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Eine fortwährende Verletzung

Manfred Klemann

Sicher kennen Sie Ihre Briefträgerin oder Ihren Briefträger. Eine wahrhaft zuverlässige, freundliche und meist fröhliche Person. Auch wenn immer weniger postalische Briefe geschrieben werden, wirft sie noch reichlich Post in Ihren Briefkasten: Kontoauszüge der Bank, Angebote Ihres Möbelhändlers, Briefe von Tante Otti, Postkarten von Verwandten und Reisenden aus aller Welt, Rechnungen von Billag und Swisscom. Eines Tages denkt Ihr Briefträger, nennen wir ihn Emil: Eigentlich brauchte ich etwas mehr Geld zum Leben. Er überlegt sich ein neues Geschäftsmodell. Er liest die Karten seiner Kunden, öffnet deren Briefe und liest diese auch (macht sie aber wieder gut zu), schaut, wer der Absender Ihrer Post ist. Und macht sich so ein schönes Bild von jedem. Denn er erfährt: Sie haben ja aktuell 5000 Franken Schulden bei der Bank; sie kaufen gerne massgeschneiderte Herrenhemden in Grösse 46 (sieht er aus den Rechnungen); Sie wollen nach Mallorca zu Tante Otti.

Emil, der brave Briefträger, macht nun Folgendes: Er geht zu einem befreundeten Reisebüro und gibt den Tipp: Bruno Meier möchte eine Mallorca-Reise. Wenn er die bei dir bucht, gib mir die Hälfte der Provision. Und er geht zum Kredithai GD-Bank und gibt den Tipp, dem Meier eine Umschuldung anzubieten. Wenn dieser zustimmt, bekommt Emil eine Provision. Und dann noch schnell zum befreundeten Schneider, der beste Hemden herstellt und gerne im Falle eines Auftrags einen Obolus an Emil abgibt. Super.

Emil tut eigentlich nichts Unrechtes, ja er hilft sogar Bruno Meier, dass sein Leben leichter wird. Halt! Was erzählt der da: Es gibt ja schliesslich ein Post- und Fernmeldegeheimnis. Da darf man doch keine Briefe öffnen oder Gespräche abhören. Das wird in allen zivilisierten Staaten streng bestraft. Tatsächlich hätte der arme Briefträger Emil wohl bald Schwierigkeiten; aber seine digitalen «Konkurrenten», die E-Mail-Postbeförderer, tun das Gleiche wie Emil völlig ungestraft und staatlich unterstützt in der ganzen westlichen Welt. Und niemand scheint sich zu wundern oder gar mal dagegen anzugehen.

Wenn ich heute eine Gmail an einen Freund schreibe und ihm mitteile, dass ich eine neue Uhr kaufen möchte, habe ich morgen auf allen Internetseiten und in meinem digitalen Postfach Angebote für Uhren aus der ganzen Welt. Wenn ich heute im Internet einen Preis für ein Auto abfrage, verfolgen mich wochenlang Anzeigen und Angebote von Autoherstellern oder Händlern. Also liest da jemand mit und nutzt es aus! Oder täusche ich mich? Was Briefträger Emil in den Knast bringt, bringt Briefträger «Digital» Millionen, ja Milliarden an Provisionen. Eines der ersten und wichtigsten Grundrechte des Menschen, das Post- und Fernmeldegeheimnis, ist innert 15 Jahren vollständig ausgehebelt worden. Interessiert es uns – die Bürger – gar nicht mehr? Dann müssen wir aber auch das Brief- und Fernmeldegeheimnis aus dem Grundgesetz nehmen.

Ich habe in der letzten Kolumne über die Big Five der Datensammler (Amazon, Google, Apple, Microsoft, Facebook) geschrieben. Und mich gefreut, dass Google das eiserne Prinzip durchbrochen hat, dass es einen Elefanten nicht interessiert, wenn eine Maus fiept. Denn der Pressesprecher von Google Schweiz hat eine Klarstellung auf meine April-Kolumne verlangt und auf persoenlich.com auch bekommen.

Fair. Und ich möchte nicht weiter nachtreten, aber vielleicht doch zwei Verwunderungen ausdrücken: Matthias Meyer, der Google-Pressesprecher, schreibt, dass Google Zürich «auch in der Schweiz einen substantiellen Beitrag durch Lohn- und Unternehmenssteuern leistet». Heisst das also, Google, das Unternehmen Google, zahlt Lohnsteuern? Ich dachte immer, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Lohnsteuern zahlen. Und dass die Lohnsteuer ein Teil des verdienten Lohnes sei und nicht ein Teil der Unternehmenssteuern. Und dann wird da noch gesagt: «Suchergebnisse in der organischen Suche (bei Google) sind nicht käuflich.» Das dürfte stimmen. Aber die Listung, also wer wann kommt in der Suche, ist ja zunächst mal käuflich: in Form der AdWords-Anzeigen. Und um bei den organischen Ergebnissen weit oben zu stehen, ist es natürlich von Vorteil, auch bei AdWords mitzumachen. Denn dadurch hat man eine grössere Relevanz (mehr Traffic, mehr Verlinkung) und steht «organisch» viel besser da. Das ist ein geniales Gelddruckinstrument, vor dem ich den Hut ziehe.

Um nicht immer das arme Google zu belästigen: Schauen wir zum Schluss noch auf einen anderen der Daten-Mogulen: Mark Zuckerberg und sein Facebook-Imperium. War das vor zwei Monaten nach der Kritik der amerikanischen Regierung und Zuckerbergs Vorladung vor den Kongress nicht fast tot- gesagt? Und jetzt: das beste Quartalsergebnis (1/2018) aller Zeiten für Facebook. Und, noch unbemerkt von der Öffentlichkeit, die genialste kommerzielle Innovation der letzten Jahre in Zuckerbergs Reich. Die Shop-Lösung auf Instagram. Diese Instagram-Shops bedeuten Geld drucken auf höchstem Niveau. Ganz neu: Schauen Sie es sich mal an und denken Sie darüber nach, wie damit das Quartalsergebnis 1/2019 bei Zuckerberg aussehen wird. Make Facebook great again (MFGA).


Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer der Pioniere des europäischen Internets. Er gründete 1993 die Firma Unterwegs-im-Internet und später die Plattformen wetter.com, reise.com, internateportal.de und das Deutsche Wetter Fernsehen. Heute beteiligt er sich an aussichtsreichen Start-ups in der Schweiz und in Europa.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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