12.01.2023

BAG

«Wir brauchen die Medien als Korrektiv»

Gregor Lüthy hat das BAG nach fünf Jahren als Kommunikations- und Kampagnenleiter verlassen. Im Interview blickt der 54-Jährige auf die Bewältigung der Coronakrise zurück, spricht über die Kritik der Medien – und sagt, inwiefern die Kommunikation helfen kann, die angespannte Situation im Gesundheitswesen zu entschärfen.
BAG: «Wir brauchen die Medien als Korrektiv»
«Die Jahre der Pandemie waren kräftezehrend und haben auch privat Spuren hinterlassen», sagt Gregor Lüthy, von 2017 bis Ende 2022 Kommunikations- und Kampagnenleiter beim Bundesamt für Gesundheit. (Bild: Jonathan Liechti)
von Tim Frei

Herr Lüthy*, nun da Ihre langjährige Zeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) Ende 2022 geendet hat: Auf welches Hobby freuen Sie sich mehr: Vögel zu fotografieren oder für Ihren Kulturblog Zürcher Miszellen** Rezensionen über Literatur und bildende Kunst zu schreiben?
Ich habe auf beides grosse Lust. Wobei ich beim Fotografieren noch Anfänger bin, während ich mir in der Kultur durchaus eine fundierte Meinung zutraue. Der Kulturblog hat stark gelitten während der Pandemie. Ich freue mich sehr, wieder mehr Gelegenheit zu haben, Ausstellungen zu besuchen. Als Nächstes werde ich wohl über Helen Frankenthaler schreiben, sie war eine amerikanische Farbfeld-Malerin. 

Weshalb haben Sie sich entschieden, das BAG nach fünf Jahren als Leiter Kommunikation und Kampagnen zu verlassen?
Die Jahre der Pandemie waren kräftezehrend und haben auch privat Spuren hinterlassen. Ich merkte, dass ich eine Auszeit brauche, um neue Kräfte zu sammeln und um auch wieder mehr Zeit für meine Töchter zu haben. Diese Auszeit gönne ich mir nun. Danach werde ich die Energie haben, um mich einer neuen Aufgabe zu widmen. Veränderungen tun gut, nicht nur mir, sondern auch der Kommunikation des BAG. Gerade in der Kommunikation der Verwaltung braucht es immer wieder neue Anstösse, damit sie bürgernah bleibt.

Viele Branchenkenner dürften sich dafür interessieren, was Sie nach Ihrer Auszeit beruflich tun werden. Sehen Sie Ihre Zukunft zwingend in der Kommunikation?
Dort liegen meine Stärken. Ich habe viele wertvolle Erfahrungen gemacht während der Pandemie, habe gemerkt, was funktioniert und was nicht, gerade auch in der Krisenkommunikation. Ich möchte diese Erfahrungen nun weiter nutzen. Natürlich reizt auch die Kulturbranche, aber ich ahne, dass das Schreiben über Kunst und Literatur ein Hobby bleiben wird.

«Es ist auch unsere Aufgabe, den Mitarbeitenden zu erklären, warum die kritische Berichterstattung der Medien wichtig ist»

Auf LinkedIn schreiben Sie von «vielen einmaligen Erfahrungen», die Sie beim BAG gemacht haben. Auch wenn es schwierig sein dürfte, eine Erfahrung rauszupicken: Welche werden Sie niemals vergessen?
Hoffentlich einmalig und unvergesslich bleibt natürlich die Zeit der Covid-19-Pandemie. Zusammen mit sehr vielen Mitarbeitenden des BAG haben wir so viel gearbeitet wie noch nie in unser aller Leben. Herausragend war aber nicht so sehr die Krisenkommunikation selbst; da haben sich die allgemein bekannten Grundsätze wie Transparenz, Konsistenz, Schnelligkeit bewährt. Vielmehr war ich fasziniert von der Zusammenarbeit in den Teams, alle involvierten Mitarbeitenden haben in dieser äusserst herausfordernden Zeit ihr Bestes gegeben. Ich konnte mich auch in meinem Team jederzeit auf hochprofessionelle, sehr motivierte Mitarbeitende verlassen.

Sie leiteten von Anfang bis zum Ende der Covid-19-Pandemie die Kommunikation des BAG. Unterhält man sich mit Ex-Mitarbeitenden, ist oft dies zu hören: «Gregor Lüthy geht mit seiner Führungsrolle verantwortungsvoll um, er ist zugänglich, engagiert, unterstützend.» Zudem sei es Ihnen nie schwergefallen, die Ruhe zu bewahren. Wie ist Ihnen das während der Pandemie gelungen?
Für mich ist es zentral, dass ich als Kommunikationsverantwortlicher der Fels in der Brandung bin. Wenn es hitzig wird, dann muss die Kommunikationsabteilung Ruhe in eine Organisation bringen. Diesen Grundsatz hat mein Team gelebt, und ich glaube, wir konnten viel Spannung auch aus dem Umgang des gesamten Amts mit den Medien nehmen. Es ist nicht nur unsere Aufgabe, der Öffentlichkeit zu vermitteln, was wir tun, sondern auch, den Mitarbeitenden zu erklären, warum die kritische Berichterstattung der Medien wichtig ist. Aber ehrlich gesagt: Ich bin auch nicht immer ruhig geblieben. Wenn nach einem langen Tag nachts um 23 Uhr noch ein dringender Auftrag reinkam, dann wurde auch ich unwirsch. 

Wie haben Sie jeweils reagiert, wenn am Morgen erneut ein kritischer Medienbericht über die Kommunikation des BAG erschienen ist?
Ich bin der festen Meinung, dass wir die Medien als Korrektiv brauchen. Der «Rally-‘round-the-flag»-Effekt ganz zu Anfang der Pandemie, als die Medien die Politik des Bundes ausdrücklich unterstützten, war mir schon damals etwas suspekt. Wenn man aber so intensiv und über lange Zeit im Rampenlicht steht, dann setzt einem die kritische Berichterstattung zu. Es ist dann wichtig, sich klarzumachen, dass nicht alle Kritik gerechtfertigt ist und dass vieles davon auch dem Vergessen anheimfallen wird.

«Wir hätten mehr Meta-Kommunikation machen sollen»

Gab es Situationen, in denen Sie die Kritik unfair fanden?
Ja, zum einen, wenn sie auf falschen Fakten basierte. Wenn schlecht recherchiert und auf dieser Basis Kritik geübt wurde. Und zum anderen, wenn die Medien uns keinen Fehler zustanden. In vielen Artikeln in Zeitungen finden Sie heute Tippfehler, weil beim Korrektorat gespart wird. Das wird einfach so hingenommen. Wenn aber bei uns jemand ein Häkchen am falschen Ort gesetzt hat – was nun einmal passieren kann, bei bis zu 50'000 Fallmeldungen am Tag –, dann wurden wir als Dilettanten bezeichnet, was wirklich nicht fair war. 

Sie haben es angesprochen: Es gab auch Berichte, die nicht den Fakten entsprochen haben. Wie haben Sie in solchen Fällen reagiert? Ein Korrigendum eingefordert?
Ja, meistens. Ich habe oft mit Journalistinnen und Journalisten gesprochen und Änderungen verlangt. Manchmal musste ich mich bis in die Chefredaktionen durchtelefonieren, um zum Erfolg zu kommen. Es hat nicht immer funktioniert, weil auch Fakten unterschiedlich interpretiert werden können. Die grössten Diskussionen gab es bei zugespitzten Headlines, die keinen Bezug mehr zum Text hatten. Das halte ich weiterhin für eine Unsitte, auch wenn ich verstehe, dass die Medienhäuser damit Klicks generieren wollen.

Apropos Kritik: Wenn Sie auf die Pandemie zurückblicken: Üben Sie auch Selbstkritik?
Wir haben viele Lehren gezogen, für das Krisenmanagement allgemein und auch für die Kommunikation. Die Wichtigste: Wir hätten mehr Meta-Kommunikation machen sollen. Das heisst, öfter erklären, warum wir so kommunizieren, wie wir es tun. Dazu gehört, dass wir das Dilemma hätten aufzeigen sollen zwischen der Vorläufigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse und dem Wunsch der Bevölkerung nach klarer Guidance. Dieser Widerspruch führte zu Missverständnissen, und ihn hätten wir kommunikativ besser darlegen müssen.

«Vertrauen schafft man durch eine transparente und offene Kommunikation»

Sie haben nicht nur die Kommunikation der nationalen Gesundheitsbehörde geleitet, sondern zuvor auch jene eines Leistungserbringers (Universitätsspital Zürich). Der Tenor hält sich hartnäckig, dass sich das Schweizer Gesundheitswesen in einer angespannten Situation befindet. Inwiefern kann die Kommunikation dazu beitragen, damit sich dies verbessert?
Ich habe während der Pandemie gelernt, wie wichtig das Vertrauen der einzelnen Akteure zueinander ist. Wenn sich Bund und Kantone nicht vertraut hätten, wären wir sehr viel schlechter durch diese Zeit gekommen. Dies gilt auch für das Gesundheitswesen allgemein. Die Akteure müssen Vertrauen zueinander gewinnen, und Vertrauen schafft man durch eine transparente und offene Kommunikation. Wenn wir immerzu denken, der andere sagt eh nur das, was ihm – und nur ihm – nützt, dann werden wir keine grossen gemeinsamen Schritte machen können – und die braucht es jetzt dringend.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial? Wäre es nicht zielführend, wenn die Akteure mehr miteinander agieren und sich weniger Schuldzuweisungen machen würden?
Ja, das ist genau der Punkt. Nehmen Sie beispielsweise die Ärzteschaft. Es ist nicht zielführend, sie pauschal als einseitig nur am Geld interessiert hinzustellen. Ich habe selten eine Berufsgruppe kennengelernt, deren Vertreterinnen und Vertreter so sehr am Wohl der ihnen anvertrauten Menschen interessiert sind. Dass sie daneben auch schauen, dass ihre Arbeit gerecht entlöhnt wird, ist nachvollziehbar. Die berechtigten Interessen anzuerkennen, die selbstverständlich nicht immer kongruent sind, wäre ein erster Schritt zu mehr gegenseitigem Verständnis.

Lassen Sie uns zum Schluss nochmals zu Ihren Hobbys kommen: Welchen Vogel möchten Sie unbedingt einmal mit der Linse Ihrer Kamera einfangen?
An unseren Bächen und Seen leben und jagen Eisvögel. So einen möchte ich sehr gerne einmal fotografieren, aber das braucht Geduld und Zeit. Zumindest die Zeit dafür habe ich in den kommenden Wochen.

Zudem: Wenn Sie auswählen könnten, welchen Künstler würden oder hätten Sie gern kennengerlernt?
Den US-Amerikaner Cy Twombly (1928-2011), von dem einige Bilder im Kunsthaus in Zürich hängen. Ich versuche schon seit Jahrzehnten, seiner Kunst, die Malerei und Schrift verbindet, auf die Schliche zu kommen, und schaffe es doch nie. Ich hätte deshalb einige Fragen an ihn.



Gregor Lüthy war von September 2017 bis Ende 2022 Leiter Kommunikation und Kampagnen sowie Geschäftsleitungsmitglied beim BAG. Während der Covid-19-Pandemie war er unter anderem federführend in der fachlichen Kommunikation des Bundes in Zusammenarbeit mit den Departementen und der Bundeskanzlei. Vor seiner Zeit beim BAG war der 54-Jährige ebenfalls für fünf Jahre als Leiter Unternehmenskommunikation beim Universitätsspital Zürich tätig. Zuvor leitete er während sechs Jahren die Kommunikation der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich. Davor wirkte er während eines Jahres als Kommunikationsleiter und Mediensprecher an der Universität der Künste in Berlin – jenem Ort, an dem sich der Literaturwissenschaftler (Universität Zürich und Technische Universität Berlin) zum Kulturjournalisten ausbilden liess.

** Seit acht Jahren ist Gregor Lüthy Herausgeber und Redaktor des digitalen Feuilletons und Kulturblogs «Zürcher Miszellen».



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