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Ringier: Drei Männer, drei Meinungen, ein Medienhaus

Das Ritual folgt einem Muster, einer klaren Struktur. Seit 2013 melden sich im Geschäftsbericht von Ringier die drei das Unternehmen prägenden Herren zu Wort: Verleger Michael Ringier gibt mit dem Prolog die Richtung vor, CEO Marc Walder kommentiert den Geschäftsgang und zum Ausklang formuliert Frank A. Meyer im Epilog gar Grundlegendes zu Medien und Journalismus.

In der publizierten Abfolge bilden die Wortmeldungen eine Klammer, die den Bericht zusammenhält. Doch inhaltlich könnten die drei Texte nicht weiter auseinanderliegen. Das zeigt der eben veröffentlichte Geschäftsbericht 2025 besonders schön.

Verleger Michael Ringier gibt in seinem Prolog den Bedenkenträger und Warner, wenn er die Digitalisierung mit der Atomkraft vergleicht. Da wie dort hätten sich die hochtrabenden Visionen und Versprechen aus der Pionierphase in ihr Gegenteil verkehrt. So sieht der Verleger heute «grenzenlose Datensammlerei, schrankenlose Überwachung und unbeschränkte Manipulation.» Und erst die künstliche Intelligenz! «Da sehe ich fatale Parallelen zu Atom. Denn KI ist auch politische Macht. KI ist Überlegenheit. KI ist eine Drohung. KI könnte zum neuen Gleichgewicht des Schreckens werden.» Dass sein eigenes Unternehmen mit Palantir zusammenarbeitet, einem der grössten Datensammler, Überwacher und Manipulatoren, lässt Ringier unerwähnt. Das erfährt man im Bericht zum Geschäftsjahr von CEO Marc Walder. Bei ihm ist Palantir ein «weltweit führender Anbieter von Datenintegrations- und Analyseplattformen».

Walder sieht KI «als tiefgreifende strukturelle Kraft», die das Unternehmen in seinen innersten Strukturen verändert und von der es kein Entrinnen gibt. Wer sich KI verweigert, ist selber schuld. Zwar sieht auch er die Herausforderungen, gerade für die redaktionellen Medien seines Unternehmens, die sich durch KI um ihren Lohn geprellt sehen. Doch die grundlegenden Bedenken seines Verlegers teilt Walder nicht. Oder zumindest nicht öffentlich im Geschäftsbericht.

Im Epilog schlägt dann Frank A. Meyer den Bogen zurück zu Michael Ringier. FAM vermutet eine vorauseilende «Unterwerfung unter die Herrschaft der künstlichen Intelligenz» und die «totalitäre Präsenz des Digitalismus» als mögliche Ursachen für die Verballhornung der deutschen Sprache. Nur exerziert der Journalist aus dem Hause Ringier seine Kritik am falschen Gegenstand durch. FAM arbeitet sich an der «einfachen Sprache» ab, einer verständlicheren Form der Standardsprache. Sie nutzt kurze Sätze, klare Wörter und eine einfache Struktur, damit Inhalte leichter zu lesen und zu verstehen sind. Sie richtet sich an ein breites Publikum und hilft besonders Menschen mit geringeren Sprach- oder Lesekenntnissen. Macht also das, was Boulevard-Journalismus leisten sollte. Wie Blick von Ringier.

Die Widersprüche und Inkonsistenzen stehen letztlich für eine gelebte und gepflegte Meinungsvielfalt oder wie es Claude – eine künstliche Intelligenz – formuliert: «Der Geschäftsbericht von Ringier ist in seiner Zusammensetzung ehrlicher als die meisten anderen. Er stellt drei Autoren nebeneinander, die sich partiell widersprechen – und lässt die Spannung unaufgelöst stehen.»



Nick Lüthi ist Redaktor von persoenlich.com

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