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William und Adolf

Matthias Ackeret

God Save The Queen! Was für ein Völkerfest! Prinz William führt am Freitag in der Westminster Abbey seine Kate Middleton vor den Traualtar und die halbe Menschheit verfolgt das royale Happening auf den Bildschirmen dieser Erde. Vergessen Fukushima, vergessen Gadaffi, vergessen – um das Lokale einzubeziehen – für einen kurzen Augenblick die ganze SVP: das englische Königshaus strahlt immer noch eine weltumspannende Faszination aus. Globalisierung at it`s best! Dass exakt 66 Jahren vorher in einem Berliner Bunker der deutsche Führer Adolf H. seine Eva ehelichte, dürfte der Mehrheit der Zuschauenden unbekannt, aber auch egal sein. Nicht so dem „Spiegel-TV“-Zuschauer. Denn bereits am Samstag wurde zurückgeschossen – fernsehtechnisch. So lieferte der deutsche TV-Sender Vox das Kontrastprogramm zum britischen Vermählungsmarathon: Eine 12-stündige Spiegel-TV-Spezialsendung über Hitlers Freitod mit kurz vorher erfolgter Eheschliessung! „Der Untergang“ in Realzeit. England gegen Deutschland, Kate gegen Eva, The Queen gegen den Führer, Quote gegen Quote. Titel des morbiden Landserprogramms: „Ein Tag schreibt Geschichte“ mit der für den geschichtsinteressierten Zuschauer umwerfenden Erkenntnis, Goebbels Ehefrau habe bei der Ermordung ihrer Kinder nicht nur wie ein kaltblütiges Monster agiert, sondern sogar mütterliche Verzweiflung gezeigt. Und – da schlägt das deutsche Herz doch höher! – noch spektakulärer: Hitler war auch Mensch. Schlecht, wer dabei Böses denkt. Der 30. April 1945, so die Message von Vox, habe die Welt wirklich verändert, wohl im Gegensatz zur englischen Hochzeitssoap. Was wäre das deutsche Fernsehen ohne seinen Quotenstar Adolf H.? Die Kritik über die Langzeitdok ist schon mal euphorisch: „Ein geglücktes TV-Wagnis“, so das Schwesterblatt „Spiegel.“ Selbstkritik – wie vom Propagandaministerium gelernt. Doch das ist bereits Stoff für eine nächste Sendung.
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