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Widersprüche vergiften Kommunikation

Marcus Knill

Wir können auch im Alltag gut beobachten, was bei gegensätzlichen Anordnungen geschieht. Wer beispielsweise einem Hund befiehlt, er solle etwas suchen und gleichzeitig sitzen bleiben, erkennt: Das Tier ist verunsichert und bellt. Auch bei der menschlichen Erziehung machen sich Eltern das Leben schwer, wenn ein Elternteil dem Kind den Ausgang verbietet und der andere den Besuch der Party erlaubt.

So wurde auch die Bevölkerung in der Coronakrise immer wieder verunsichert, indem gegensätzliche Anordnungen abgegeben wurden:

  • Keine Maske tragen (sie nütze nichts). Später, als genügend Masken vorhanden waren, wurde empfohlen: Wer körpernah arbeitet, muss eine Maske zu tragen. Noch später werden Masken im ÖV obligatorisch.

  • Einerseits wurde empfohlen: Distanz zwischen Grosseltern und Enkeln ist einzuhalten. Jeder Kontakt ist zu vermeiden. Anderseits wurde dann der Bevölkerung gesagt, die Grosseltern dürften ihre Enkel kurz in den Arm nehmen.

  • Es war auch unverständlich, dass Demonstrationen toleriert wurden, der Besuch von Museen, Bibliotheken oder des Zoos anderseits nicht erlaubt war.


Es ist keine neue Erkenntnis, dass bei Kommunikationsprozessen widersprüchliche Anordnungen etwas vom Schlimmsten sind. Wenn wir Vorgesetzte nicht mehr TRAUEN können, verlieren wir das VerTRAUEN. Glaubwürdigkeit ist enorm wichtig. Sie wird mühsam aufgebaut und geht durch widersprüchliche Signale schnell verloren.

Wer die Glaubwürdigkeit von Politikern überprüft, stellt fest, dass jene mit gegensätzlichen Kernbotschaften auf Dauer weniger Erfolg haben. Bei meinen Analysen staune ich immer wieder, wie viele Kandidaten gegensätzliche Aussagen machen. Sie lavieren, sind Eiertänzer und widersprechen sich. Leider beachten es die Stimmbürger selten, dass jemand gegensätzliche Aussagen leichtfertig in Kauf nimmt oder seine Meinung ständig ändert wie das Chamäleon die Farbe. Politiker rechnen wohl damit, dass das Stimmvolk ein schlechtes Langzeitgedächtnis hat.

Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick betonte, wir sollten  Aussagen synchron vermitteln. Körpersprache und verbale Aussage müssen übereinstimmen. Paradoxe Aussagen irritieren nicht nur, sie werden auch schlechter verstanden und stören Kommunikationsprozesse. Es lohnt sich deshalb, sich mit Doppeldeutigkeiten, Zweideutigkeiten oder Ambiguitäten in der Kommunikation eingehender auseinanderzusetzen.

Wenn jemand freundlich lacht und gleichzeitig dem Gegenüber sagt, es sei eine «unmögliche» Person, dann handelt es sich um zwei Botschaften, die sich widersprechen. Der technische Begriff  für Doppelbotschaften lautet «double bind». Damit sind Doppelbotschaften gemeint. So zum Beispiel, wenn auf die Frage «Wie geht es dir?» mit leidendem Gesichtsausdruck und weinerlicher Stimme geantwortet würde: «Mir geht es gut.»

Durch synchrones Kommunizieren wird paradoxes Verhalten vermieden. Vor allem in Krisensituationen und in der Erziehung sind gegensätzliche Anordnungen Gift. Politiker sollten sich bewusst bleiben, dass wir im Zeitalter des Internets nicht mehr annehmen können, alte widersprüchliche Aussagen würden schnell vergessen. Journalisten nutzen bei ihren Recherchen das Langzeitgedächtnis Internet und können gegensätzliche Aussagen rasch aufdecken.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik und Autor der virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien rhetorik.ch.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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