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Wo waren die Punker?

Matthias Ackeret

«Schreiben, was ist», predigte einst «Spiegel»-Erfinder Rudolf Augstein. Diese Erkenntnis ist zum Axiom der ganzen Branche geworden. Doch entspricht alles Beschriebene wirklich der Wirklichkeit? Das Schwingerfest vom vorvergangenen Wochenende war ein idealer Härtetest für die Augsteinsche These: «Schwingen eignet sich schwerlich dazu, eine exklusive Identität zu markieren. Im Gegenteil, es verbindet die Schweiz mit der Welt», so Ethnologe David Signer in der «NZZ am Sonntag». «Schwingen hat etwas Punkiges», verkündete Schauspieler Beat Schlatter und Christoph Fellmann stellte im «Tages-Anzeiger» abschliessend fest, dass «der Schweizkolorit ein effizientes Tool des freien und globalen Marktes» sei. Auf dem Papier mögen diese Behauptungen stimmen, wer aber in Frauenfeld war, sieht sich eines Besseren belehrt: von Globalität keine Spur, der Ausländeranteil bewegte sich im untersten Prozentbereich. Auch der Bezug zur Punkszene ist zwar originell, doch auch nur eine Ausrede: Steht Punk für Anarchie, so spielt sich der Schwingsport seit Hunderten von Jahren nach den gleichen starren Regeln ab. Vielleicht ist die Wahrheit aber eine andere: Könnte es nicht sein, dass der Schwingsport gleich geblieben und sich lediglich der Schweizer, ermattet vom ganzen Solidaritäts-, Multikulti- und Globalitätsgehabe, gewandelt hat? Die Ringierpresse mochte bei der ganzen Deutungsschlacht nicht mitmachen: Britschgi Hannes’ Schlussgang als «SonntagsBlick»-Chefredaktor gestaltete sich nochmals als guteidgenössischer «Hoselupf»: Blocher Christoph und von Rohr Chris auf dem Titel, die Schwingerelite im Hauptteil und Gölä als Dessert im Magazin. Die Gefahr, dass Britschgis Nachfolger, der ehemalige «Bild»-Journalist Karsten Witzmann, auf hiesiges Brauchtum verzichten werde, ist trotz aller Bedenken ziemlich klein: Schwingen tönt in deutschen Boulevardohren wie Swingen. Wo waren die Punker?
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