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Markenstrategie: Das Meer aus Rosa

Wer bei diesen Fussball-Weltmeisterschaften auf die Schuhe schaut, sieht etwas Merkwürdiges. Nike, Adidas, Puma, New Balance, Skechers – fünf der grössten Sportmarken der Welt treten mit derselben Farbe an: Rosa. Koordinierte Produktlaunches, Wochen vor Turnierbeginn. Die grösste Bühne des Fussballs – und ein Meer aus Rosa.

Das Paradox liegt auf der Hand. Das sind alles keine mittelmässigen Unternehmen mit begrenzten Budgets oder einfallslosen Designteams. Und trotzdem: identische Farbe, identischer Moment, identische Logik.

Klar, Pink kontrastiert gegen grünen Rasen besser als fast jede andere Farbe – im Stadion wie auf dem Bildschirm. Pink vermittelt Athleten Selbstvertrauen. Pink ist auffällig genug, um zu signalisieren, aber breit genug akzeptiert, um niemanden abzuschrecken. Und Pink, oder genau genommen «Electric Fuchsia», wurde bereits im Mai 2024 von der Trendagentur WGSN als eine der fünf Schlüsselfarben für den Sommer 2026 ausgerufen. Und nun haben wir die Sauce – vor Milliarden Zuschauern.

Das Resultat ist eine saubere Ironie: Die auffälligsten Schuhe des Turniers tragen kein Rosa. Messis weiss-hellblaue Adidas in den Farben Argentiniens. Pulisics weisse Pumas mit den Sternen der US-Flagge. Ronaldos goldene Nikes für seine sechste Weltmeisterschaft. Weil alle Pink tragen, fällt keiner damit auf. Genau dort, wo Differenzierung am meisten zählt, verschwindet sie.

Konvergenz ist immer das Ergebnis von Optimierung ohne übergeordnete Idee. Wenn keine eigenständige Weltanschauung existiert, die Entscheidungen filtert, übernimmt der Markt die Führung. Und der Markt sagte für diese Saison: Rosa ist im Trend. Rosa funktioniert auf Rasen. Rosa funktioniert auf TV-Kameras. Rosa ist mutig genug, um als Differenzierung zu wirken – solange es eben nur einer macht.

Rosa ist also nicht die Ursache des Problems, sondern das Symptom. Und das Symptom erscheint immer dann, wenn die Fragen «Was ist im Trend?» und «Was tun die anderen?» die Frage «Was ist unsere eigene Antwort auf die Welt?» ersetzt haben. Denn wer keine eigene grosse Idee hat, die Entscheidungen verankert, wird unter Druck nicht mutiger, sondern konformer.

Wer beim nächsten Spiel also auf die Schuhe schaut, sieht nicht nur ein Farbproblem. Er sieht das Ergebnis einer Frage, die zu wenig oft gestellt wird – auch abseits des Rasens.



Thomas Ruck ist Chief Strategy Officer der Hotz Group und Autor von «Wachstum durch Kundenerlebnis – Warum drei Kräfte tausend Touchpoints schlagen».

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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