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Katar ist anders – dennoch ist vieles seltsam

Andreas Böni

Alles super hier in Katar. Darf man das über diese politisch so aufgeladene WM überhaupt sagen? Schwierig in diesen Tagen. Aber von den kurzen Wegen her ist es toll, in Doha zu arbeiten.

Ich erinnere mich an meine erste WM 2006 in Deutschland. Als Reporter von Sport Bild (ich begleitete Brasilien durchs Turnier) schlief ich von 40 Nächten 37 im Hotel. Mein Mietwagen war stets voller Hemden und Wäsche, in meiner damaligen Heimat Hamburg sah ich kein einziges Spiel.

  • WM 2010 in Südafrika? Nati-Camp in Johannesburg, Flüge nach Durban und Port Elizabeth, eine nächtelange Fahrt nach Bloemfontein.
  • WM 2014 in Brasilien? Landung morgens um 7 Uhr ohne Schlaf aus Manaus, um 7.05 Uhr der Anruf: «Was machen wir für Blick am Abend?»
  • WM 2018 in Russland? Doppeladler-Skandal in Kaliningrad. Von Mitternacht bis 7 Uhr morgens Flug zurück ins Nati-Camp. Bei der Landung war es aber schon 9 Uhr wegen der Zeitverschiebung. Um 11 Uhr kamen wir im Hotel an, ohne Schlaf, und mit der Vorgabe, so schnell wie möglich das Geschehen aufzuarbeiten.

Katar ist anders. Hier sind alle Stadien innerhalb von 45 Minuten erreichbar. Man schläft regelmässiger, weil die Fliegerei zwischen den Spielorten wegfällt. Die Journalisten waren nie so fit während eines Turniers, weil Arbeiten im Hotelzimmer doch einiges stressfreier ist als im Flugzeug.

Interessant als Beobachter ist: Das Fehlen von Alkohol (man bekommt es nur in ausgewählten Hotels) prägt die Stimmung. Und zwar zum Positiven. Kurzum: Besoffene Fans sieht man nirgends. Die Nationen untereinander feiern friedlich zusammen, zum Beispiel auf dem Souq Waqif. Die Stimmung unter den Nationen ist dabei jeden Abend gewaltig. Augenfällig ist auch, dass die ganze Welt vor Ort ist. Von Afrika über Nord-, Mittel- und Südamerika bis Arabien sind tausende Fans vor Ort. Also aus Ländern, wo mutmasslich die Kritik wegen der Menschenrechte oder an der Fifa bedeutend kleiner ist. Aus Europa kommen gefühlt die wenigsten Fans – mit Ausnahme der Waliser und der Engländer.

Aber es ist auch vieles seltsam in Katar. Die Stadien sind dermassen runtergekühlt, dass man Pullover und Jacke braucht. Fussballbegeisterung ist bei den Einheimischen so halb zu spüren, auch medial: Während man in Brasilien auch während der Flüge die Spiele schauen konnte, ist das mit Qatar Airways nicht möglich. Von den 82 Kanälen in meinem Hotelzimmer zeigt keiner WM-Spiele. Auf Kanal 57 war ein Kamelrennen zu bewundern. Das Internet ist fast überall schlecht und nicht auf dem Arbeitsniveau, an das wir gewöhnt sind.

Natürlich braucht es im Bericht eines Journalisten aus einem Land auch einen Taxifahrer, der etwas erzählt. Respektive einen Uber-Fahrer, das funktioniert hier nämlich top. Er sei aus Pakistan und werde, «Inschallah», nach der WM nach Hause gehen, mit viel Geld, das er verdiene während des Turniers. Was erwartet ihn dort in der Gebirgsgegend zu Afghanistan? «Mein Vater, der Magenkrebs hat.» Hoffentlich erhole er sich, «Inschallah», wenn Gott will.

Und er freue sich auf seine «Familie und vor allem auf meine 10-jährige Tochter». Sie sei viel daheim und sehr wissbegierig. Warum zu Hause? «Schulbildung für Mädchen, das ist bei uns nicht vorgesehen.» Es sind Momente wie diese, die einem dann wieder ganz klar vor Augen führen: Es gibt islamische Länder, die völlig anders ticken.


In der Serie «Postkarte aus Katar» teilen verschiedene Medienschaffende ihre Eindrücke und Erlebnisse von der Fussball-WM 2022 in Katar. Andreas Böni ist stellvertretender Sportchefredaktor der Blick-Gruppe.

Bereits erschienen ist der Beitrag von Stefan Osterhaus, Sportredaktor der NZZ und NZZ am Sonntag.

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