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Hauptsache Gänsehaut

Matthias Ackeret

Verlegersgattin Raquel Marquard war so schockiert, dass sie zweimal wegschauen musste. Für alt Stadtpräsident Elmar Ledergeber war es nicht einfach, «diesen krassen Film zu verdauen» und Ex-Miss Tanja Gutmann will in Zukunft ihre Psyche schonen. Die Rede ist, der geneigte Leser hat es realisiert, von der Älplersaga «Sennentuntschi», die vergangene Woche am Zürich Film Festival Weltpremiere feierte. Das heimische Boulevardblatt griff nach den ganz grossen Buchstaben: «Skandal-Premiere. Filmfestival-Besucher geschockt und verstört.» So viel alpines Grauen erweckt fast schon wieder Sehnsucht nach der überschaubaren «Blick»-Welt, die aus Autorasern, Schenkkreis-Mördern, demRentner Kneubühl und den Miss-Wahlen besteht. Ein winzig-kleines Problemchen am Rande: die «Sennentuntschi»-Premiere endete um halb zwölf Uhr nachts, also nach Blick-Redaktionsschluss. Des Rätsels Lösung: Die Prominenten wurden von den «Blick»-Journalisten bereits im Vorfeld der Aufführung in ihrer Fantasie bearbeitet: eine Vorwegnahme des Schauderns und Wegschauens, obwohl sie noch gar nicht zugeschaut haben. «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley entpuppt sich damit nicht nur als Meister inszenierten Boulevards, der Deutsche sorgt auch für den vorgezogenen. Hauptsache Gänsehaut. Nach dem «Sennentuntschi» folgt bereits eine Steigerung in der Horrortypologie: der bundesrätliche Departementswechsel. «Krieg in Bern» titelte der «Blick» mit den allergrössten Lettern. Zur Beruhigung von Frau Marquard: Diesmal bitte nicht wegschauen, der letzte schweizerische Krieg liegt über 150 Jahre zurück. Sowohl gestern wie heute ist in Bern kein Blut geflossen. Trotz allem ein Tag medialer Freude: Endlich widmete sich der «neue» Blick wieder einmal der Schweizer Politik.
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