09.10.2012

Erfolgreiche Frauen

Kathrin Amacker

Kathrin Amacker ist die erste Frau in der Swisscom-Konzernleitung. Seit zwei Jahren leitet sie dort die Unternehmenskommunikation. Doch dies ist nicht der einzige Meilenstein in ihrem Leben. Zuvor sass sie unter anderem für die CVP im Nationalrat und war in der Personalabteilung von Novartis über viele Jahre als Diversity-Beauftragte engagiert. Im 18. Teil unserer Serie spricht sie über ihren untypischen Stil als Politikerin, widerspruchsfreie Kommunikation bei der Swisscom und Werbeaufträge im In- und Ausland. Das Interview:
Erfolgreiche Frauen: Kathrin Amacker

Frau Amacker, was beschäftigt Sie gerade?

Heute Abend lädt PWC zu einer ganz speziellen Veranstaltung ein. Kaderfrauen und Kundinnen treffen sich zum Kennenlernen und Vernetzen. Ich werde einige Worte ans Publikum richten dürfen. Darauf bereite ich mich gerade vor, mein Thema ist "Wirtschaftspolitik pur".

Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn einige Veränderungen erlebt: von der Pharma- zur Telekomindustrie, von der Produktion zur Kommunikation, vom Labor zum virtuellen Büro, von der Arbeitnehmer- zur Arbeitgeberseite. Was sich aber wie ein roter Faden durch meine Laufbahn zieht, ist die Tatsache, dass ich mich immer magisch angezogen fühlte von der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik und auch immer Betätigungsfelder fand, um dies auszuleben. Das ist auch heute bei Swisscom der Fall. Als börsenkotiertes Unternehmen mit dem Bund als Mehrheitsaktionär steht Swisscom in besonderer Beziehung zu Politik und Öffentlichkeit. Das prägt meine Arbeit – Tag für Tag.

Als Unternehmen, welches zu einer Mehrheit dem Bund gehört, wird Swisscom mit Argusaugen beobachtet. Stehen Sie gerne in der Öffentlichkeit?

Insbesondere steht das Unternehmen in der Öffentlichkeit. Und das ist auch gut so. Wir bauen gerade zwei Generationennetze – die vierte Generation Mobilfunk in der Luft sowie Glasfaser im Boden – und eröffnen damit zahlreiche neue Möglichkeiten in der digitalen Welt. Das interessiert! Die Bevölkerung will wissen, was wir tun. Ich muss deshalb aber nicht zwingend persönlich stark exponiert sein. Ich scheue die Öffentlichkeit aber nicht, sonst wäre ich nicht zehn Jahre in der Politik tätig gewesen.

Mit ihrem Wechsel zur Swisscom mussten Sie ihre Politkarriere als CVP-Nationalrätin an den Nagel hängen. Was für ein Echo haben Sie damals erhalten?

Ich habe viele Reaktionen erhalten: vor allem Gratulationen zu diesem Superjob, aber auch ein gewisses Unverständnis, ein so ehrenwertes Mandat einfach aufzugeben. Einige haben ihr Bedauern damit begründet, ich sei endlich einmal eine Politikerin gewesen, die eigentlich gar keine Politikerin ist.

Was meinten die Leute damit?

Ich glaube, meine Art zu argumentieren hat viele angesprochen. Wenn ich mich kritisch äusserte, hatte ich auch immer Lösungsvorschläge parat. Ich pflegte wohl auch einen etwas untypischen Stil: klar und sachlich in der Aussage, respektvoll in Sprache und Ton. Dies rührt wahrscheinlich daher, dass ich eine politische Quereinsteigerin war. Ich kam beruflich aus einem industriellen Umfeld.

Was hat Sie denn politisiert?

Das war die Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz: ein Paukenschlag, der die ganze Region in ihren Grundfesten erschütterte. Es stand ein Abbau von 3500 Stellen bevor. Die Hausverbände fragten mich an, für das Präsidium der Angestelltenvertretung zu kandidieren. Ich haderte schwer. Der Verstand wollte die akademische Karriere nicht aufgeben und dem geliebten Arbeitgeber nicht auf die Füsse treten. Das Herz wollte anpacken und die Angestellten durch das Tal der Tränen in eine bessere Zukunft führen. Ich folgte dem Herzen – im Wissen, dass ich damit persönlich viel Risiko nahm.

Was hat damals den Ausschlag gegeben, dass sie dieses Risiko eingingen?

Ich suchte Beratung und ein Coach stellte mir folgende Frage: du hast zwei Pendenzen-Stapel, einen mit Labordaten und einen mit Mitarbeiteranliegen. Wo fängst du an? Die Antwort war klar, nur: das führt in die Sackgasse. Es gibt keine Sackgassen, sagte der Coach, es gibt immer Türen, du siehst sie nur heute noch nicht.

Später waren Sie bei Novartis in einer Führungsposition im HR tätig. Dort waren Sie unter anderem verantwortlich für Diversity-Themen und amteten als Gleichstellungsbeauftragte. Wie stark beschäftigen Sie sich heute mit Fragen der Gleichstellung?

Auch bei Swisscom ist das Diversity Management bei HR verortet. Die Anzahl Frauen in Kaderpositionen ist allerdings auch ein Ziel im Bereich Corporate Responsibility, für den ich verantwortlich bin. Wir wollen bei Swisscom den Anteil Frauen im Kader bis 2015 auf 20 Prozent erhöhen. Das Thema interessiert mich also beruflich auch weiterhin (lacht).

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Kommunikationschefin bei Swisscom?

Ich bin für das Reputationsmanagement zuständig. Wir wollen widerspruchsfrei kommunizieren und mit allen Stakeholdergruppen den Dialog pflegen. Und natürlich verfolgen wir auch aufmerksam die politische Agenda. Ich sehe mich in der täglichen Arbeit vor allem als Coach, der begleitet und vorausschaut. Mir ist wichtig, dass sich meine Leute wohlfühlen und sich entfalten können. Ich versuche ein Umfeld zu schaffen, in dem alle ihr Potential ausschöpfen und einen bestmöglichen Job machen können.

Sie leiten ein Team von rund 100 Personen. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Als umsichtig.

Umsichtig?

Ja, umsichtig. Nicht laut, nicht prahlerisch, sondern unterstützend und im Hintergrund. Ich versuche, persönlich zugänglich zu sein für alle. Allgemein pflegen wir bei der Swisscom flache Hierarchien und eine unkomplizierte "Du"-Kultur.

Kommunizieren Sie eher offensiv oder defensiv?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Bei Themen, die uns wichtig sind und über die wir etwas zu erzählen haben, kommunizieren wir gerne aktiv. Wir wollen nicht belehren, sondern suchen den Dialog auf Augenhöhe. Wenn Falschaussagen im Raum stehen oder wir unangemessen angegriffen werden, stellen wir die Dinge richtig.

Eine Debatte entstand in der Werbebranche, als bekannt wurde, dass die Swisscom einen grossen Teil des Marketing-Budgets nach Deutschland vergeben hat. Was ist Ihre persönliche Meinung dazu?

Wir haben nicht einen grossen, sondern einen sehr kleinen Teil des Marketing-Budgets nach Deutschland vergeben. Ich war an diesem Entscheid aktiv beteiligt. Nach wie vor liegt über 90% der Wertschöpfung bei unseren Werbeaufträgen im Inland, denn die Produktion und auch die Streuung erfolgt ausschliesslich in der Schweiz. Es ist aber verständlich und auch legitim, dass sich die betroffene Branche ein bisschen enerviert über diesen Entscheid und um ihr Territorium kämpft.

Verstehen Sie also die Kritik der Schweizer Werbebranche?

Ich sehe dies in einem etwas grösseren Kontext. Swisscom kauft pro Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 3 Milliarden Franken ein – überwiegend im Inland. Es wäre falsch, hier missionarisch zu werden. Ich finde es sehr erfrischend, für einmal mit einer deutschen Agentur zu arbeiten, die unbestritten sehr kreativ ist. Swissness ist und bleibt hingegen einer unserer wichtigsten USPs.

Sie sind nicht nur Karrierefrau, sondern sind verheiratet und haben drei Kinder. Es sieht so aus, als ob Sie trotz ihrer steilen Karriere auch auf nichts verzichten mussten?

Ich kann mit dieser Frage „Kind oder Karriere“ nichts anfangen. Man muss doch heute wegen einer beruflichen Laufbahn nicht mehr zwingend auf eine Familie verzichten. Es stellt sich nur die Frage, ob man das will. Natürlich hat eine Karriere nicht nur Schokoladenseiten: Es reicht nicht immer zum Schulfest, man setzt sich auch mal einer Kritik aus oder verpasst halt eine Regierungsratsnomination um drei Stimmen. Da gilt es dann: hinstehen und akzeptieren.

Hinstehen und akzeptieren – Gehen Sie mit Niederlagen so einfach um?

Nein, Niederlagen nimmt man immer persönlich und deshalb sind sie auch immer schmerzhaft. Man steckt sein Herz und seine ganze Energie in ein Projekt oder eine Kandidatur. Klar ist man enttäuscht, wenn dieses Engagement nicht zum Erfolg führt. Eine Niederlage hat aber immer auch positive Aspekte. Man lernt und wächst. Es empfiehlt sich, hin und wieder mit Niederlagen zu rechnen. Ich habe mir vor meiner ersten politischen Kandidatur immer wieder die Szene vor Augen geführt, auf der Bühne zu stehen und nach den Worten "Gewählt ist..." nicht meinen Namen zu hören. Erst als ich mir vorstellen konnte, weder umzufallen noch in den Boden zu versinken, stellte ich mich der Wahl. Man muss standhaft sein, das Leben geht weiter.

Sie arbeiten viel, wie bringen Sie Job und Familie unter einen Hut?

Vor allem indem ich das, was ich tue - gerne tue. Jede Familie soll ihr individuelles Modell finden. Ich hatte und habe grosse Unterstützung durch meine Eltern und meinen Mann, der seit der Geburt unserer Kinder Teilzeit arbeitet. Auch ich selber habe einige Jahre Teilzeit gearbeitet und eine Betreuungshilfe zugezogen.

Wie sind Sie selbst aufgewachsen?

Traditionell. Mein Vater ernährte die Familie, meine Mutter kümmerte sich um uns drei Kinder und den Haushalt. Meine Eltern machten übrigens beide eine Lehre bei der Post, mein Götti arbeitete bei der SBB und meine Gotte bei der PTT. Das habe ich erzählt, als ich im Rekrutierungsprozess beim Swisscom-Verwaltungsrat vorzusprechen hatte (lacht). Es fühlte sich so an, als würde ich nach Hause kommen.

Wie waren Sie als Kind? Hat sich damals schon abgezeichnet, dass Sie Karriere machen werden?

Ich war mehr als einmal Klassensprecherin und habe schon mit 16 Jahren eine Kunstturngruppe geleitet. Der Wunsch zu gestalten war immer da. Dass ich ein Vereinsmensch bin, hatte ich wohl auch schon in den Genen. Mein Vater engagierte sich über Jahrzehnte im Sport. Er war übrigens bei der Post auch Mitglied der Personalvertretung. Das hat er mir aber erst nach meiner Wahl zur Präsidentin der Novartis Angestelltenvertretung gesagt.

Ihr Vorgänger bei der Swisscom, Stefan Nünlist, ging damals zur SBB und jetzt zur UBS. Wo sehen wir Sie als nächstes?

Das ist ein interessanter Schritt, den Stefan da wagt. Die UBS ist ein spannendes Unternehmen, das sich wieder stark auf den lokalen Markt zurück besinnt. Ich persönlich lebe im Hier und Jetzt - und dieses gefällt mir wirklich sehr gut. Kann man überhaupt noch planen in einer Welt, die sich ständig wandelt? Man weiss nie, was kommt. Am besten bleibt man offen und neugierig.

Interview: Corinne Bauer



Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang20191018

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.