TV-Kritik

SRF-«Club» wie die alte Fasnacht

Das Schweizer Fernsehen kommt nie zu spät, die anderen Medien haben es bloss immer so eilig. Hinterher wie die alte Fasnacht liess Barbara Lüthi am Dienstag im «Club» von einer Männerrunde über den Doppeladler von Shaqiri & Co. im Spiel gegen Serbien problematisieren. Eine überwiegend flaue Debatte zu einer längst zerredeten, zerschriebenen und somit erledigten Geschichte. Für die Deutschen war Erdogate nach dem Ausscheiden ihrer Nationalelf (in der Vorrunde) kein Thema mehr. Sie redeten und räsonieren über die Zukunft ihrer Mannschaft.

Wenn es im «Club» schon WM sein musste: Nachdem die Schweizer Nati im Achtelfinal gegen Schweden ohne Herz und Leidenschaft agierte und verdient ausgeschieden ist, hätte ich zu dieser Causa eine kurzfristig einberufene Expertenrunde erwartet: Warum dankt die Schweizer Mannschaft regelmässig im Achtelfinal ab? Diesmal war sie sogar in der (leichten) Favoritenrolle. Warum haben diese Spieler keine Emotionen, wenn es um die Wurst geht? Wo liegen die Probleme? Wie weiter? Und so fort.

Thema «Doppeladler, Doppelbürger, Doppelmoral?» – der «Club» in Kürze: Für Beni Thurnheer war die Doppeladler-Aktion ein Racheakt gegen alle, welche Shaqiri und Xhaka provoziert und beleidigt hatten. «Unnötig und etwas dumm», sagte über die Handlung Jeronim Perović, Professor für osteuropäische Geschichte. «Unschön» war diese auch für Integrationsexperte Thomas Kessler: «Aber es war ein faires Spiel.»

Als «hochpolitische Rachegeste» wurde die Spielertat von «Weltwoche»-Chef und SVP-Nationalrat Roger Köppel bezeichnet. «Das war wie eine Ohrfeige vor dem Bildschirm. Man kann nicht unter Schweizer Flagge ausländische Politik machen.» Für ihn hat auch die Mannschaftsführung versagt. Köppel stört es ausserdem, dass von der Multikulti-Mannschaft die Nationalhymne nicht gesungen wird. Thurnheer dazu: «Das Singen oder Nichtsingen der Hymne hat nichts mit den Wurzeln der Spieler zu tun. Alain Sutter oder Stéphane Chapuisat haben es früher auch nicht getan. Sportler singen einfach nicht gern.»

Weiter gings in der Runde bis hin zur Geschichte der Kosovo-Albaner in der Schweiz, Zuwanderung, Integration oder Masseneinwanderungs-Initiative. Dann hat Barbara Lüthi die Jagd abgeblasen. Die Fangquote war äusserst gering.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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KOMMENTARE

Jeannot Lucchi
06.07.2018 15:57 Uhr
A) die Diskussion in Deutschland um özil & Co ist keineswegs beendet! B) auch die deutschen Spieler sangen nur zum Teil - ebenso emotionslos wie die Schweizer und beide Mannschaften spielten dementsorechend C) die Idee Spieler mit Doppel-Nationalität Verpflichtungen aufzuerlegen und diese auch durchzusetzen ist folglich ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
Meienberg Priska
05.07.2018 17:02 Uhr
Grüezi Herr Bolli, der Sport lebt ja gerade davon, dass ein Sportler oder die Mannschaft für die Ehre seines Landes spielt und kämpft. Das ist noch lange nicht Nationalismus (hingegen ist Doppeladler machen ein nationalistisches Zeichen). Natürlich darf und soll man Rituale hinterfragen. Nur: die Schweiz steht leider als Aussenseiterin da, denn alle Länder sonst pflegen dieses Ritual des Nationalhymnen-Singens. Das Spiel Schweden-Schweiz zeigte es beispielhaft: Währenddem die Schweden locker, fröhlich, und bestimmt ohne nationalistischen Gedanken, aber mit Heimatliebe, ihre Hymnen intonierten (ja, sie schunkelten sogar), standen nachher die Schweizer verkrampft, mit demonstrativ ernsten Mienen und ohne emotionaler Regung da, als die Schweizer Hymne lief (Beni Thurnheeer: "Sportler singen eben nicht gerne"). Und so haben die Schweizer dann auch gespielt: verkrampft, emotionslos, ohne Feuer im Allerwertesten. Der Sport lebt von Ritualen - sonst kann man die WM und olympischen Spiele abschaffen. Wäre eine Überlegung wert. Aber Brot und Spiele gehören eben zur Menschheitsgeschichte. Sportwettbewerbe sind mehr als reine physische Betätigungen. Sie sind identätsstiftend, schaffen ein Wir-Gefühl, ja, bezeugen die Heimatliebe. Sie unterhalten und bewegen. Und an WM und Olympia meistens friedlich. Für sein Land mitzufiebern, und sein Land zu lieben, ist noch lange nicht Nationalismus.
Rudolf Bolli
05.07.2018 10:30 Uhr
Frau Meienberg, Sie haben recht: Es geht um Rituale. Und Rituale darf man hinterfragen. Manchmal muss man es sogar. Nicht zuletzt die Nationalismusrituale im Sport gehören für mich zu den fragwürdigen.
Meienberg Priska
04.07.2018 22:07 Uhr
Grüezi Herr Brunner, es geht nicht darum, dass 3/4 den Text nicht kennen (ob es wirklich nur 3/4 sind, ist ihre Behauptung). Es geht auch nicht um Jesus oder Roger Köppel. Aber so eine WM hat nun mal seine Rituale. Nationen spielen gegeneinander. Jede Mannschaft singt bei ihrer Hymne mit. Das gehört einfach dazu. Im Theater stehen am Schluss einer Aufführung auch alle Schauspieler auf der Bühne und verneigen sich. Ein Ritual. Bei einem Fussballspiel gibt es nun eben das Ritual der Nationalhymne. Alle machen dieses "Schauspiel" mit, es ist Teil der Inszenierung - ausser bei den Schweizern! Eben, es fehlten die Emotionen und das Herz bei den Schweizern. Drum sind sie rausgeflogen. Alle anderen Mannschaften spielen für ihr Land. Wofür die Schweizer spielen, war nicht ganz klar. Für den Doppeladler? (Wenn das mal nicht echter Patriotismus ist). Und wenn sie bis heute das nicht gecheckt haben, und auch nicht checken, wer da im Morgenrot daher kommt, ja, sie haben recht: Alles eine Intelligenzfrage. Donald Duck ist es jedenfalls nicht.
Victor Brunner
04.07.2018 15:23 Uhr
Ich behaupte 3/4 der Schweizer kennen den Text des Liedes nicht. 2/3 würden das Lied nicht singen weil der Text so dumm ist. Alles nur eine Intelligenzfrage, auch Patriotismus kann aufgeklärt sein. Ich weiss immer noch nicht wer da im Morgenrot ddaher kommt, ist es Jesus, Allah, Mohammed, Uriella, Donald Duck, Donald Trump oder Roger Köppel!
Sam Bischof
04.07.2018 12:47 Uhr
Man hätte den Club leicht auf das Ausscheiden der Schweizer im Achtelfinal fokussieren können: Ohne Herz und Leidenschaft für die Schweiz zu spielen, hat viel mit dem Doppeladler im Herzen einiger Spieler zu tun. Von dem her gab es auch im letzten WM-Spiel der Schweizer durchaus einen Link zum Doppeladler. Peinlich fand ich Beni Thurnheers Aussage, "Sportler singen nun mal nicht gerne" . Ich frage mich , wo Beni den hingeguckt hat bei all den bisherigen WM-Spielen. Alle anderen Nationalmannschaften singen jeweils aus voller Kehle bei ihrer Hymne mit. Im Spiel gegen Schweden war es geradezu penetrant offensichtlich: Die Schwedischen Fussballer (alles Sportler) sangen stolz, laut und beherzt ihre Hymne, sie legten sich dabei die Arme um die Schultern. Auch alle Spieler auf der Ersatzbank sowie der schwedische Coach sangen mit. Da war Herz und Emotion zu spüren. Und dann die Fussballer in den Schweizer Trikots - die meisten standen regungslos und stumm da, als die Hymne spielte. Einzig vier Spieler sangen mit, allesamt Spieler ohne Doppeladler im Herzen. Es war ein peinliches Bild für die Schweiz, eine solche Mannschaft hat es nicht zu verdient, zu siegen. Noch nie hatte ich so wenig Sympathie für eine "Schweizer" Mannschaft, leider! Es sind alles Fussballprofis, und auch wenn sie im Herzen nicht richtige Schweizer sein mögen, gehört es doch zum Anstand, zur Inszenierung, zum Ritual, bei der Hymne mitzusingen. Sorry, aber der Schweizer Coach muss diesen Herren als erstes einmal die erste Strophe des Schweizerpsalms beibringen. Ich freute mich jedenfalls sehr über den Sieg der Schweden!
Walter Gätzi
04.07.2018 11:43 Uhr
Wo er Recht hat, hat er Recht (Roger Köppel). Das Problem ist immer dasselbe bei SRF Sendungen egal welche ob ARENA; CLUB etc. ALLE gegen die SVP. Die Einladungen sind immer 90 zu 10% . 6 zu 1 im CLUB inklusiv Lüthi, übrigens unausstehlich eingebildet. Alles Schönredner ohne Herz für die echte Schweiz.
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