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Tamedia: Jeder Abbau hinterlässt Lücken

Vor zwei Jahren beschrieb Tamedia den Wandel der Mediennutzung als «rapid». Inzwischen verändere sich der Medienmarkt «fundamental». Darauf reagiert Tamedia immer gleich: mit einem Stellenabbau. Am Montag kündigte der Verlag an, weitere 34 Vollzeitstellen streichen zu wollen (persoenlich.com berichtete). Das sind 41 Journalistinnen und Journalisten weniger auf den Redaktionen von Zürich bis Genf.

Trotz des dezimierten Personalbestands bleibe «Qualitätsjournalismus» der Kern des Angebots. Dank automatisierter Prozesse und des Einsatzes künstlicher Intelligenz gehe das auch mit weniger Leuten, suggeriert Tamedia in der Medienmitteilung zum Stellenabbau.

Tatsächlich kann Technologie redaktionelle Prozesse so stark unterstützen wie noch nie. Sei es die zielgruppengerechte Aufbereitung journalistischer Inhalte oder das Durchforsten grosser Datenbestände: KI übernimmt hierfür die Rolle eines fleissigen Praktikanten, auf dessen Dienste heute kaum noch eine Redaktion verzichten möchte.

Was den Journalismus aber im Kern ausmacht, nämlich Ungehörtes und Unerhörtes zu dokumentieren, dafür bleiben Menschen unverzichtbar. KI kann das nicht.

Werden Journalistinnen und Journalisten entlassen, verliert eine Redaktion nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Erfahrung, Fachwissen und Kontakte. Ein Personalabbau, wie ihn Tamedia seit Jahren betreibt, lässt sich irgendwann weder mit angepassten Strukturen kaschieren noch mit technologischem Fortschritt kompensieren. Jeder Abbau hinterlässt Lücken.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Berner Zeitung, vor fünf Jahren aus Spargründen mit dem Konkurrenztitel Der Bund fusioniert, versteht sich weiterhin als führende Regionalzeitung. Kern der Region ist die Bundesstadt.

Inzwischen kommt es vor, dass an einzelnen Tagen kein einziger Artikel über diese Stadt mit rund 150’000 Einwohnerinnen und Einwohnern erscheint, die zugleich Sitz dreier öffentlicher Verwaltungen ist. Dass sich schlicht nichts ereignet haben soll, worüber es sich zu berichten gelohnt hätte, kann man sich als Leser und Abonnent nur schwer vorstellen. So stellt sich die Frage, was man wohl verpasst hat und nie erfahren wird, weil niemand mehr jene Ecken ausleuchtet, in die einst zwei grosse Zeitungsredaktionen geblickt haben. Dieses Defizit vermag auch die breite Berichterstattung über nationale und internationale Themen nicht zu kompensieren, wenn man bewusst ein Regionalmedium abonniert hat.

Tamedia verspricht weiterhin «Qualitätsjournalismus». Das lässt sich leicht in eine Medienmitteilung schreiben. Halten lässt es sich nur mit Leuten, die hinschauen, nachfragen und dranbleiben – und davon soll es bald 41 weniger geben. Gemessen wird das Versprechen nicht an der Mitteilung, sondern an dem, was täglich erscheint – oder eben nicht erscheint.



Nick Lüthi ist Redaktor von persoenlich.com

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KOMMENTARE

Jürg Metz
08.10.2026 10:02 Uhr
Bereits jetzt ist die Rechtschreibung und Interpunktion in den Zeitungen und noch extremer bei den elektronischen Medien beschämend schlecht. Es werden Titel wie «Sogar die Pneus brannten», (20 Minuen) als Headline gesetzt. Dabei sollte man wissen, dass Pneus ideale «Brandopfer» sind. KI  wird den sog. Qualitätsjournalismus kaum fördern. Ich habe nach über 55 Jahren Zeitungen lesen damit aufgehört, da ich mich mit schludriger Arbeit nicht abfinden möchte.
Robert Schnieper
08.10.2026 09:35 Uhr
Völlig einverstanden!
Victor Brunner
08.10.2026 09:21 Uhr
Die Entlassungen haben für die Führung von Tamedia einen grossen Vorteil. Die Angst nimmt zu, kritische MitarbeiterInnen schweigen, Solidarität mit KollegenInnen wird nicht mehr gelebt, es zählt nur noch die Sicherung des Jobs. Bedenklich, die Chefredaktorin die sich immer wieder mit Leitartikel zu Wort meldet schweigt, lässt ihre MitarbeiterInnen und LeserInnen im Stich, taucht ab. Peppel-Schulz diktiert, blutet Tamedia aus und verschwindet in absehbarer Frist mit einem schönen Handgeld wieder!