17.02.2021

Serie zum Coronavirus

«Rheinschwimmen im Winter ist Therapie»

Der Basler Texter Hans Peter Brugger schwimmt seit Corona jeden Tag einen Kilometer im eiskalten Rhein. Auch wenn es schneit. Nicht nur die Pandemie sei ein Marathon, auch das Eisschwimmen, sagt er in der 156. Folge unserer Serie.
Serie zum Coronavirus: «Rheinschwimmen im Winter ist Therapie»
Einmal baute sich Hans Peter Brugger einen Schneemann und nahm ihn mit zum Schwimmen. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Brugger, Sie schwimmen in Basel jeden Tag den Rhein hinunter. Ist diese Idee ein Produkt der Homeoffice-Zeit?
In dieser Konsequenz eindeutig ja. Vor Corona war ich ein begeisterter Sommerschwimmer. Wenn die Wassertemperatur im Rhein unter 17 Grad fiel, war die Saison für mich gelaufen. Schluss mit «z’Basel in mym Rhy». Zufall oder nicht. Ich traf beim Joggen ein Grüppchen Spinner in Badekleidern, die in den kalten Rhein stiegen. Wie? «Einfach Dranbleiben. Kopfsache», meinten sie lachend. Ich war in Basel «gelockdowned». Keine Aussicht auf Reisen in wärmere Gefilde. Okay. Einen Versuch ist es wert. Wann, wenn nicht jetzt?

Aber ist es nicht gerade jetzt verdammt kalt für solche Abenteuer?
Ja, saukalt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Da habe ich mir was Schönes eingebrockt. Nach dem Go meiner Ärztin («das ist sogar gesund, nur zu, wenn Sie’s schaffen») gab es für mich kein Zurück mehr. Dranbleiben, durchziehen, komme da, was wolle. Und es kam. Ein garstiger Dezember, grau in grau, passend zum Lockdown, das kalte Grausen. Ein eisiger Januar. Dann Hochwasser, starke Strömung. Das volle Programm. Den Rhein kannte ich vom Sommerschwimmen her. Aber die Kälte, das war neu für mich in dieser Form. Da brauchts einiges zum Dranbleiben. Nicht nur Corona ist ein Marathon, auch das Eisschwimmen. Zum Glück stiess ich auf Wim Hof. Er gab mir die Gewissheit, die Kälte auszuhalten, mit «Mindsetting» und einer speziellen Atemtechnik. Für mich die Entdeckung des Jahres.

Wie lang ist Ihre tägliche Strecke?
Ich starte beim Hotel Trois Rois und schwimme dann circa einen Kilometer hinunter bis zum Rheinbad Sankt Johann. Je nach Strömung dauert das sieben bis zehn Minuten. Wenn ich aus dem Wasser steige, fühlt sich der Körper rasch warm an. Aber Hände, Füsse und Zehen sind oft schmerzlich gefühllos. Mit der Zeit werde das besser, meinen Ärztin und Wim übereinstimmend. Zu Fuss geht’s zurück zur Garage, wo ich mich umziehen kann. Mal bei minus zehn Grad Celsius und steifer Brise. Huch, aber wir alle habens überlebt: Hände, Füsse, ich. Was dich nicht umbringt, macht dich stark.

«Natürlich funkte der innere Schweinehund immer wieder dazwischen»

Hatten Sie nie Motivationsschwierigkeiten?
The brain runs on fun. Ich motiviere mich mit den Mitteln, die wir auch den Kunden empfehlen. Kreativität, starke Ideen, überraschende Lösungen, gute Geschichten und lustvolle Erlebnisse. Drei Tage vor dem 24. Dezember dachte ich: Familienweihnacht ist nicht möglich wegen Sch... Corona. Schaffe ich das, mit einem voll geschmückten Weihnachtsbaum den Bach abzuschwimmen. Die Antwort steht hier. Dann fiel Schnee in Basel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Klirrend kalt. Ich baue mir einen Schneemann und nehme ihn mit. Gedacht, gesagt, getan. Die BaZ berichtete und immer mehr Leute freuten sich. Ich mich auch. Und der Fährimann sowieso. Und auch die Streife. Danach waren ein Pinguin und Kater Jacob mit Kamera dabei. Als nächstes ist ein Eisbär vom Cryocenter Basel angemeldet. Und weitere Überraschungsgäste werden folgen. Ganz nach dem Motto von Wim: Embrace the cold. Have fun.

Have fun?
Natürlich funkte der innere Schweinehund immer wieder dazwischen. Suchte nach Gründen, warum es gerade heute keine gute Idee, gar verantwortungslos, gefährlich und gesundheitsgefährdend sei, zu viel Strömung habe. Schweinhunde sind sehr erfinderisch. Da gibt’s nur eine Antwort, die auf Frank Bodins rotem Büchlein: Do it, with love.

Haben Sie Sicherheitsmassnahmen?
Atemtechnik, Mindsetting, Schwimmsack und Exit-Strategien, oberhalb wie unterhalb des geplanten Ausstiegsortes. Respekt vor dem Fluss. Bei ungewöhnlichen Verhältnissen Strecke zuerst abmarschieren und vom Rheinbord aus checken auf verkeiltes Treibholz oder andere Gefahren. Ich bin bei der Planung gern unabhängig, auch was die Einstiegszeiten betrifft, darum schwimme ich meist allein. Aber es hat immer Fussgänger, die mir auch zurufen: «Ischs nid z’kalt?», «Wie kalt isch?», «drei Grad», «Wow». Ich bin also nie ganz allein.

«Verglichen mit dem Job eines Psychotherapeuten ist im Winterrhein schwimmen das Glück auf Erden»

Ist dies auch ein bisschen ein Ersatz für die Basler Fasnacht, die dieses Jahr auch den Bach hinuntergeht?
Die Basler Fasnacht kann man nicht ersetzen. Weltkulturerbe. Dr Moorgestraich. Magisch, mystisch. D’Fasnachtsladäärne. Kunstwerke mit einem eigenen Groove. D’Schnitzelbängg. Eine eigene Literaturform mit allen Höhen und Tiefen. D’Glyggekäller. D’Glygge, Pfyffer und Dambuure, d’Gugge. Das alles zusammen bildet ein Gesamtkunstwerk. Am ehesten könnte man meine Eisschwimmkarawanen als Schyssdräggziigli bezeichnen, wenn man eine Verbindung zu den drey scheenschte Dääg herstellen möchte. Aber meine drey Dääg dauern ja drei Monate – bis der Frühling kommt.

Wie erleben Sie – um zum Beruflichen zu kommen – momentan die ganze Branche?
Alles ist schwieriger geworden in der realen Welt. Irgendwie erinnert es mich an die ersten Monate nach 9/11. Da wurden auch Konkurrenzpräsentationen für die Schublade veranstaltet. Für Agenturen frustrierend, für Freischaffende der nackte Horror. Damals kam der Werbung auch für einige Zeit der Humor und das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis abhanden. Der Unterschied zu damals: Die virtuelle Welt boomt. Im ADC jurierten wir mit Zoom. Die Resultate dürfen sich sehen lassen. Und das ist nur ein Beispiel von Tausenden, die zeigen: Wo Türen zugehen, gehen andere auf.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Der erste eiskalte Winter mit richtig Schnee in Basel seit Langem und ich im eisigen, stark ziehenden Rhein schwimmend. Vor ein paar Monaten für mich noch undenkbar. Und auf «Arte» die Serie «en Therapie». Da ist der Job als Texter/Konzepter verglichen mit dem eines Psychotherapeuten direkt paradiesisch und das Schwimmen im Winterrhein das Glück auf Erden.


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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