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Masochismus der Verleger

Matthias Ackeret

Wie viel Masochismus erträgt der Mensch? Nimmt man die Verlegerkaste zum Massstab: sehr viel. Als Verteidigungsminister Ueli Maurer am Verlegerkongress in Interlaken den anwesenden Medienauguren «Schludrigkeit, Unseriosität und Kritiklosigkeit» vorwarf, brandete ihm – was für eine Überraschung – starker Applaus entgegen. Gleiches erlebte Damals-noch-Bundesrat Christoph Blocher im Jahre 2004, als er die Branche an gleicher Veranstaltung in Lausanne des Rudelverhaltens bezichtigte. Selbst die Aussage der damaligen SP-Präsidentin Ursula Koch am Kongress in Gstaad, wonach sie keine Zeitung lese, erzeugte bei den anwesenden Verlegern Zustimmung. Ein gouvernales Bashing als Balsamgegen die von Anzeigen- und Leserrückgängen gebeutelte Verlegerseele? Möglicherweise. Nur Fifa-Präsiden Sepp Blatter, ansonsten ein agiler Machtmensch, war mit dem Seelengefüge der Branche wenig vertraut und missverstand das Prinzip der Publikumsbeschimpfung. Der Walliser liess vor sieben Jahren seine – durch den ehemaligen Pressechef Guido Tognoni anlassgerecht geschriebene – Brandrede wenige Stundenvor dem Auftritt in einem St. Moritzer Hotelzimmer durch einen externenBerater umschreiben. Das Resultat: eine sanftverbale Anbiederung, die bei den anwesenden Verlegern am nächsten Tag Gähnen und fassungslose Gesichter erzeugte. So viel Nächstenliebe war den Zeitungsfürsten dann doch suspekt. Diesbezüglich agiert Neo-Bundesrat Didier Burkhalter nach herkömmlichem Dafürhalten weitaus normaler: Er liess sich von seinem Kritiker, dem «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel, in der «Arena» weder beschimpfen noch belobigen. Er liess ihn bereits im Vorfeld ausladen.
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