel diese EqualVoice-Vorgaben nicht erfüllen?
Ich persönlich bin kein Fan von Sanktionen, sondern von einem Miteinander basierend auf einer gemeinsamen Diskussion und – wo nötig – von Überzeugungskunst.

Wo dürfte das Erreichen von EqualVoice besonders schwierig umsetzbar sein?
In unseren Wirtschaftstiteln ist es bisher eher schwierig. Wir müssen überlegen, wie wir mehr Expertinnen gewinnen können. Grandios finde ich, wie es Spitzen-Köchin Tanja Grandits am Montag anlässlich des Kick-offs von EqualVoice während einer Panel-Diskussion auf den Punkt gebracht hat. Auf die Frage, wie ihr beruflicher Aufstieg erfolgt sei, sagte sie: «Ich wollte immer Chefin sein.»

Wo ist das Erreichen der EqualVoice-Ziele einfacher?
Ich möchte die Frage lieber so beantworten: Wo wird eine ausgewogene Berichterstattung bereits umgesetzt? Hier kann man die «Schweizer Illustrierte» mit ihrem Sonderheft zu den Parlamentswahlen 2019 «Helvetia wählt – 100 neue Frauen für Bern», den «Blick» mit seiner Initiative zum Edit-a-thon oder auch den «Beobachter» nennen, der Männern in typischen Frauenberufen eine Stimme gibt.

Das Interview wurde schriftlich geführt. 



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