09.11.2017

Journalismustag17

Wie stark reden Verleger und Werbekunden mit?

Elementares Prinzip oder alter Zopf? In Winterthur haben Susan Boos (WOZ), Claudia Blumer (Tagi), Dennis Bühler (AZ/Südostschweiz) und Colin Porlezza (Universität Zürich) über Unabhängigkeit diskutiert. Antworten auf drei wichtige Fragen aus dem Panel.
Journalismustag17: Wie stark reden Verleger und Werbekunden mit?
Debattierten in der Aula: Colin Porlezza (Universität Zürich), Claudia Blumer (Tagi) und der Moderator Nick Lüthi am Journalismustag in Winterthur. (Bild: Journalismustag17)
von Michèle Widmer

1. Gibt es Unabhängigkeit im Journalismus überhaupt?

Claudia Blumer, Inlandredaktorin vom «Tages-Anzeiger» stösst sich in der aktuelle Debatte über «No Billag» daran, dass die SRG häufig als «letztes Bollwerk für unabhängigen Journalismus» dargestellt werde, während die privaten Medien aufgrund der wirtschaftlichen Lage drohten, an politiknahe Kreise verschachert zu werden. Jedes Produkt sei abhängig von dem, der es gewährleiste. Die SRG sei in ihrem Fall vom Parlament und vom Bundesrat abhängig. «Komplette Unabhängigkeit gibt es nicht», sagte sie. Man könne Unabhängigkeit strukturell zwar anstreben, ansonsten sollten Medien doch viel besser zu ihren individuellen Abhängigkeit stehen.

Susan Boos, Redaktionsleiterin der «Wochenzeitung» WOZ zeigte sich überzeugt: «Unser Geschäftsmodell garantiert eine grösstmögliche journalistische Unabhängigkeit.» Die WOZ finanziere sich zum Löwenanteil durch Aboeinnahmen. Dennis Bühler, Bundeshausredaktor bei AZ und «Südostschweiz» sowie Mitglied beim Presserat hätte nach eigenen Angaben Mühe, bei einem Blatt mit klarer politischer Positionierung zu arbeiten. «Ich bin kein Ideologe und habe kein festes Weltbild», sagte er. Als Journalist versuche er immer unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Angesprochen auf die mögliche Kooperation von «Südostschweiz» und «Basler Zeitung» (persoenlich.com berichtete) sagte er dazu: «Es kommt ganz darauf an, wie viele Freiheiten Christoph Blocher der Redaktion lassen würde.»

 

2. Wie unabhänging vom Verleger können Journalisten schreiben?

Welchen Einfluss nehmen Verleger auf den Inhalt ihrer Zeitungen? Und wie geht man als Journalist, wenn es so ist, damit um? Dennis Bühler hat dazu einen klare Haltung: Pressefreiheit sei für ihn, wenn er auch auf «Radio Grischa» sagen könne, dass Hanspeter Lebrument mehr in Beton investierte als in Menschen. Zum Thema wurde auch, dass sich der Somedia-Verleger klar für die Olympiakandidatur von Graubünden ausgesprochen hat und von der Redaktion einen entsprechenden Kurs in der Berichterstattung forderte. Nick Lüthi, welcher das Panel am Journalismustag in Winterthur moderierte, fragte ihn, wie die Journalisten darauf reagiert hätten. «Die Redaktion hat das natürlich nicht gern gehört», antwortete Bühler. Man habe dann mit Lebrument ein kritisches Interview geführt, um dem Leser aufzuzeigen, dass sie es da nicht nur mit einem Verleger, sondern auch mit einem Lobbyisten zu tun haben.»

Die nächste Frage ging an Claudia Blumer vom Tagi. Wie unabhängig sie über aktuelle medienpolitische Themen berichten könne, im Wissen, dass Tamedia-Verleger Pietro Supino einer der schärftsten Kritiker der SRG ist. «Supino ist noch nie zu mir gekommen», sagte Blumer. Man könne nun annehmen, dass sie ihre Artikel in vorauseilendem Gehorsam verfasse, aber auch das sei nicht der Fall. Sie habe sich ihre Meinung zum Thema Service public schon lange vor ihren Zeiten beim «Tages-Anzeiger» gemacht und diese seither nicht mehr geändert. Ihrer Meinung nach braucht es eine starke SRG. Sie plädiere jedoch dafür, dass die SRG alle Gebührengelder erhalten und dafür keine Werbung mehr verkaufen dürfte.  



3. Wie weit dürfen Medien in der Abhängigkeit vom Werbemarkt gehen?

Eine klare Haltung zum Thema Native Advertising äusserte Colin Porlezza von der Universität Zürich. «Wenn Medien ihr Publikum mit Werbung bewusst täuschen, müssen sie sich nicht wundern, wenn ihre Glaubwürdigkeit sinkt.» Die Verlage würden Werbung im redaktionellen Gewand vermitteln und täten sich schwer mit genügend Transparenz, weil dies alles andere als im Interesse der Werbauftraggeber sei. In der Redaktion vom «Tages-Anzeiger» würden Native-Advertising-Beiträge immer kontrovers diskutiert. «Ich finde, es darf nicht nur Sponsored stehen, sondern Layout und Schrift müssen sich vom redaktionellen Inhalt unterscheiden», sagte Blumer dazu. Und Dennis Bühler fügte aus Sicht des Presserates an, dass sie darauf angewiesen seien, dass die Verlage ihre Vorschläge diesbezüglich übernehmen. Bisher sei dies leider noch nicht der Fall. «Es herrscht ein solches Wirrwarr an Begriffen, dass am Schluss niemand mehr erkennt, um was es sich bei den Texten handelt.»

 



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