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Weit weg vom Schuss

Matthias Ackeret

Auf zum letzten Gefecht! Es gehört zu den Gesetzmässigkeiten der Medienbranche, dass ausgerechnet in Krisenzeiten die innovativsten Ideen geboren werden, um Kosten zu senken. Sahen vor Jahren die Verleger im multifunktionalen Journalisten, der gleichzeitig recherchiert, fotografiert oder filmt, ihr Seelenheil, so geistert heute eine andere Wunderwaffe durch Europas Medienhäuser: der Newsroom. Ersteres konnte sich kaum durchsetzen, das Zweite wird jetzt aber bei vielen Redaktionen durchgeboxt. «Reduce to the max», lautet die Devise der Befürworter. Hier wächst zusammen, was eigentlich gar nicht zusammengehört, so die Gegner in freier Willy-Brandt-Diktion. Konkret: In Zukunft sitzen die Zeitungsredaktoren wie auch die Onlinejournalisten dicht aneinandergepresst in einem fussballfeldgrossen Büro und bearbeiten die eintreffenden Informationen. In Deutschland arbeitet bereits die Hälfte aller Redaktionen nach diesem Konzept, in der Schweiz übernimmt Ringier die Pionierrolle. Bereits im nächsten Januar will der grösste Schweizer Verlag nach grösseren Umbauten seinen eigenen Newsroom in Betrieb nehmen. Für Ringier-Schweiz-Chef Marc Walder das Prestigeprodukt: Die Chefredaktorengilde reiste nach London, Dänemark und Darmstadt, um Projekte zu studieren. Doch nun meldet sich Widerstand: In unserer Branche werde seit Jahren zu viel über Technik geredet, predigte der erste Ringier-Journalist in einem Interview mit der Zeitung "Sonntag"– und diskreditierte mit diesem kleinen Satz die neue Führungscrew. Eigentlich keine Überraschung, wählte doch Frank A. Meyer (FAM) für sich selbst die Antithese zum Newsroom: eine Supervilla als Arbeitsplatz, keine Verantwortung übernehmen und möglichst weit weg vom Geschehen agieren. In Berlin.
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